"Strengere Kontrollen nützen nichts"

Von Interview: Alexander Maack
Freitag, 25.05.2012 | 10:47 Uhr
Im polnischen Przeworsk werden die Gästefans während des Spiels in einen Käfig gesperrt
© Jan Krapf
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Die polnische Fankultur hat sich vom Fußball entkoppelt, sagt Marc Quambusch. Der Filmemacher hat für "ZDFinfo" eine Dokumentation über Groundhopping und die Fankultur gedreht und war dafür in den EM-Gastgeberländern Polen und Ukraine unterwegs. Mit SPOX sprach er über seine beeindruckenden Erlebnisse.

SPOX: Herr Quambusch, wie kam es zu Ihrer Dokumentation über Groundhopping und die Fankultur in Polen?

Marc Quambusch: Fankultur wird in Deutschland immer gerne bewertet. Entweder ist das alles nicht so schlimm oder es ist ein Verbrechen. Mir ging es darum, einen Blick auf die polnische Fankultur zu haben und die Leute auch mal nachdenken zu lassen. Vor einem Jahr habe ich dann angefangen, diese Doku zu entwickeln. Ich wollte immer mal einen Film machen, der Fans auch zu Wort kommen lässt und sie so zeigt, wie sie sind - ohne es zu bewerten.

SPOX: Das Hobby Groundhopping ist nicht jedem bekannt. Für die Fans geht es vor allem darum, möglichst viele Fußballspiele in möglichst vielen verschiedenen Stadien zu sehen.

Quambusch: Richtig. Einer unserer Protagonisten ist gerade aus Argentinien wieder gekommen. Der guckt 300 Spiele im Jahr, hat 50 bis 60 Länder bereist. Er hat sogar mal 14 Tage auf dem Flughafen in Manchester geschlafen.

SPOX: Wieso das?

Quambusch: Für viele Groundhopper ist das eine Frage des Geldes. Unser Protagonist sagt, da gibt es Bänke ohne Armlehnen, man kann da in Ruhe schlafen und auch duschen. Die Stadt ist mit dem Zug nur zehn Minuten entfernt. Das kostete ihn für 14 Tage null Euro.

SPOX: Ihr Team und Sie waren aber nicht in England unterwegs, sondern in Polen und der Ukraine. Wie lief die Reise ab?

Quambusch: Wir wollten eigentlich durch Polen und die Ukraine reisen. Nach den Bombenanschlägen in Dnjepropetrowsk war es aber in der Ukraine schwierig. Wir waren dann nur in Lemberg, als das Stadion von der UEFA getestet wurde. Da spielte eine U 16 und eine U 17, also sportlich unter aller Kanone. Was gar nicht so lustig war, ist der Umstand, dass am Stadion noch viel zu tun war. Die Parkplätze wurden erst gebaut. Im Pressebereich lagen Kabel offen rum. Das war im April. Wenn die rechtzeitig fertig werden, fresse ich einen Besen!

SPOX: Zuerst ging es nach Polen. Ihre drei Protagonisten haben sich aber nicht nur Spiele der Ekstraklasa angeguckt, sondern auch ein fünftklassiges Spiel besucht.

Quambusch: Irritierend und faszinierend. Im Stadion von Przeworsk gibt es eine Gästetribüne, die komplett mit Stahlgittern eingezäunt ist. Der Block ist schätzungsweise zehn mal drei Meter groß. Da passen maximal 150 Leute rein. Und dieser Käfig wird dann vor dem Spiel zugesperrt. Da kommen Vorhängeschlösser vor und dann sind die Fans da drin. Allein dieser Käfig ist schon ein beeindruckendes Bild.

SPOX: Gibt es solche Konstruktionen denn öfter?

Quambusch: Nein, das ist eine Ausnahme. Das hat der Verein damals so eingeführt, weil er kein Geld hatte und die Ordner nicht bezahlen konnte. Aber für unser Verständnis wirkt das natürlich unfassbar menschenunwürdig. Als wir da waren, waren allerdings gar keine Gästefans da.

SPOX: Ein Spiel ohne Gästefans? Das gibt's in Deutschland ja nur als Bestrafung. Hatten sich die Fans der Auswärtsmannschaft danebenbenommen?

Quambusch: Es ist in Polen immer schwer zu sagen, wann Gästefans überhaupt zugelassen werden. Das ist immer abhängig von der Polizei. Was ich während der Tour gelernt habe: im Vergleich zu Deutschland ist Polen sehr schwer planbar. Das Pokalfinale sollte zum Beispiel eigentlich im Nationalstadion in Warschau stattfinden. Weil die Polizei da aber wegen zuviel verbauten Stahls nicht funken konnte und weil man Angst vor Randale hatte, wurde das dann verlegt. Erst stand ewig nicht fest, wo es dann stattfindet und kurz vorher wurde dann Kielce als Austragungsort festgelegt. Das kann man sich mit unserer deutschen "Planungswut" ja nicht vorstellen.

SPOX: Die Sicherheitsbedenken waren ja nicht ganz unberechtigt. Beim Pokalfinale wurden Massen an Pyrotechnik abgebrannt. Wie hat das auf Sie gewirkt?

Quambusch: Das Pokalfinale war für mich surreal und beeindruckend zugleich. Es waren nur die Fankurven besetzt. In jeder Kurve standen 3.100 Leute. Ein paar Tickets wurden noch für Haupt- und Gegentribüne verkauft, die waren aber de facto leer. Die 7.000 Leute, die im Stadion waren, haben einfach alle mitgemacht, waren wirklich unfassbar laut und haben Pyro gezündet wie die Bekloppten. Das kann man eigentlich nicht mit einem deutschen Spiel vergleichen. Was in Polen auf den Tribünen passiert, hat sich ein bisschen entkoppelt vom Fußball.

SPOX: Wie meinen Sie das?

Quambusch: Die Fans machen auf den Rängen einfach ihr eigenes Ding. Das hat relativ wenig damit zu tun, was auf dem Platz passiert. Der Fußball spielt nur eine Nebenrolle. Wir haben auch mit dem Capo, also dem Vorsänger von Legia Warschau gesprochen. Er sagte, dass ihn Fußball nicht wirklich interessiert. Für ihn ist es zwar nett, wenn sein Verein gewinnt, aber wichtig ist, was auf den Tribünen stattfindet. Es geht um eine gute Show auf den Rängen, den eigenen Verein gut darzustellen. Selbst wenn Legia auf dem Platz verliert, will er sagen können: "Auf den Rängen haben wir gewonnen".

SPOX: Das brauchte er ja nach dem Pokalendspiel nicht zu sagen. Legia Warschau gewann gegen Ruch Chorzow 3:0. Die Stimmung war nach dem Spiel sicher gut.

Quambusch: Richtig. Der Mannschaftskapitän von Legia Warschau ging dann in die Fankurve und hat dem Capo den Pokal in die Hand gedrückt. Das sagt schon eine Menge über die Beziehung von Fans zu Spielern in Polen aus. Ich kann mir in Deutschland nicht vorstellen, dass beispielsweise Philipp Lahm dem Vorsänger der Schickeria im Stadion einen Pokal in die Hand drückt.

Teil II: Warum mehr Kontrollen nicht zwingend größere Sicherheit bedeuten

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