Von Geld, Macht und goldenen Pfeifen

SID
Mittwoch, 25.07.2012 | 15:46 Uhr
Weltstars wie Didier Drogba (l.) und Nicolas Anelka (r.) verdienen mittlerweile ihr Geld in China
© Getty
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Karl-Heinz Rummenigge verzieht keine Miene, als er die Sache trocken analysiert: "In China entsteht derzeit ein Markt: Es gibt reiche Milliardäre, die sich den Fußball als Schmuckstück um den Hals hängen wollen. Die kaufen eben große Spieler zu unglaublichen Preisen", sagt Bayern Münchens Vorstandschef. Rummenigge allerdings lernt auf der viertägigen Reise mit den Münchnern nur die schöne Seite des chinesischen Fußballs kennen.

Dutzend jubelnde Fans, Partystimmung und groß aufgezogene Spiele dürfen dabei nicht über die Probleme hinwegtäuschen, mit denen das korrupte chinesische Fußballsystem zu kämpfen hat.

Denn Weltstars wie Nicolas Anelka, Didier Drogba und den ehemaligen Dortmunder Lucas Barrios hat die Super League sicherlich nicht aus sportlichen Gründen angelockt. Es geht um Geld, um viel Macht - der Fußball ist im Reich der Mitte ein Spiegelbild der Gesellschaft.

Fußball als Vehikel: Sportliche Leistung gibt selten Ausschlag

"Fußball ist das Vehikel für wirtschaftliche Interessen. In China funktioniert eben alles über Beziehungen", sagt Marcel Grzanna im dapd-Gespräch. Der seit fünf Jahren in Peking lebende Journalist besucht die Spiele des ehemaligen Meisters und Bayern-Gegners (0:6) Beijing Guaon regelmäßig.

"Das sportliche Niveau ist sicherlich nicht höher als die dritte Liga in Deutschland. Aber sportliche Leistung ist auch nicht unbedingt ausschlaggebend, um in einer Erstliga-Mannschaft zu spielen", sagt er.

Wettmafia lässt grüßen

Das von Wettmanipulation und Schmiergeldern bestimmte System setzt angeblich mehrere Dutzend Milliarden Euro pro Jahr um. Wie im vergangenen Jahr enthüllt wurde, konnten sich Spieler einen Platz im seit 2002 erfolglosen Nationalteam teilweise erkaufen. Binnen zwei Jahren wurden unter anderem vom derzeitigen National- und ehemaligen Real-Madrid-Trainer Jose Antonio Camacho über 100 Spieler berufen.

1,3 Milliarden Einwohner zählt das Reich der Mitte: "Aber nur die wenigsten, meist nur Bewohner großer Städte, haben überhaupt die Möglichkeit, professionell Fußball zu spielen", sagt Grzanna.

Waren es in den neunziger Jahren noch 600.000 Kinder und Jugendliche, die in chinesischen Klubs ausgebildet wurden, sind es heute schätzungsweise nur noch 100.000. An den Schulen und Universitäten fehlt die Förderung, zudem wird nach wie vor in kommunistischer Manier nach körperlichen Attributen sortiert: Große Kinder zum Basketball, kleine zum Kunstturnen.

Alles für den Staatschef: "Man muss in Fußball investieren"

In der erst seit acht Jahren laufenden ersten Liga wird versucht, das breite fußballerische Mittelmaß mit europäischen Superstars auszugleichen - vor allem, um den designierten Staatspräsidenten Xi Jinping zu beeindrucken.

Der bisherige Vizepräsident der Volksrepublik ist großer Fußballfan und hat sich prompt hohe Ziele gesteckt: WM-Teilnahme, WM-Austragung, WM-Gewinn. "Um ihm zu gefallen, muss man jetzt im Fußball aktiv sein", erklärt Grzanna. Die Investoren, meist aus der Immobilienbranche oder von staatlichen Unternehmen, lassen sich den politischen Prestigegewinn einiges kosten.

Der Sponsor von Meister Guangzhou Evergrande soll 83 Millionen Euro investiert haben. Champions-League-Gewinner Drogba verdient bei Schanghai Shenhua rund 250.000 Euro pro Woche. Das ist in etwa so viel wie Cristiano Ronaldo von Real Madrid und Messi vom FC Barcelona überwiesen bekommen.

"Zumindest zeitweise wird die Liga durch die Stars attraktiver. Die Fans sind neugierig. Aber ich denke nicht, dass der Erfolg langfristig ist", sagt Grzanna.

Die "goldene Pfeife" pfeift nicht mehr

In den letzten Jahren wurden mehrere ehemalige Verbandschefs und der als "goldene Pfeife" bekannter Schiedsrichter verhaftet. Die rund 600 Millionen Fußballfans in China sind trotz der Säuberungsaktion aber nach wie vor sauer auf das heimische System.

Worte wie "Hei Shao" ("Schwarze Pfeife") oder "Da Jiaqiu" ("Schwindelball") gehören im Stadion zum Standardvokabular. Immerhin das staatliche Fernsehen CCTV hat sich aber wieder in die Berichterstattung eingeschaltet.

Dass Klubs wie unter anderem Bayern München, Manchester United und Juventus Turin in der Sommerpause nach China reisen, hilft außerdem kurzzeitig: "Auch der chinesische Fußball profitiert von der Aufmerksamkeit und der Begeisterung seiner Fans für diese Spiele.

Wir hatten in Peking 40.000 Zuschauer beim Spiel, soviel, wie sonst nie", sagt Rummenigge. Die grundlegende Probleme aber kann auch der hohe Besuch aus Europa nicht lösen.

Didier Drogba im Steckbrief

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