Gladbachs Wunschtorhüter Yann Sommer im Porträt

Symbiose aus Genie und Wahnsinn

Von Daniel Reimann
Mittwoch, 22.01.2014 | 18:41 Uhr
Yann Sommer traf in der laufenden Champions-League-Saison bereits auf Schalke 04
© getty
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Yann Sommer ist einer der Favoriten auf die Nachfolge von Marc-Andre ter Stegen bei Borussia Mönchengladbach. Der Basler Keeper ist ein überragender Rückhalt und ähnelt dem Noch-Gladbacher. Der Borussia bliebe so eine Umgewöhnung erspart - mit einer Ausnahme.

Jeder Torhüter verhält sich anders beim Elfmeter. Manche bleiben konzentriert, verzichten auf Faxen. Andere wiederum versuchen den Schützen aus der Ruhe zu bringen - mal subtil, mal offensichtlich. Doch was Yann Sommer im Pokalendspiel 2012 veranstaltete, spottet jeder Beschreibung.

Es steht 4:2 im Elfmeterschießen. Luzern ist an der Reihe. Über Florian Stahel schwebt ein riesiges Damoklesschwert. Verschießt er, holt Basel den Cup. Und es beginnt die große Show des Yann Sommer.

Der Basler Keeper rudert mit den Armen, deutet wild mit den Zeigefingern in beide Ecken. Plötzlich streckt er die Zunge heraus, so weit er nur kann und lacht Stahel mit der Miene eines Wahnsinnigen an. In bestem Schweizerdeutsch ruft er ihm zu: "Wenn en nöd machsch, isch fertig." Wenn du den nicht machst, ist's fertig...

Stahel versucht cool zu bleiben, geht ein paar Schritte zurück. Doch Sommer setzt noch einen drauf: "Komm, komm, komm, komm!", ruft er, während Stahel anläuft. Der Schütze visiert die rechte Ecke an. Sommer taucht ab - und hat ihn! Basel ist Pokalsieger.

"Irgendein Teil im Kopf ist nicht ganz dicht"

"Wir beide hatten großen Druck. Bei seinem Versuch war es die folgende Situation: Trifft er, dann geht es weiter. Trifft er nicht, dann haben wir den Pokal. Das habe ich ihm einfach noch einmal klar gemacht", erklärte Sommer nach dem Spiel seine Beweggründe.

Dabei ist es nicht das erste Mal, dass er bei einem Elfmeter den Gegner in den Wahnsinn trieb. Im gleichen Spiel hatte er bereits Moshe Ohayon mit Erfolg irritiert, als er ihm zuerst den Ball entgegen warf und kurz vor der Ausführung ihm noch ein paar Worte flüsterte. Oder im Viertelfinale der Europa League, als er Tottenhams Tom Huddlestone zweimal mit dem Zeigefinger signalisierte, er möge doch in die linke Ecke schießen. Huddletone gehorchte, Sommer hielt.

Ein normaler Keeper ist er nicht. Das unterstrich er nach dem Spiel eindrucksvoll, als er kurzerhand den gemeinsamen Siegesrausch mit Fans und Mannschaft mit dem eigenen Handy dokumentierte und via Facebook der Öffentlichkeit präsentierte.

Torhüter seien nun einmal von Grund auf verrückt, argumentiert Sommer. "Man muss ein bisschen verrückt sein, irgendein Teil im Kopf ist nicht ganz dicht - andernfalls würde man sich nicht freiwillig abschießen lassen", erklärte er der "Basler Zeitung".

Die Ruhe eines dreimaligen CL-Siegers

Doch neben seinen teils schrägen Charakterzügen zeichnet Sommer vor allem eins aus: Er ist ein verdammt starker Rückhalt - weit über das Elfmeterschießen hinaus. Der 25-Jährige verfügt über fantastische Reflexe und eine sehr gute Antizipation. Damit ist er sowohl aus nächster Nähe als auch aus großer Distanz nur schwer zu überwinden.

Dazu besitzt er eine außergewöhnliche Coolness, die schon zahlreiche Top-Klubs zum Verzweifeln brachte. So wie im Dezember 2011, als der damals 22-Jährige mit einer bärenstarken Leistung seinen Teil dazu beitrug, dass Manchester United das Achtelfinale der Champions League verpasste. "Der 22-jährige Yann Sommer im Tor strahlte die Ruhe eines dreimaligen Champions-League-Gewinners aus", diagnostizierte die "SZ".

Dass er nun ausgerechnet in den Fokus von Borussia Mönchengladbach geraten sein soll, dürfte jedoch hauptsächlich an einer anderen Facette Sommers liegen. Sommer ist spielstark, absolut souverän am Ball und das - analog zu ter Stegen - mit beiden Füßen.

"Die Art und Weise, wie wir Fußball spielen, bedeutet, dass wir einen spielstarken Torhüter haben wollen", verdeutlichte Gladbachs Sportdirektor Max Eberl unlängst. Ein Anforderungsprofil, das Sommer erfüllt.

Der nächste Schritt als logische Konsequenz

Er selbst scheint angetan vom Interesse der Borussia. "Es wäre unlogisch, wenn man ein Angebot aus Gladbach nicht prüfen würde, wenn es eines geben sollte. Es ist schließlich immer noch nicht alltäglich, dass ein Schweizer in die Bundesliga wechseln kann", sagte Basels Torhüter.

Dass er öffentlich mit einem Wechsel in die Bundesliga kokettiert, ist dabei nur verständlich. In Basel hat der 25-Jährige nahezu alles erreicht, was mit Basel möglich ist: Sommer wurde dreimal in Folge Schweizer Meister und einmal Pokalsieger. Auf internationaler Ebene feierte er bemerkenswerte Siege gegen Chelsea und ManUtd, in der Europa League knockte Basel die Spurs aus.

Nun scheint die Zeit reif, um den nächsten Schritt in die vielleicht stärkste Liga der Welt zu machen. Zumal es angesichts der Fülle von vielversprechenden Nachwuchstorhütern in Deutschland nicht oft vorkommt, dass sich ein ambitionierter Klub bei der Torwartsuche im Ausland umsieht.

Vom Schlag eines ter Stegen

Doch Sommer ist von einem ähnlichen Schlag wie Noch-Gladbach-Keeper ter Stegen. Den Gladbacher Feldspielern würde somit eine fundamentale Umgewöhnung erspart bleiben - zumindest in sportlicher Hinsicht. Menschlich trennen den extrovertierten Sommer und den besonnenen ter Stegen Welten.

Auf die verrückten Irritationsversuche bei Elfmetern müssen die Bundesliga-Fans jedoch womöglich verzichten. Denn, so erklärte Sommer nach dem Pokalsieg von 2012: "Das mit der Zunge mache ich nicht mehr." Manch ein Elfmeterschütze wird froh sein.

Yann Sommer im Steckbrief

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