Aus dem Schatten des Big Brother

Von Matti Peters
Mittwoch, 05.02.2014 | 15:52 Uhr
Thorgan Hazard spielt beim belgischen Erstligisten Zulte-Waregem
© getty
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Ende Januar wurde ein Hazard zu Belgiens Spieler des Jahres gewählt. Es war allerdings nicht Eden vom FC Chelsea, sondern dessen kleiner Bruder Thorgan. Der 20-Jährige gilt jetzt schon als der bessere der beiden Brüder.

Jeder kennt Eden Hazard. Er ist einer der begehrtesten Spieler im europäischen Fußball und gehört nach dem Achtungserfolg von Jean Marie Pfaff, Enzo Scifo und Co. bei der WM 1986 in Mexiko zur nächsten goldenen Generation Belgiens.

Als Gruppenerster qualifizierten sich die neuen Roten Teufel souverän für die Weltmeisterschaft 2014 in Brasilien. Dort gehört Belgien längst zum erweiterten Favoritenkreis. Eden hat daran einen großen Anteil.

Der dribbelstarke Feingeist des FC Chelsea ist allerdings nicht der einzige Hazard, der derzeit die Blicke der Fußballanhänger und Medien Europas auf sich zieht: Einer von drei weiteren Hazard-Brüdern, Thorgan Hazard, schickt sich an, seine eigene Geschichte zu schreiben und nicht mehr nur als der "kleine Bruder" von Belgiens Ausnahmetalent Eden angesehen zu werden.

Als "Thor" gefeiert

Thorgan entstammt einer Fußball-Familie wie sie im Buche steht. Seine Mutter Carine und sein Vater Thierry spielten früher beide im belgischen Profifußball. Geboren in der Provinz Hennegau, durchläuft er wie sein großer Bruder die Jugendabteilungen von Stade Brainois und dem AFC Tubize.

Von seinen Mitspielern wird er aufgrund seines kräftigen Vollspannschusses mit dem Comic-Spitznamen "Thor" bedacht. In der Folge trennen sich die Wege des Geschwisterpaares. Eden versucht sein Glück beim OSC Lille, Thorgan treibt es nur 35 Kilometer südlicher zum Racing Club de Lens.

Thorgan der bessere Hazard?

Im Jahr 2011 schafft er, begünstigt durch den Abstieg und dem damit verbundenen Umbruch innerhalb des Vereins, den Sprung in die erste Mannschaft des RC Lens. Eden hingegen gelingt der endgültige Durchbruch mit dem Double des OSC und der Wahl zum besten Feldspieler der höchsten französischen Spielklasse.

Der Status der beiden Hazard-Brüder könnte zu diesem Zeitpunkt nicht unterschiedlicher sein: Der eine wird als gefeierter Star der Ligue 1 von vielen europäischen Top-Klubs umgarnt, der andere muss den schweren Weg dorthin über ein paar Einsätze in der zweiten Liga versuchen. Trotzdem wird dem Jüngeren von Eden und diversen Jugendtrainern das "größere Talent" attestiert.

Der große Traum

Thorgans Ziel ist es, einmal mit seinem größeren Bruder gemeinsam auf dem Platz zu stehen. Im Sommer 2012 kommen die beiden jungen Belgier diesem Traum bereits sehr nahe. Eden wechselt für eine Ablösesumme von 40 Millionen Euro auf die Insel zum FC Chelsea. Wenig später wird auch "Thor" von den Blues an die Stamford Bridge geholt.

Eden Hazard im Porträt: Schlampiger Alleskönner

Folglich berichten britische Medien, dass der Transfer insbesondere auf Geheiß des älteren Bruders realisiert wurde und dass sich Thorgan ohne den Windschatten von Eden "niemals so entwickelt hätte".

In gewisser Hinsicht fühlen sich die Tabloits auf der Insel auch in ihren Aussagen bestätigt, als der jüngere Hazard noch vor Beginn der Saison 2012/2013 an den belgischen Erstligisten Zulte-Waregem ausgeliehen wird.

Vom Nobody zum "Sonnenschein"

Von Anfang an ist Hazard fester Bestandteil der Belgier und nimmt eine Entwicklung, die viele nicht für möglich hielten. In seiner ersten Saison für Zulte läuft er dem bis dahin etablierten Spielemacher Franck Berrier den Rang ab und bildet mit Junior Malanda und Jonathan Delaplace das beste Mittelfeldtrio der Jupiler Pro League.

Hazard wird in den belgischen Medien zum "Sonnenschein", der dem "tristen Regenbogenstadion des SV Zulte-Waregem wieder neues Leben eingehaucht" hat.

Bis zum letzten Spieltag ist die erste Meisterschaft der Vereinsgeschichte möglich. Verhindert wird der Triumph nur durch den belgischen Serienmeister RSC Anderlecht. Hazards Leistungen werden von Belgiens Nationaltrainer Marc Wilmots im Mai 2013 mit der Nominierung für das Länderspiel gegen die USA belohnt.

Für Thorgan ist es die nächste Chance, den großen Traum wahr werden zu lassen. Die Verletzung von Eden lässt die Reunion allerdings platzen. Zuvor hatte dieser noch eifrig Werbung für den kleinen Bruder betrieben: "Könnt ihr ihn nicht ins Team schreiben?", scherzte er kürzlich mit belgischen Journalisten. "Ich hab ihm schon Hinweise gegeben, aber es hat noch nicht geklappt."

Privilegien und ein Reifungsprozess

In der Sommerpause wird Hazard von den Ligakonkurrenten aus Genk und Anderlecht umworben, ein Verbleib beim Überraschungsteam der vergangenen Saison scheint ausgeschlossen. Zur Verwunderung aller unterschreibt Hazard trotz angeblich mündlicher Zusage an Racing Genk einen neuen Vertrag bei Zulte.

Spätestens als erste Details des neuen Leihgeschäft durch belgische Medien enthüllt werden, wird klar, warum Hazard in Waregem geblieben ist. Einige Klauseln garantieren dem mittlerweile 20-Jährigen unter anderem die Kapitänsbinde, die Trikotnummer zehn und den Vorrang bei jeglichen Standardsituationen.

Privilegien, die dem Rest der Mannschaft so gar nicht gefielen. Speziell die Wahl zum Spielführer wurde mannschaftsintern scharf kritisiert, sodass Thorgan diese Funktion aus Rücksicht wieder abgab. Eine Entscheidung, die von Reife zeugt.

Der Schritt aus dem Schatten

Mit einer starken Hinrunde betreibt Hazard auch im zweiten Jahr bei Zulte mächtig Eigenwerbung. Neun Tore und elf Vorlagen machen ihn nach 24 Spieltagen zum Top-Scorer der Liga. Da ist es kein Wunder, dass der junge Spielmacher an etwas weniger als der Hälfte der Treffer von Zulte direkt beteiligt war.

Umso überraschender war jedoch das Ergebnis der Wahl zum Fußballer des Jahres in Belgien. Thorgan Hazard holte sich den begehrten "Soulier d'Or" vor dem zeitweise vom VfL Wolfsburg umworbenen Belgier Maxime Lestienne.

Spätestens jetzt sollten auch die letzten Kritiker des "kleinen" Hazard verstummen. Sie müssen eigentlich sogar anerkennen, dass er längst nicht mehr im Windschatten des Bruders fährt, sondern seine eigene Geschichte schreibt.

Egal, ob er im nächsten Sommer zu Chelsea zurückkehrt oder nicht: Der große Traum, an der Seite von Eden auf Torejagd zu gehen, wird mit der Leistungsexplosion von "Thor" zwangsläufig in Erfüllung gehen. Vielleicht ja schon mit den Roten Teufeln in Brasilien.

Thorgan Hazard im Steckbrief

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