Zwischen Traktoren und Getreidesilos

Von Fabian Swidrak
Mittwoch, 10.10.2012 | 16:10 Uhr
Die Kulisse beim Auswärtsspiel der Glasgow Rangers im Shielfield Park von Berwick-upon-Tweed
© Getty
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Die Glasgow Rangers touren nach Insolvenzverfahren und Zwangsabstieg mit einer Millionen-Truppe durch die Niederungen des schottischen Profifußballs. Immerhin: Weltrekorde können die Gers auch in der vierten Liga fabrizieren. Das Ende des schottischen Fußballs oder nehmen die Rangers nur Anlauf, um in eine neue Ära zu starten?

Der dritte Spieltag der neuen Saison beginnt für die Glasgow Rangers mit einer besonderen Reise. Erstmals in ihrer 140-jährigen Vereinsgeschichte findet eines ihrer Ligaspiele auf englischem Boden statt. Soweit eigentlich kein Problem.

Berwick-upon-Tweed ist immerhin nur rund fünf Kilometer von der schottischen Grenze entfernt. Aber dennoch hat man nach der Ankunft das Gefühl, der Busfahrer sei irgendwo falsch abgebogen. Denn mit englischen Fußballstadien, wie man sie aus London, Manchester oder Liverpool kennt, hat das wenig zu tun.

Die Sportanlage der Berwick Rangers liegt genau zwischen einer kleinen Wohnsiedlung und dem riesigen Gelände eines Getreide-Konzerns. Eine Pferderennbahn trennt die immerhin rund 4.000 Zuschauer im Shielfield Park vom Spielfeldrand. Der Übertragungswagen von "SkySports" steht zwischen Traktoren und Getreidesilos, die Fans parken auf der Wiese vor der Sportanlage. Rot-weißes Absperrband weist ihnen den Weg.

Millionen-Truppe in Amateur-Liga

Was klingt wie der Albtraum eines Spielers der Glasgow Rangers, ist für den schottischen Rekordmeister seit dieser Saison traurige Realität. Nach überstandenem Insolvenzverfahren und dem Neubeginn in der vierten schottischen Liga (Third Division) gehören solche Auswärtsreisen für den Rekord-Klub zum Tagesgeschäft.

Gewöhnungsbedürftig ist die Situation aber nicht nur für die Rangers, sondern auch für die anderen Teams in der Liga. Denn diese sehen sich nun mit einer Mannschaft konfrontiert, die die Verhältnisse im Wettbewerb vollkommen auf den Kopf stellt.

13,2 Millionen Euro ist der aktuelle Kader der Rangers laut "transfermarkt.de" wert. Die ganze Third Division bringt es zusammen gerade mal auf rund 20 Millionen. Immerhin zwölf Spieler aus der letzten Saison sind den Rangers erhalten geblieben. Darunter auch echte Hochkaräter wie Linksverteidiger Lee Wallace. Der Schotte war zuletzt unangefochtener Stammspieler in der schottischen Premier League und bringt es auf immerhin 13 Länderspiele.

Mit seinen 2,5 Millionen Euro ist allein er mehr wert als die kompletten Kader der Liga-Konkurrenz aus Berwick City, Elgin City, Annan Athletic, Queens Park und East Stirling zusammen. Auch Kapitän Lee McCulloch (34), seit fünf Jahren im Klub, blieb dem schottischen Vizemeister treu.

Bereits im Juni, also vor dem Gang in die vierte Liga, schwor er dem Klub seine Treue: "Seit ich in Motherwell geboren wurde, war es mein Traum, für diesen Klub zu spielen. Das Trikot der Rangers zu tragen ist ein wichtiger Teil meines Lebens. Es läuft derzeit nicht gut für uns, aber es wäre zu einfach, jetzt zu gehen."

Stotterstart in Third Division

Auch wenn vor der Saison auf dem Papier also alles auf einen Durchmarsch der Rangers und zweistellige Schlappen für die Konkurrenz hindeutete, verlief der Saisonstart für den ehemaligen schottischen Branchenprimus alles andere als zufriedenstellend.

Zuhause gab es zwar drei hohe Siege (5:1, 5:1, 4:1), in der Fremde kamen die "Gers" jedoch drei Mal nicht über ein Unentschieden hinaus. Am vergangenen Wochenende setzte es dann beim bisherigen Tabellenletzten Stirling Albion sogar die erste Niederlage (0:1).

"Jedes Auswärtsspiel wird wie ein Pokalspiel. Das ist das, was uns bevor steht. Die Mannschaften werden heiß darauf sein. Das müssen unsere Spieler endlich realisieren", kündigte Trainer Ally McCoist schon nach den ersten Spielen an.

Schuldenberg zwingt Betreiberfirma in die Insolvenz

Bereits im Februar mussten die Rangers die Insolvenz ihrer Betreibergesellschaft anmelden. Auf rund 170 Millionen Euro soll sich der Schuldenberg belaufen haben.

Weil sich die Gläubiger nicht auf eine annehmbare Lösung einigen konnten, wurde die Betreiberfirma "Rangers Football Club plc" aufgelöst und alle Rechte und Besitztümer des Vereins an ein Investorenkonsortium von Charles Green (Sevco Scotland) übertragen.

Sowohl Vereinsführung als auch Insolvenzverwalter betonten dabei immer wieder, dass der Verein an sich, sein Wappen, seine Trikots, seine Erfolge und seine Geschichte durch den Wechsel der Betreibergesellschaft nicht betroffen seien.

Nach Beantragung einer Profilizenz durch Sevco Scotland stimmten die Klubs der Scottish Premier League Anfang Juli mit einer breiten Mehrheit für einen Ausschluss der Rangers aus der ersten Liga. Gemäß der Statuten der Scottish Football League wurde der Verein daraufhin in die Third Division, die unterste Profiliga in Schottland, eingegliedert.

Die teuren Neunziger Jahre

Doch wie konnte es überhaupt passieren, dass ein Klub wie die Glasgow Rangers derart tief sinkt? Ein Klub, der 54 Mal die Meisterschaft gewonnen hat, so oft wie kein anderer Verein der Welt. Ein Klub, bei dem große Spieler aus ganz Europa wie Paul Gascoigne (England), Gennaro Gattuso (Italien) oder Brian Laudrup (Dänemark) unter Vertrag standen.

Der finanzielle Kollaps der Rangers hatte sich bereits über mehrere Jahre abgezeichnet und geht auf das Ende der 90er-Jahre zurück, als die Gers versuchten, ihrem nationalen Konkurrenten Celtic Glasgow zu enteilen und nebenbei auch noch die Champions League zu gewinnen.

Allein während der gemeinsamen Amtszeit von Manager David Murray und Trainer Dick Advocaat gaben die Schotten über 100 Millionen Euro für Transfers aus. Die Spielergehälter sind dabei noch nicht berücksichtigt.

"Für jeden Fünfer von Celtic geben wir einen Zehner aus"

Murray sagte damals im Bezug auf Rivale Celtic: "Für jeden Fünfer, den die ausgeben, geben wir einen Zehner aus." Der große Wurf auf internationaler Ebene gelang den Rangers allerdings nie. Mit den Einnahmen aus dem schottischen Ligaalltag allein ließen sich Gascoigne und Co. nicht bezahlen.

Aus der gleichen Epoche hing dem Klub zudem ein Steuerverfahren am Hals. Jahrelang befanden sich die Rangers in einem Rechtsstreit mit der 2005 gegründeten Steuer- und Zollbehörde "HMRC" (Her Majesty's Ravenue and Costums), die bis zu 90 Millionen Euro an Steuernachzahlungen eingefordert haben soll.

Der schottische Rekordmeister wurde beschuldigt, zehn Jahre lang zu geringe Steuern bei der Entlohnung von Angestellten entrichtet und zudem Spieler über ein fragwürdiges Fondsmodell bezahlt zu haben - ohne dabei Steuern abzuführen.

Seite 2: Weitere finanzielle Sorgen und hoffnungsvolle Talente

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