Fussball

WM in Russland derzeit "unvorstellbar"

SID
Nach den Unruhen kommt Kritik an der WM 2018 in Russland auf
© getty

Darf Russland nach dem Skandal um den Flugzeugabsturz über der Ostukraine die Fußball-WM 2018 noch ausrichten? Namhafte Sportpolitiker haben sich dagegen ausgesprochen und wollen die Endrunde neu vergeben. Die Bundesregierung indes gibt sich zögerlich und sieht keinen aktuellen Handlungsbedarf.

"Wir haben äußerst gute, freundschaftliche Beziehungen zum russischen Fußballverband und dem dortigen WM-Organisationskomitee, aber wir beobachten mit sehr großer Sorge die politische Entwicklung in Russland, die bei der Vergabe der WM im Dezember 2010 so nicht absehbar war", meinte DFB-Präsident Wolfgang Niersbach.

Walther Tröger, ehemaliger Präsident des früheren Nationalen Olympischen Komitees (NOK), forderte, dass die WM-Vergabe neu überdacht werde. Der Weltverband FIFA habe Verträge mit Russland und könne Druck ausüben. Wie Tröger dem Radiosender hr-info sagte, könnte die FIFA dem Gastgeberland beispielsweise sagen: "Wenn Ihr Euch mit solchen Kriegen befasst, haben wir große Probleme, Euch die WM zu überlassen."

Peter Beuth, Vorsitzender der Sportministerkonferenz der Länder und zugleich Innenminister von Hessen, sprach sich dafür aus, Russland die Austragung der Fußball-WM 2018 auf jeden Fall zu entziehen.

"Unvorstellbar"

"Solange Russlands Präsident Putin an der Aufklärung dieses entsetzlichen Ereignisses nicht aktiv mitwirkt und gegenüber den Separatisten nicht auf ein sofortiges Ende des Konflikts hinwirkt, ist ein weiteres großes Sportereignis wie die WM 2018 in Russland unvorstellbar", so Beuth.

Der 46-Jährige forderte die FIFA zum Handeln auf. "Aus meiner Sicht müssen die Gremien der FIFA sich nun bald zusammensetzen und neu bewerten, ob die WM-Vergabe an Russland im Jahre 2018 noch so aufrecht erhalten werden kann." Wie der CDU-Politiker weiter forderte, müssten Russland und Präsident Wladimir Putin aktiv an der Untersuchung über die Ursache an der Absturzstelle mitwirken. Insbesondere müsse Putin auf die prorussischen Separatisten einwirken, den Konflikt in und mit der Ukraine umgehend zu beenden.

Auch die Grünen-Politiker Özcan Mutlu (Sprecher für Sportpolitik) und Monika Lazar (Obfrau im Sportausschuss) sprachen sich für Konsequenzen aus. "Wir fordern die FIFA auf, über eine Neuvergabe der Fußball-Weltmeisterschaft 2018 in Russland ernsthaft zu diskutieren", erklärten die Oppositionspolitiker. "Es kann nicht sein, dass wir einem Land, das Menschen- und Bürgerrechte mit Füßen tritt, erneut eine globale Plattform für Putins Selbstinszenierung bieten."

"Dringendere Probleme"

Die Bundesregierung indes wollte sich in der Form nicht an der Debatte beteiligen. Bis zur WM seien es "noch vier Jahre hin. Ich glaube, wir haben dringendere Probleme", sagte Regierungssprecher Georg Streiter. "Ich würde dazu raten, sich jetzt um die aktuellen Probleme zu kümmern. Es ist noch ein langer Weg bis 2018. Es ist auch keine Entscheidung der Bundesregierung, wo eine WM stattfindet", so Streiter. Ein Sprecher des Innenministeriums bestätigte, dass Vize-Kanzler Sigmar Gabriel eine solche Debatte derzeit ebenfalls "nicht für sinnvoll" halte.

Sportsonderberater Willi Lemke von den Vereinten Nationen (UN) sprach sich gegenüber dem "SID" ebenfalls für eine deutliche Trennung von Sport und Politik aus. "Ich halte nichts von den Aussagen einiger Politiker, die Russland jetzt die WM wegnehmen wollen. Die Politik sollte sich tunlichst aus solchen Entscheidungen heraushalten und die Unabhängigkeit der Sportverbände akzeptieren", so Lemke.

Der 67-Jährige wies darauf hin, dass man bezüglich der WM-Vergabe an Russland aber auch der Vergabe der Endrunde vier Jahre später an Katar, die wegen möglicher Manipulationen ebenfalls in der Kritik steht, den Untersuchungsbericht von FIFA-Chef-Ermittler Michael Garcia zum Bewerbungsprozess abwarten sollte. Dafür sprach sich auch Tröger aus. Die FIFA solle in beiden Fällen prüfen, inwieweit bei der Vergabe "alles richtig vorgegangen sei und ob das alles ein Gesicht" habe, so Tröger.

Eher vorsichtig äußerte sich auch der ehemalige DFB-Präsident Theo Zwanziger. "Der Ruf nach einem Einschreiten der Fifa kommt immer sehr schnell. Dabei hat ein Boykott im Sport nur selten etwas gebracht und deshalb halte ich von einem solchen Vorschlag auch nichts", wird das FIFA-Exekutiv-Mitglied bei Handelsblatt Online zitiert.

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