Arschglückliches Milan ist wie Barca ohne Messi

SID
Montag, 04.02.2013 | 14:51 Uhr
Mario Balotelli (2.v.r.) schoss bei seinem Debüt für Milan zwei Tore
© Getty
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Die Rossoneri feiern Messias Balotelli und schämen sich für ein Elfmeter-Geschenk. Ex-Roma-Coach Zeman erfährt von seiner Entlassung beim Golfspielen und Benitez bekommt eine letzte Galgenfrist. Außerdem: Busquets bleibt auch nach einem Horrorfoul an ihm der nette Junge von nebenan. Die Blitzlichter aus Europa, zusammengetragen von unseren Korrespondenten vor Ort.

Serie A

Von Oliver Birkner

Spiel des Spieltags: Die Partie Milan gegen Udinese wäre wohl kaum in die Geschichtsbücher eingegangen, wenn da nicht eine gewisse Nummer 45 im Trikot der Rossoneri debütiert hätte. Mario Balotelli sollte ja eigentlich gar nicht von Beginn an auflaufen, doch Giampaolo Pazzini verletzte sich beim Warmmachen, und so kreischte der Stadionsprecher kurz vor dem Anpfiff: "Zum ersten Mal in San Siro mit dem richtigen Trikot, die 45, Maaaaarioooo Baaaaaaalotelliiiiiiiiiiiiii!" Schon nach 38 Sekunden verpasste er knapp seinen ersten Treffer, nach 25 Minuten erzielte er die Führung, er gab einige Zucker-Zuspiele, wie in der 94. Minute auf Stephan El Shaarawy, der dann einen Elfmeter herausholte. Balotelli verwandelte eiskalt zum 2:1-Sieg. Dass der Strafstoß unberechtigt war, interessierte die Milanisti in ihrer Balo-Manie nicht wirklich - Patron Silvio Berlusconi beließ es beim knappen Kommentar: "Was für ein Arschglück!", während Trainer Max Allegri eingestand: "So einen Elfer darf man nicht geben." Manager Adriano Galliani hingegen jauchzte: "Unser Dreiersturm erinnert an den von Barcelona - auch wenn wir keinen Messi haben."

Dafür aber in El Shaarawy, Niang und Balotelli drei gewöhnungsbedürftige Irokesenkamm-Experimente, die zusammen gerade einmal 60 Jahre aufweisen. Balotelli hatte seit dem letzten 28. November keine volle Partie mehr bestritten und japste: "Meine Beine sind ganz schön schwer - doch mein Auftritt war ein Schlag ins Gesicht für all jene, die sagten, ich hätte nicht das Zeug für Milan." Das dachte wohl auch so mancher Tifoso, denn neben den 24.000 Jahreskarten-Besitzern verloren sich bloß rund 11.000 zahlende Zuschauer. Die deckten sich aber flugs mit reichlich Schals und Shirts ein ("Balo is back!" - "Balo - Life is now!") und krächzten beim Verlassen des Stadions im Delirium: "Ein Phänomen! Inter weint und wir siegen mit den gol più belli di Balotelli!" Wahrlich ein märchenhafter Einstand für Supermario, der nun auch im Alltag aufatmen darf. Was er an England nicht vermissen werde, wurde er kürzlich gefragt, und verkündete: "In dieser Reihenfolge: Die Presse, das Essen, das Wetter und das Fahren auf der falschen Seite." Ist ja nun alles wieder begradigt. Balo is back!

Mann des Spieltags: Es ist so gut wie entschieden, dass Palermo-Diktator Maurizio Zamparini seinen Trainer Gian Piero Gasperini nach dem 1:2 gegen Atalanta in die Wüste schicken wird. Seit Zamparinis Eintritt in den Calcio 1987 würde der kauzige Zampano damit zum 49. Mal den Coach wechseln - wenn das mal kein globaler Rekord für die Ewigkeit ist! Und das von jenem Presidentissimo, der kürzlich forderte, der Fußball müsse wieder zu Loyalität und Vernunft zurückkehren. Zu Zamparinis Ehrenrettung sei verraten, dass er seinen Chauffeur und Piloten des Privatjets (übrigens aus der Insolvenzmasse von Leo Kirch ergattert) noch nie entlassen hat. Das ist wahrlich ehrenhaft.

Und sonst? Es hatte sich abgezeichnet, nun ist Roma-Trainer Zdenek Zeman auch faktisch entlassen. Der gebürtige Prager und Wahl-Römer erfuhr davon per SMS, als er nach dem gemütlichen Golfen am Samstag das Handy wieder einschaltete. Ein Journalist fragte Zeman, ob er mit 65 nach dieser Enttäuschung den Job an den Nagel hängen würde? "Um mich am Trainieren zu hindern, müsste man mich schon erschießen."

Zum Abschluss noch eine charmante Episode aus dem kunterbunten Komödienstadel der italienischen Politik. Bei einer kürzlichen politischen Veranstaltung mit einem Abgeordneten der Region Kampanien ließ es sich der aktuelle Parlamentarier Ignazio La Russa (Inter-Anhänger und bis Ende 2011 noch Verteidigungsminister) nicht nehmen, sich lächelnd mit einem Schal und dem Aufdruck "Scheiß Juve" samt Stinkefinger ablichten zu lassen. Ohne Italien wäre die Welt um so manche Humoreske ärmer.

Premier League

Von Raphael Honigstein

Spiel des Spieltags: Alan "Depardieu" Pardew und seine Franzosen-Truppe lieferten beim 3:2-Sieg über Chelsea das größte Spektakel des Wochenendes ab. Die Gäste lagen nach feinen Toren von Lampard und Mata 22 Minuten vor Schluss 2:1 vorne. Doch dann kam Neuzugang Moussa Sissoko und rannte die blaue Abwehr in Grund und Boden. Der 23-Jährige schoss mit seinen zwei Treffern Chelsea-Übergangslösung Rafa Benitez an den Rande des vorzeitigen Aus. "Ich habe noch nie so ein starkes Heimdebüt gesehen", sagte der von Sissoko begeisterte Pardew. Kollege Benitez muss nach dem vierten sieglosen Spiel in Folge dagegen schleunigst gegen Wigan gewinnen, um mindestens bis zum Saisonende auf der Bank sitzen zu bleiben. Laut dem "Telegraph" stünde im Falle einer weiteren Niederlage schon der nächste Aushilfscoach bereit: niemand geringeres als der hoch geschätzte Avram "Happy Finish" Grant soll in der Verlosung sein.

Mann des Spieltags: Schwer, hier nicht schon wieder Sissoko zu erwähnen. Aber Evertons Afro-Belgier Marouane Fellaini und Landsmann Christian Benteke (Aston Villa) hätten den Titel nach je zwei Toren beim 3:3 im Goodison Park auch verdient gehabt. Benteke, 22, war teilweise "unspielbar" von der Everton-Abwehr und wird im Falle eines Abstiegs definitiv nicht in die zweite Liga versetzt. "Er ist unbezahlbar", sagte Villa-Mittelfeldspieler Karim El Ahmadi über den Stürmer. Außerdem verriet Ahmadi noch ein super interessantes Kabinengeheimnis. "Sein Spitzname ist Chris", sagte der Niederländer. Wow.

Und sonst? Die traurigste Geschichte der Woche ereignete sich auf einer Bühne in Northampton. Paul Gascoigne erschien völlig besoffen zu einem Auftritt vor Fans und brach während seiner Rede in Tränen aus. "Er braucht 24 Stunden am Tag Betreuung, sein Leben ist in Gefahr", sagte Gordon Taylor, der Chef der Spielergewerkschaft. Man kann nur hoffen, dass der 45-Jährige irgendwie die Kurve kriegt. Selbiges konnte - rein buchstäblich - Paul Scholes nicht gelingen, um wieder zu den heiteren Dingen zu kommen. Dem Mittelfeldmaestro von Manchester United wurde direkt vor der Haustür der Jeep geklaut; er hatte den Motor laufen lassen, um die Windscheibe zu enteisen. Tja. Sowas geht in Manchester definitv nicht. Und was sich Peter Odemwingie leistete, geht schon gar nicht. Der 31-Jährige West-Brom-Stürmer fuhr am Donnerstag, dem Deadline-Day des Transferfensters, mit dem Auto nach London, um bei QPR zu unterschreiben; in einem Fernsehinterview freute er sich über die Herausforderung im Abstiegskampf. Leider war der Deal zwischen West Brom und Harry Redknapps Rangers aber überhaupt nicht durch, Odemwingie hatte keine Erlaubnis gehabt, mit QPR zu reden. WBA geißelte in einer Pressemitteilung sein "unprofessionelles Verhalten" und ließ den Wechsel platzen. So musste der arme Kerl wieder nach Hause fahren, obwohl er such zuvor sogar von den Kantinenköchen im WBA-Trainingszentrum verabschiedet hatte. Beim 0:1 gegen die Spurs am Sonntag war er, das kam nicht überraschend, nicht im Kader.

Primera Division

Von Paula Villamarin Temperan

Spiel des Spieltags: Da kommt an einem Spieltag mit wenig bahnbrechenden Ereignissen eigentlich nur der (Sensations-)Sieg des FC Granada gegen Real Madrid in Betracht. Es war bereits die fünfte Pleite der Königlichen in dieser Saison, insofern kommt die Null-Punkte-Heimreise aus Andalusien in die Hauptstadt gar nicht mal so überraschend. Doch der Inhalt war schon legendär. Ausgerechnet Cristiano Ronaldo verwechselte Abwehr mit Angriff, als er nach einer Ecke von Granada den Ball gekonnt mit dem Schädel ins eigene Tor streichelte. Das kommt halt davon, wenn Stürmer sich im eigenen Strafraum tummeln. Kann natürlich trotzdem passieren und Real hatte anschließend schließlich noch 68 Minuten Zeit, das Blatt zu wenden. Doch die Bemühungen der Königlichen waren überschaubar. "Eine schreckliche Partie von Real. Vorhersehbar und behäbig. Ohne Özil war niemand in der Lage, die Geschichte zugunsten Reals umzuschreiben", urteilte "Marca". Interessante These: In der Regel ist der deutsche Nationalspieler erster Adressat der teils ätzenden Kritik der spanischen Zeitungen.

Mann des Spieltags: Roberto Soldado und Sergio Busquets sind Nationalmannschaftskameraden und haben sich eigentlich ganz lieb. Davon war am Sonntagabend im Mestalla aber zunächst zu spüren. Valencia-Stürmer Soldado hatte sich den Ball zu weit vorgelegt, worauf Barca-Star Busquets zur fairen Powergrätsche ansetzte und deutlich vor Soldado am Ball war. Soldado musste früh erkannt haben, dass er diesen Zweikampf nicht gewinnen kann, alles andere wäre albern. Er reagierte darauf mit purem Frust und einem ganz ekligen Foul. Gestreckter rechter Fuß mit Schmackes in die Wade von Busquets gepresst. Ein Horrorvergehen. Warum Schiedsrichter Jose Luis Gonzalez Soldado dafür nur die Gelbe Karte zeigte, bleibt sein Geheimnis. Noch schlimmer: Soldado regte sich fürchterlich über die Verwarnungskarte auf. Größten Respekt muss man dafür für den Geschädigten haben. "Ich unterstelle Roberto keine Absicht. Ich war eher am Ball, da kann das schon mal passieren. Es war halb so schlimm", sagte Busquets. Wenn einem fast das Bein durchgetreten wird, darf man auch anders reagieren. Aber Busquets ist Busquets - ruhig, lässig, nett und ein überragender Fußballer.

Und sonst? Die Fußball-Welt hat offenbar einen neuen, in der Größenordnung noch nie dagewesenen Wettskandal. Der spanische Fußball obendrein einen eventuell bevorstehenden Dopingskandal. Die ersten Ratten kommen aus ihren Löchern, nachdem Blutdoping-Chefarzt Eufemiano Fuentes vor Gericht "gebeichtet" hatte, neben zahlreichen Radsportlern auch Tennisspieler und Fußballer betreut zu haben. Inaki Badiola, ehemaliger Präsident des Erstligaklubs Real Sociedad sprach in der "AS" angebliche illegale Praktiken seiner Vorgänger an. "Nach meinem Amtsantritt 2008 haben wir unsere Ärzte Eduardo Escobar und Antxon Gorrotxategi entlassen, weil sie in den sechs Jahren zuvor Zahlungen für Medikamente erhalten haben, die eindeutig als Dopingmittel klassifiziert wurden." 2003 wurde Real Sociedad fast spanischer Meister - mit unlauteren Mitteln? "Nein", sagt Ligaboss José Luis Astiazaran. In dem von Badiola genannten Zeitraum zwischen 2002 und 2007 hätten keinerlei Dpingpraktiken im spanischen Fußball stattgefunden, verkündete Astiazaran in einem sechs Punkte umfassenden Pamphlet. Wohl ein klassischer Fall von to be continued...

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