Wer sind Oscar und Lucas Moura?

Mesut und Theo aus Brasilien

Von Jochen Tittmar
Mittwoch, 15.08.2012 | 18:00 Uhr
Oscar (l.) und Lucas Moura haben ein gemeinsames Ziel: Die WM 2014 in Brasilien
© spox
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Sie gehören zu den vielversprechendsten Talenten in Brasilien und haben bereits den Sprung in die Nationalmannschaft geschafft: Oscar und Lucas Moura. Beide Spieler sorgten in diesem Sommer durch millionenschwere Transfers zum FC Chelsea beziehungsweise Paris Saint-Germain für Aufsehen. Zusammen mit Brasilien-Kenner Giovane Elber stellt SPOX die beiden 20-Jährigen vor.

Es ist nun beinahe ein Jahr her, als sich an einem schwülwarmen Sommerabend im kolumbischen Bogota Historisches zutrug. Noch nie gelang es einem Spieler, im Endspiel einer U-20-WM drei Tore zu erzielen - bis zum 20. August 2011. Ein gewisser Oscar dos Santos Emboaba Junior verhalf der brasilianischen Mannschaft mit einem Dreierpack zu einem 3:2-Erfolg nach Verlängerung gegen die Auswahl Portugals.

Keine zwölf Monate später fiel der mittlerweile 20-Jährige, den man glücklicherweise auch nur Oscar nennen darf, durch eine Lüge auf. Er, der nur vier Wochen nach dem herausragenden Auftritt in Kolumbien von Coach Mano Menezes in die A-Nationalmannschaft berufen wurde, wolle über seine Zukunft erst nach den Olympischen Sommerspielen entscheiden.

Oscar: Chelsea zahlt über 30 Millionen

Doch da unterschätzte Oscar offenbar die Recherchearbeit englischer Journalisten, die seinen Wechsel nach Europa zum FC Chelsea bereits frühzeitig als mehr oder weniger perfekt vermeldeten. Und so stand nach einer Pressemitteilung der Blues schon 17 Tage vor dem Finale in Wembley, das Brasilien mit Oscar in der Startformation überraschend gegen Mexiko verlor, fest: Chelsea investiert rund 30 Millionen Euro in einen Spieler, der bislang nur beim FC Sao Paulo und Internacional Porto Alegre kickte und bindet diesen bis 2017 an die Stamford Bridge.

Um damals in London eine finale Angriffswelle zu starten, nahm Menezes zehn Minuten nach dem am Ende vorentscheidenden 2:0 für die Mexikaner seine letzte Einwechslung vor. Nach Hulk und Alexandre Pato schickte der Trainer Lucas Moura aufs Feld und erhöhte damit die Anzahl an Offensivspielern auf sechs. Es folgte ein Sturmlauf der Selecao, der außer dem 1:2 in der Schlussminute jedoch nicht von Erfolg gekrönt war.

Lucas war spätestens da jedem ein Begriff, wenn er bei Olympia auch nicht über die Rolle des Einwechselspielers hinauskam. Denn nur drei Tage vor Brasiliens Finalpleite verkündete das schwerreiche Paris Saint-Germain auf seiner Homepage den Transfer des 20-Jährigen - für eine kolportierte Ablösesumme von über 40 Millionen Euro.

Aus der Sao-Paulo-Jugend

Während Lucas noch bis Januar für Sao Paulo im Campeonato Brasileiro aktiv ist, wird Oscar bereits in diesem Sommer seine Arbeit im Westen London aufnehmen.

Eine Frage bleibt jedoch: Wieso legen zwei Vereine für zwei 20-Jährige, die in Europa noch weitestgehend unbeschriebene Blätter sind, jeweils eine solch enorme Stange Geld hin?

Beide Spieler entspringen der Jugendabteilung des FC Sao Paulo und absolvierten dort im Alter von 17 (Oscar) und 18 (Lucas) Jahren bereits Pflichtspiele bei den Profis. Ausstehende Gehaltszahlungen zwangen Oscar jedoch 2010 zum Wechsel zu Internacional, wo er ein Jahr später zum Kopf des Teams aufstieg und die Spielzeit mit 13 Toren und ebenso vielen Vorlagen beendete.

Oscar bekommt die Drogba-Nummer

"Er ist schon jetzt komplett", ist sich Dorival Junior, Oscars ehemaliger Trainer in Porto Alegre, sicher. Oscar verkörpert den Spielertypus des klassischen Spielmachers, der aus der Zentrale heraus die Fäden des Offensivspiels in der Hand hält und selbst den Torabschluss sucht.

"Oscar ist ein begnadeter Spieler. Er erinnert mich an Mesut Özil", sagt Brasilien-Experte Giovane Elber im Gespräch mit SPOX. "Bei ihm hat man auch ab und zu den Eindruck, er wäre zu langsam. Er ist aber ein klassischer Zehner, der das Spiel lenkt und das Tempo variieren kann. Er spielt sehr mannschaftsdienlich. Für sein Alter ist er schon erstaunlich reif."

Liest man nun die Lobeshymnen, die sich seit einem Jahr über Eden Hazard ergießen, dann fällt auf: Chelsea hat offenbar viel Geld in zwei relativ ähnliche Spieler investiert. Doch nach dem Erreichen des Champions-League-Siegs, dem die Blues jahrelang hinterher gehechelt sind, steht der Klub von Roman Abramowitsch derzeit vor einem bewussten Umbruch und unterstreicht mit diesen Transfers den Verjüngungsprozess im Kader. Auch visuell: Oscar erhält das Chelsea-Trikot mit der Nummer 11, das zuvor lange Zeit Didier Drogba trug.

Oscar: Große Konkurrenz mit Hazard

Trainer Roberto di Matteo hat in seinem 4-2-3-1 also die Qual der Wahl, was die Besetzung des zentralen offensiven Mittelfelds angeht. Hazard und Oscar sehen sich selbst als Zehner am besten aufgehoben, der Brasilianer taugt jedoch eher als der Belgier auch für eine Position auf dem Flügel. Auch dort mangelt es allerdings nicht an Konkurrenz, Juan Mata, Daniel Sturridge, Ramires und auch Marko Marin balgen sich um die Plätze.

"Das ist ein Traum für mich. Ich komme zu Chelsea, um Titel zu gewinnen. Das Projekt ist sehr spannend. Besonders wegen der jungen Spieler, die unterschrieben haben. Das Angebot war sehr gut, darüber musste ich nicht zweimal nachdenken. Nach den olympischen Spielen werde ich mit dem Trainer reden. Ich bin bereit, alles zu tun, was er von mir verlangt", sagt Oscar artig.

"Er wird ein fantastischer Neuzugang für uns sein. Durch ihn fügen wir in unserem Mittelfeld viele Optionen und Lösungen hinzu", freut sich auch di Matteo.

Fall Lucas Moura: Ferguson ätzt

Seinem Arbeitskollegen aus Manchester ist dagegen die Freude kurzzeitig vergangen. ManUnited-Coach Sir Alex Ferguson war sich sicher, Lucas Moura ins Old Trafford lotsen zu können. Doch da kam ihm Thiago Silva dazwischen, der Lucas während den Sommerspielen erfolgreich davon überzeugen konnte, sich lieber dem PSG anzuschließen.

"Ich finde es ziemlich außerordentlich, dass ein Verein 45 Millionen Euro für einen 20-jährigen Jungen zahlt. Das ist einfach nur noch verrückt'', maulte Ferguson und vergaß bei seiner Schelte, dass United nur Tage zuvor mit einem Angebot von weit über 30 Millionen abblitzte.

Dabei war das Vorgehen von Sao Paulo durchaus verständlich. Der klamme Klub braucht Geld und trieb den Preis daher immer weiter in die Höhe - bis eben die Pariser ankamen und die geforderte Summe laut Vizepräsident Joao Paulo sogar in bar auf den Tisch knallten.

Elber vergleicht Lucas mit Walcott

Doch auch Elber schüttelt den Kopf: "Es ist für mich erstaunlich, dass Lucas so viel Geld gekostet hat. Paris hat viel zu viel für ihn bezahlt, diese Summe ist er nicht wert."

In Paris gilt Lucas wie der Transfer von Marco Verratti als Vorgriff auf die Zukunft. Seine Stärken definieren sich über seine Schnelligkeit und sein Durchsetzungsvermögen in Eins-gegen-Eins-Situationen. Er kommt bevorzugt über den rechten Flügel, ist aber auch links einsetzbar und könnte in der Rückrunde der Ligue 1 somit eine Alternative zu den Ibrahimovic-Zulieferern Ezequiel Lavezzi und Jeremy Menez werden.

"Lucas ist wirklich pfeilschnell und ähnelt damit nicht nur äußerlich Theo Walcott vom FC Arsenal. Er sucht das Dribbling aber vielleicht noch etwas zu oft und schaut dann zu selten nach links oder rechts, ob ein Mitspieler besser postiert ist", sagt Elber.

"Man muss ihnen Zeit geben"

Durch seinen späten Wechsel an die Seine darf jedoch angezweifelt werden, ob Lucas bereits in seiner ersten Saison in Europa nachhaltig auf sich aufmerksam machen kann. Bis zum Jahreswechsel wird Trainer Carlo Ancelotti die Stammelf des neuen PSG wohl längst so geformt haben, dass es vor allem im Offensivbereich nicht auf essentielle Veränderungen hinauslaufen wird.

Auch Oscar wird durch seinen Olympia-Urlaub einen Rückstand in der Zusammenarbeit mit seinem neuem Team aufweisen. Doch vielleicht kommt dies auch gerade recht. So giert die Öffentlichkeit nicht nach sofortigen Wunderdingen der beiden Talente und Di Matteo sowie Ancelotti können ihre Neuen im Hintergrund gezielt aufbauen. Denn trotz aller Vorschusslorbeeren rät auch Elber: "Man muss ihnen Zeit geben, sich an Europa zu gewöhnen. Nur so kommt am Ende auch das gewünschte Ergebnis heraus."

Oscar im Steckbrief

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