"Davon hat sich Assauer nie erholt"

Von Interview: Jonas Schützeneder/Max Schöngen
Samstag, 19.07.2014 | 17:00 Uhr
Andreas Müller (l.) und Rudi Assauer arbeiteten gemeinsam auf Schalke
© imago
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Andreas Müller arbeitete in der Bundesliga für den FC Schalke 04 und 1899 Hoffenheim. Bei SPOX spricht der 51-Jährige über seine intensive Zeit mit Rudi Assauer, seinen bitteren Abgang bei den Königsblauen, eine Backpfeife und die fehlende Loyalität zwischen Mirko Slomka und ihm. Zudem erzählt Müller von seiner Arbeit als Sportdirektor bei Rapid Wien.

SPOX: Herr Müller, eine ganz entscheidende Rolle in Ihrer Karriere hat Rudi Assauer gespielt. Wie würden Sie Ihr früheres Verhältnis beschreiben?

Andreas Müller: In unserer gemeinsamen Zeit bei Schalke habe ich mit ihm mehr Zeit verbracht als mit meiner Frau. Wir haben eigentlich alles zusammen gemacht. Er gab mir die Möglichkeit, sehr viele Dinge aktiv mitzugestalten, bei denen er mir freie Hand gelassen hat.

SPOX: Wann haben Sie ihn zuletzt gesehen?

Müller: Im vergangenen April war ich auf seinem 70. Geburtstag. Zusammen mit anderen Kollegen von früher war ich dort eingeladen. Ich glaube, dass er im Laufe des Abends gemerkt hat: Da gehöre ich hin. Wir haben wie früher zusammen mit ihm gesungen, ich denke, er hat sich sehr wohl mit uns gefühlt. Dennoch tat das alles schon weh.

SPOX: Was hat ihn für Sie so besonders gemacht?

Müller: Er hatte eine ungeheure Ausstrahlung, er war einfach ein Macher, mit einer unglaublichen Nase für das, was wichtig war im Verein, sei es Stadionbau, Sponsoren oder bei Personalentscheidungen. Es ist schon bitter, das heute zu sehen, dass er heute nicht mehr so am Leben mit allen Beteiligten teilnehmen kann, wie es vorher der Fall war. Ich glaube dennoch, dass er nach wie vor noch eine gute Zeit hat und auch noch länger haben wird. Immerhin hat er sehr viele Freunde und Bekannte, die immer für ihn da sind.

SPOX: Sein Abschied auf Schalke verlief damals auch nicht ganz problemlos. Wie haben Sie das erlebt?

Müller: Ich habe damals wirklich mit dem Aufsichtsrat darum gekämpft, dass er weiter bleiben kann. Für ihn war die Funktion des Präsidenten vorgesehen, ich habe ihm gesagt, er müsse das machen, ich wollte unbedingt weiter mit ihm arbeiten. An der Zusammenarbeit hätte sich ohnehin nichts geändert. Er war das Gesicht des Vereins, wir hätten auch wie zuvor die sportlichen Geschicke gemeinsam geleitet, vielleicht funktionell ein bisschen anders aufgeteilt. Letztendlich war für mich klar: Wenn Rudi weg ist, wird es schwieriger für mich. Deswegen war ich auch der vollen Überzeugung und habe es ihm auch so mitgeteilt, dass er doch bitte dieses Angebot als Präsident annehmen soll.

SPOX: Er hat es abgelehnt...

Müller: Er war enttäuscht darüber und das kann ich auch verstehen, dass man ihn so abspeisen wollte. Er nannte das "Frühstücksdirektor", da kam dann der typische Assauer raus: "Was wollen die von mir?", "Ich mache die jetzt mal alle platt!", das waren noch die harmlosesten Dinge, die er gesagt hat. Ich denke von dieser Geschichte hat er sich letztlich auch nie erholt.

SPOX: Blicken wir auf Ihre Zeit bei Schalke. Sie haben Mirko Slomka dort einst entlassen, obwohl er in der Meisterschaft den dritten Platz belegte und in der Champions League ins Viertelfinale eingezogen ist. Warum?

Müller: Fehlende Loyalität. Punkt. Mehr möchte ich dazu nicht sagen.

SPOX: Die Entscheidung, so lange an Fred Rutten festzuhalten, hat Ihnen bei Schalke einst den Kopf gekostet.

Müller: Ich habe damals allen gesagt, dass ein Trainer kommen wird, mit dem man ein Jahr Zeit braucht. Alle wussten das und ich habe aber auch allen erklärt, dass in diesem Jahr wahrscheinlich Chaos pur sein wird, denn er wird viele Dinge umstellen, er wird vieles verändern und verbessern wollen, das wird aber ein Jahr Zeit in Anspruch nehmen. Und es ist ja ganz klar, dass die Zeit bei Schalke nicht da ist.

SPOX: Was würden Sie anders machen?

Müller: Ich glaube, dass ich es einfach ein bisschen unterschätzt habe, dass sich Fred Rutten in der Öffentlichkeit nicht so gut präsentieren konnte. In der Nachbetrachtung muss ich sagen, dass man ihm wahrscheinlich jemanden an die Seite hätte stellen müssen, der seine Ideen auch eins zu eins medial rüberbringen kann. Wir hatten in dieser Saison aber auch unglaublich viel Pech.

SPOX: Sie wurden dann noch vor Rutten entlassen.

Müller: Ich hätte davor die Möglichkeit gehabt, zu handeln. Mir wurde zum Vorwurf gemacht, diesen Trainer nicht zu entlassen. Aber wieso soll ich gegen meine Überzeugung handeln? Ich war so überzeugt von diesem Trainer und ich war auch überzeugt, dass dieser Trainer die Mannschaft fußballerisch weiterbringt. Dann handle ich nicht gegen meine Überzeugung. Auch wenn ich letztlich daran glauben muss. Wenn im Stadion 60.000 Menschen "Müller raus" brüllen, bleibt dem Aufsichtsrat auch nicht mehr viel Handlungsspielraum.

SPOX: Vor dem Hintergrund Ihrer Verdienste auf Schalke: Was ging in Ihnen vor, als ein ganzes Stadion den Rauswurf forderte?

Müller: Keine Frage, das ist nicht angenehm, aber so ist das Profigeschäft, damit muss man klarkommen. Solange das nur mich betrifft, ist das auch kein Problem. Aber wenn das in die Familie reingeht, wird das zum Problem. Wenn deine Kinder das auch zu spüren bekommen, und dann nicht mehr so fröhlich durch das Leben gehen, ist das schon eine Geschichte, bei der man sich fragen muss, ob das alles noch Sinn macht.

SPOX: Einige Jahre zuvor standen Sie beim Meisterschaftsfinale 2001 ganz dicht am großen Triumph. Es gibt dieses legendäre Interview gemeinsam mit Rollo Fuhrmann. Denken Sie noch daran zurück?

Müller: Gar nicht mehr. Ich habe ihn seitdem auch regelmäßig gesehen, zuletzt beim Pokalfinale in Berlin. Jedes Mal, wenn wir uns treffen, lachen wir uns darüber kaputt. Es sollte damals einfach nicht sein, er konnte ja überhaupt nichts dafür, er hat das auch schon hunderte Male erklärt. Er hatte einfach gar keine Informationen. Heute kann ich darüber schmunzeln und ihm ja nicht böse sein deswegen.

SPOX: Beim Interview mit Fuhrmann trugen Sie ein HSV-Trikot. Gibt es das noch?

Müller: Das war von Niko Kovac, mit dem hatte ich mal das Trikot nach dem Spiel getauscht. Ich bin vor wenigen Wochen umgezogen, dabei habe ich sämtliche Trikots, die ich in meiner Karriere gesammelt habe, einem guten Freund gegeben. Die werden jetzt alle versteigert und der Erlös kommt einem guten Zweck zu Gute. Bei mir lagen sie ohnehin nur im Schrank, eines habe ich behalten, das ist das Endspiel-Trikot von 1997 von Ciriaco Sforza, den Rest habe ich freigegeben. Damit hat es ja dann doch noch was Gutes.

Seite 1: Müller über Assauer und ein legendäres Interview

Seite 2: Müller über seine Zeit in Hoffenheim und eine Backpfeife

Seite 3: Müller über Rapid und den österreichischen Fußball

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