Der Mensch als Marke

Von Stefan Moser
Neymar ist bei den Medien ein gefragter Gesprächspartner
© Getty
Cookie-Einstellungen

So war es für den jungen Angreifer mit 19 noch "ein Traum, für den FC Chelsea zu spielen", wenig später berichtete Alvaro de Oliveira von den Verhandlungen in Madrid. Mittlerweile jedoch scheint festzustehen, dass Neymar nach der WM 2014 zum FC Barcelona wechselt. Der Radiosender "Cadena SER" berichtete sogar von einem Vorvertrag und einer Garantiesumme von 14,5 Millionen Euro, die Barca bereits als Anzahlung an den FC Santos überwiesen haben soll.

Insider glauben, dass auch bei diesem Deal Nike die Finger mit im Spiel hatte. Weil Messi und Xavi mit Adidas spielen, fehlt dem offiziellen Ausrüster der Katalanen ein Superstar als Testimonial, der auch die richtigen Schuhe trägt. Fest steht, dass Sandro Rossell, Präsident des FC Barcelona, früher selbst in der Marketingabteilung von Nike gearbeitet hat und über exzellente Verbindungen nach Brasilien verfügt. Unter anderem war er entscheidend an den Verhandlungen beteiligt, die Nike zum Trikotsponsor der Nationalmannschaft machten. Der Vertrag als Ausrüster des FC Barcelona indes läuft 2013 aus. Und Neymar wäre für beide Seiten Grund genug, ihn zu verlängern. Denn aus Vermarktungssicht ist er ein absoluter Selbstgänger. Und die Zielgruppe, die er gesondert anspricht, wächst und wird immer mehr zu einem Wirtschaftsfaktor.

Die Zielgruppe: Mit Ohrringen und Markenklamotten

Es handelt sich dabei in der Regel um männliche Jugendliche mit extravaganten Frisuren, trainierten Körpern, Brillant-Ohrringen und Markenklamotten. "Das Phänomen ist in der Jugendkultur relativ neu", erklärt Philipp Ikrath, Leiter des Instituts für Jugendkulturforschung in Hamburg: "Die Szene ist in eher bildungsfernen Milieus entstanden und grenzt sich durch das übertrieben protzige Auftreten sowohl noch oben gegen das klassische Bürgertum als auch nach unten gegen die ganz Abgehängten und Ausgeschlossenen der Gesellschaft ab. Für die Konsumindustrie ist die Gruppe deshalb so interessant, weil ihre Mitglieder zwar nicht reich sind - das, was sie haben, aber stecken sie komplett in Kleidung, Life-Style-Produkte und Unterhaltungselektronik."

Es passt ins Bild: Die drei größten Sponsoren von Neymar produzieren Turnschuhe, Aufputsch-Brause und Elektrogeräte. Und als Werbeträger hat er wenig Konkurrenz, denn die angesprochene Zielgruppe ist in der Film- und Musikbranche noch unterrepräsentiert. "Sportler sind die wichtigsten Leitbilder der Szene", sagt Ikrath: "Hier findet sie Körperkult, ein konservatives Rollenverständnis und überhebliche Posen. Mario Balotelli etwa dient typischerweise als Identifikationsfigur, in der Bundesliga entspricht zum Beispiel Marko Arnautovic dem Schema. Zum Habitus gehören dabei auch bewusste Regelverstöße - auch wenn sie keinerlei ideologische oder politische Deckung haben."

Wer ist wichtiger: Star oder Trainer?

Dass ein Irokesenschnitt nicht mehr viel politischer ist als rasierte Männerbeine, weiß man spätestens seit David Beckham. "Und auch diese scheinbar rebellischen Gesten sind keiner höheren Instanz mehr verpflichtet als dem eigenen Ego", erklärt Ikrath und verweist wieder auf Arnautovic: "Als er sich im Sommer von einer Verkehrskontrolle unnötig behelligt fühlte, raunte er dem Polizisten entgegen: "Ich bin etwas Höheres als Du! Ich verdiene so viel, ich kann Dein Leben kaufen!'"

Auch Neymar hat in seiner noch jungen Akte schon ein beachtliches Repertoire an kleineren und größeren Eskapaden angesammelt. Für Aufsehen sorgte vor allem eine Szene im September 2010. Während eines Ligaspiels gegen Atlético Goianiense wurde Neymar im Strafraum elfmeterreif gefoult. Doch weil er zuvor im Pokalfinale einen wichtigen Strafstoß verschossen hatte, benannte Trainer Dorival Junior nun einen anderen Spieler als Schützen.

Noch auf dem Platz legte sich der damals 18-jährige Neymar daraufhin mit Kapitän Edu Dracena an, drehte dem Trainer demonstrativ den Rücken zu und musste schließlich sogar vom Linienrichter beruhigt werden. Anders als Arnautovic aber hat Neymar offenbar die deutlich längeren Hebel. Der Vorfall endete damit, dass Dorival Junior vom Vorstand verlangte, Neymar für zwei Wochen zu suspendieren. Doch der Vorstand entschied anders - und feuerte stattdessen den Trainer.

Neymar im Steckbrief