Medien: Blatter-Rücktritt nicht freiwillig

SID
Mittwoch, 03.06.2015 | 09:38 Uhr
Will sich Sepp Blatter nur vor seiner Verantwortung drücken?
© getty
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Sepp Blatter im Visier: Nur Stunden nach der Rücktrittsankündigung des FIFA-Präsidenten und dem erschütternden Beben in Zürich beginnen die Spekulationen über Joseph S. Blatters vielleicht nicht freiwilligen Schritt runter vom Weltfußball-Thron. Laut ABC News und der im FIFA-Skandal bestens informierten New York Times ist der 79-Jährige endgültig ins Zentrum der Korruptionsermittlungen geraten - und versuche nun, allein sich selbst zu retten.

"Warum ist er nicht letzte Woche zurückgetreten?", sagte der englische Verbandsboss Greg Dyke: "Offensichtlich gibt es eine 'smoking gun' (einen eindeutigen Beweis, d. Red.) oder Ähnliches." Die US-Bundesbehörde FBI ermittelt seit Monaten wegen des Verdachts auf Geldwäsche und der Bildung kriminellerer Organisationen.

Die Festnahmen von sieben hochrangigen FIFA-Funktionären vor einer Woche in Zürich hatten den unglaublichen Skandal losgetreten, der (vorläufig) am Dienstagabend in Blatter Rücktritt gipfelte - nicht einmal 100 Stunden nach seiner am vergangenen Freitag in Zürich erfolgten Wiederwahl als FIFA-Boss.

Blatters Tochter Corinne Blatter-Andenmatten (54) dementierte im Blick, dass die Demission ihres Vaters mit den neuen FBI-Ermittlungen zu tun gehabt hätte: "Mit dieser Entscheidung wollte er in erster Linie auch uns, seine Familie, schützen. Seine Entscheidung hat nichts, aber auch gar nichts, mit den kursierenden Anschuldigungen zu tun. Mein Vater ist ein ehrlicher Mensch, der sein Leben dem Fußball gewidmet hat."

Die Ankündigung ihres Vaters sei insofern eine Erleichterung, als der von allen Seiten aufgebaute Druck jetzt wegfalle: "Zuletzt ging es nur noch darum, ihn fertig zu machen. Das hat mir extrem wehgetan."

Wer packt gegen Blatter aus?

Die Anklageschrift des New Yorker Gerichts belastet insgesamt 14 Personen, darunter neun aus dem direkten FIFA-Umfeld, schwer. Bislang waren Blatter und sein Generalsekretär Jerome Valcke nicht auf der Liste der Verdächtigen aufgetaucht.

Das, so die US-Medien, habe sich nun zumindest intern geändert, das FBI und die New Yorker Bezirksstaatsanwaltschaft dementierten allerdings offizielle Untersuchungen.

Unklar ist der Einfluss der bereits Verhafteten, beispielsweise der ehemaligen FIFA-Vizepräsidenten Jeffrey Webb (Kaimaninseln) und Eugenio Figueredo (Uruguay). Die sieben in der Schweiz ins Auslieferungshaft sitzenden Funktionäre könnten, so spekuliert ABC News, im Rahmen ihrer Befragungen gegen Blatter aussagen und die Situation grundlegend ändern.

"Jetzt, wo die Leute sich selbst retten wollen, gibt es möglicherweise ein Rennen, wer zuerst gegen Blatter auspackt", zitiert der Sender eine Quelle. In den USA sitzt zudem "Whistleblower" Chuck Blazer, der als früheres Mitglied des FIFA-Exekutivkomitees dem FBI seit Jahren Interna liefert.

Blatter bleibt schwammig

Blatter selbst war in der Begründung seines Rücktritts schwammig geblieben. "Ich sah mich gezwungen, mich wieder zur Wahl zu stellen, weil ich glaubte, dies sei für die Organisation das Beste. Die Wahl ist vorbei, aber die Herausforderungen für die FIFA nicht", sagte er: "Die FIFA muss gründlich überholt werden."

Kurz zuvor war Valckes Name im Mittelpunkt des Skandals aufgetaucht, weil er offensichtlich von einer dubiosen Zahlung von zehn Millionen Dollar wusste, die vom südafrikanischen Verband über ein FIFA-Konto Richtung Amerika an den ebenfalls angeklagten früheren FIFA-Vize und einstigen CONCACAF-Chef Jack Warner (Trinidad und Tobago) ging.

Wegen Verstrickungen wie dieser waren die Reaktionen auf Blatters Rücktritt auch in der Nacht auf Mittwoch überwiegend positiv. "Es ist eine wichtige Zeit für die FIFA. Sie muss sich ändern und nach vorne blicken", sagte die brasilianische Ikone Pele der BBC in Havanna. Die FIFA benötige dafür "aufrichtige Personen". Der frühere DFB-Präsident Theo Zwanziger (69) sagt bei hr-Info, Blatters Schritt sei "eine Riesenchance für den Weltfußball".

"Bestmöglicher Weg für die Zukunft"

Die Kontinentalverbände von Nord- und Zentralamerika sowie der Karibik CONCACAF und Asien AFC, wo Blatter Jahrzehnte lang große Unterstützung genoss, bekräftigten ihren Reformwillen. "Wir sind an einem wichtigen Punkt angelangt. Das ist eine Chance, die wir nicht vergeuden dürfen.

Die CONCACAF steht bereit, in dem Prozess der Erneuerung der FIFA mitzuwirken, um den Fußball für die kommenden Jahre zu stärken", wurde CONCACAF-Präsident Alfredo Hawit in einer Mitteilung zitiert. Die AFC teilte mit, die Situation genau zu beobachten: "Wir werden uns mit unseren Mitgliedsverbänden und Schwester-Konföderationen beraten, um der FIFA und dem Fußball den bestmöglichen Weg für die Zukunft zu bereiten."

Derweil tauchen immer neue Namen von möglichen Nachfolgern auf. Gehandelt werden die "alten" Wahlkämpfer Prinz Ali bin Al Hussein (39), Luis Figo (42), Michael van Praag (67) und David Ginola (48). Dazu UEFA-Boss Michel Platini (59) und der mächtige Scheich Ahmad al Fahad al Sabah (51). Die Neuwahlen finden zwischen Dezember 2015 und März 2016 statt.

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