"Welche Bombe soll hier explodieren?"

Montag, 17.11.2014 | 11:37 Uhr
Vicente del Bosque baut Schritt für Schritt den Kader um
© getty
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Die spanische Nationalmannschaft hinkt vor dem Duell mit Weltmeister Deutschland ihren besten Zeiten hinterher. Die Medien sind ungeduldig, Trainer Vicente del Bosque bleibt aber so ruhig wie immer. Für den Glanz sorgen mit Isco und Koke neue Gesichter.

Es läuft die 57. Minute der Partie zwischen Australien und Spanien. Ein Freundschaftsspiel ist es, mehr nicht. Der Weltmeister fährt nach Pleiten gegen Chile und die Niederlande so oder so Richtung Heimat. Beim Stand von 1:0 geht die Tafel des vierten Offiziellen nach oben. Kurz hebt sich der Kopf von El Guaje, der die Führung per Hacke erzielt hat, dann senkt er sich wieder.

Es ist das Ende der Nationalmannschaftskarriere von David Villa. Lange ist sein Weg über das Spielfeld bis zur Bank. Die Tränen beginnen schon zu fließen, als der Australier Matt McKay seinen Gegenspieler umarmt. Vorbei geht er an Xabi Alonso, vorbei an Vicente del Bosque. Die Bank steht und nimmt den Spieler, der Spanien zur Europa- und Weltmeisterschaft geführt hat, in ihren Reihen auf.

Kein Zeichen in Brasilien

Bilder zeigen später, wie Villa auf der Bank seinen Emotionen freien Lauf lässt. Umringt von Diego Costa, Pedro und Co-Trainer Javier Minano vergräbt er sein Gesicht in den Händen. Es ist das Ende einer großen Karriere im roten Dress seines Landes. Vicente del Bosque hätte ein Zeichen setzen können mit dieser Auswechslung. Einen jungen Spieler WM-Luft schnuppern lassen und eine neue Generation einläuten.

Er tat es nicht. Die Nummer 13 erschien auf der Wechseltafel. Juan Mata, fester Bestandteil der Seleccion, durfte den brasilianischen Rasen in Curitiba betreten. Del Bosque ist ohnehin kein Mann der großen Zeichen oder Gesten. Die Möglichkeit, schon in Brasilien einen Umbruch voran zu treiben, nahm er sich selbst bei der Kaderzusammenstellung.

Umbruch ist ein Wort, das er so oder so nicht gerne hört. Es geschieht alles möglichst fließend, ruhig, gelassen. Brüche soll es keine geben in seiner Amtszeit, kein Theater und kein Aufsehen. Wäre er in nicht in Salamanca geboren, würde man ihm wohl die katalanische Sturheit unterschieben. Was die Katalanen als ihre größte Stärke betrachten, wird im Rest Spaniens gerne belächelt.

Kein Zeichen nach Brasilien

Im Falle del Bosques ist es das Beste, was der Nationalmannschaft passieren kann. Zu diskutieren gab es viel nach dem peinlichen Aus bei der Weltmeisterschaft und dem Start in die neue Klubsaison. Der Coach diskutierte nicht mit. Er ließ und lässt die Medien machen. Während Sender wie "TV3" Körpersprache, Gestik und Mimik der Spieler und Trainer analysierten, nutzen die Printmedien ihre Chancen, um die Katerstimmung noch weiter aufrecht- und ihre Auflage hochzuhalten.

Neuer im Tor? CR7 im Sturm? Oder doch Modric im Mittelfeld? Macht mit beim offiziellen UEFA EM-Qualifikations-Managerspiel!

"Wir sollten nicht nach nutzlosen Entschuldigungen suchen", machte del Bosque im Anschluss an das Ausscheiden klar: "Die Niederlande und Chile waren besser als wir, wir sollten das wie gute Sportsmänner akzeptieren." Akzeptanz. Ein Wort, das das Land aufbrachte. Soll der entthronte Weltmeister sein Aus akzeptieren?

Wie so oft überhörte man das, was er eigentlich sagen wollte. "Wir müssen in die Zukunft blicken und uns für die nächsten Turniere vorbereiten. Man darf im Fußball niemals stillstehen. Wir müssen jetzt nach neuen Spielern suchen. Spanien muss nicht vieles ändern, wir müssen nur weiter auf dem aufbauen, was bereits erreicht wurde."

Verband hält zum Trainer

Große und weitreichende Worte für den sonst so undurchsichtigen 63-Jährigen, der nur ungern Details an die Öffentlichkeit lässt. Eben diese hatte sich zu diesem Zeitpunkt schon an seinen ersten Worten festgebissen: "Wir sollten das akzeptieren." Die Nachfolger-Suche begann. Pep Guardiola, Juan Antonio Pizzi oder Luis Enrique - del Bosque befeuerte selbst: "Im Normalfall zieht ein solches Ausscheiden Konsequenzen nach sich."

Das hat es, allerdings nicht wie erwartet. Der Verband blieb stumm. Kein Wort verlor der RFEF über ihn, als ob sich der ruhige und so entspannte Geist des Trainers bis in die Führungsebenen verbreitet hätte. Die Konsequenzen begannen auf der rein sportlichen Ebene - in Sachen Spielermaterial und Taktik.

Bloß keine Revolution

73 Tage nach dem 3:0-Sieg in Curitiba über Australien standen gegen Frankreich neun Startelfänderungen zu Buche. Acht WM-Spieler waren nicht eingeladen worden, fünf Spieler feierten gar ihr Debüt mit der Furia Roja. Von einer "Revolution" sprach die "Marca", von einer "keiner Revolution" sprach del Bosque. Tatsächlich war es vielmehr ein Test, ein Tag der offenen Tür für Spieler aus der zweiten oder dritten Reihe.

Schon in der EM-Qualifikation ging es zurück zur alten Besetzung mit kleinen Stellschrauben und Änderungen im Detail. Das 5:1 über Mazedonien lieferte dabei genauso wenige Erkenntnisse, wie die Niederlage zuvor in Frankreich. Auch in der Slowakei setzte der Trainer auf altbekannte Namen in der Startaufstellung - und verlor mit 1:2. "Wo bleibt die Revolution?", fragte "La Informacion" und titelte: "Del Bosque bleibt im Brasilien-Modus."

Dass sich das Spiel der Spanier weitreichend verändert hat und gegen die Slowakei schlicht an der eigenen Unfähigkeit im Abschluss scheiterte, blieb wie so oft verborgen. Den Brasilien-Modus hatte del Bosque zu diesem Zeitpunkt schon abgehakt. Nicht nur, dass sich der Altersdurchschnitt um fast zwei Jahre gesenkt hat, auch in taktischer Hinsicht ist eine Weiterentwicklung seit jenem 3:0 über Australien erkennbar.

Ziel: Den Grundbaustein erweitern

Gegen Weißrussland fand das Spiel erstmals seine volle Entfaltung. Die Seleccion ist weggekommen von alten Problemen und orientiert sich neu. Wie angekündigt baut der Trainer auf dem auf, was er und Luis Aragones begonnen haben und versieht es mit Elementen, die ihn in Brasilien beeindruckt haben.

"Die taktische Variabilität" habe ihn überrascht, gab er nach dem Turnier zu und versucht dies nun auch seinem Team einzuimpfen. Dabei kommt der Rücktritt von Xavi und Xabi Alonso, bei allem Respekt vor deren Verdiensten, wie gerufen. Das vielleicht größte Problem der spanischen Nationalmannschaft kann ad Acta gelegt werden: Die Zentrumsbesetzung mit den beiden Altstars, sowie Andres Iniesta, Sergio Busquets und teilweise auch David Silva.

Seite 1: Langsame Neu-Orientierung nach der WM

Seite 2: Mehr Flexibilität und weniger Zentrumsfokus

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