Einmal Hölle und zurück

Von SPOX
Montag, 07.05.2012 | 17:24 Uhr
Gianluigi Buffon fordert mit Nachdruck den dritten Stern fürs Trikot von Juventus Turin
© spox
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Juventus Turin feiert den schönsten Tag seit Berlin 2006 und kämpft gleich tüchtig weiter, diesmal um den dritten Stern auf der Brust. In England werden fiese Witze über Roy Hodgson gemacht, gehen Schlümpfe in Hundertschaften auf Wanderung, und Alex Ferguson glaubt noch an die große Party. Lionel Messi wandelt auf den Spuren Rainer Rauffmanns, und Marcelo Bielsa - loco hin oder her - ist ein bemerkenswert bescheidener Mann.

Serie A

von Oliver Birkner

Superaußergewöhnliche Juve: Sechs Jahre hatten die Juventus-Fans auf diesen Tag gewartet. Trainer Conte verirrte sich aus lauter Freude im sprachlichen Dschungel und nannte den Abend "superaußergewöhnlich". Gigi Buffon jauchzte vom "schönsten Tag seit Berlin 2006". Präsident Andrea Agnelli twitterte "Vom Himmel in die Hölle und zurück". Die Hölle begann für die Turiner mit Calciopoli, Zwangsabstieg und dem ersten Serie-B-Auftritt in Rimini am 9. September 2006 - drei Präsidenten und sechs Trainer später dürfen sich die Bianconeri wieder den Scudetto aufs Trikot nähen. Als einziger Spielverderber erwies sich Massimo Cellini: Im Stadion-Clinch mit der Kommune war der Cagliari-Präsident zur nominellen Heimpartie gegen den Tabellenführer mal wieder nach Triest ausgewichen und wollte groß abkassieren: Für einen normalen Tribünenplatz sollten Jugendliche 100, Erwachsene 163 Euro berappen - so entschieden sich eine Menge Tifosi für den Fernseher. Nun ja, die große Party steigt ohnehin kommenden Sonntagabend daheim am letzten Spieltag. Verdient ist der Titel allemal. Juve offerierte bis auf eine kleine Schwächeperiode den beständigsten Offensiv-Fußball, stellt die beste Abwehr und den zweitbesten Angriff und verlor inklusive Pokal bisher keines der 41 Pflichtspiele.

Kampf um den dritten Stern: Ein Verdienst vor allem der vierten Agnelli-Dynastie, die in exzellenten Renovierungsarbeiten ein funktionales und vorausschauendes Projekt aufgebaut hat. Man müsste deshalb einen längst fälligen Schluss-Strich unter das vergangene Calciopoli ziehen, wenn Juve nicht in all dem heiteren Trubel selbst wieder in der Vergangenheit herumkramen würde. Während der Euphorie startete der Klub prompt Polemiken um die Anzahl der gewonnenen Meisterschaften. Nach den beiden aberkannten Scudetti führt der Verband 28 Titel, der Verein besteht allerdings auf 30. Da jeder zehnte Scudetto mit einem Stern belohnt wird, kündigte man bereits ein Drei-Sterne-Trikot für die nächste Saison an. "Der Verein hat 30 Meisterschaften auf dem Platz gewonnen, deshalb zieren drei Sterne das Etikett unserer Sonder-Edition von Champagner-Flaschen. Und auf dem Dress werden wir 2012/13 ebenfalls drei Sterne führen", sagte Sportchef Beppe Marotta. "Die Anzahl der Sterne trägt man im Herzen", säuselte Giorgio Chiellini parallel in triefendem Pathos. Das Haus und Hof-Blatt "Tuttosport" ließ es sich freilich nicht nehmen, eine überdimensionale 30 auf die Titelseite zu pflastern. Die UEFA hält sich da vorsichtshalber mal raus - Ex-Juventino Michel Platini kommentierte: "Das muss Italien unter sich ausmachen." Es kündigt sich also eine herrlich intrigante Sommerpause an, in der Hinz und Kunz ob der Sterne-Causa heftig umherschießen werden. Am Ende sollte man sie dann vielleicht doch besser superaußergewöhnlich im Herzen tragen.

"Ich glaube, der war drin": Den Zweiten Milan ließ diese Diskussion ziemlich kalt. "Von mir aus können sie sich auch 60 Sterne aufs Trikot nageln", zischte Gennaro Gattuso nach dem verlorenen Duell gegen Inter. Die amüsanteste Szene eines phantastischen Derbys offerierte die erste Hälfte: Nach einem unberechtigten Foulelfmeter zeigte Keeper Julio Cesar dem Schützen Zlatan Ibrahimovic plakativ die Zunge und sagte: "Den halte ich oder du schießt vorbei." Unbeeindruckt verwandelte Ibra wuchtig perfekt und erwiderte: "Ich glaube, der war drin." Das half letztlich wenig - Inter siegte 4:2. AC-Coach Max Allegri traf in seinen fünf Mailänder Derbys in zwei Jahren somit übrigens jedes Mal auf einen anderen Inter-Trainer. Vielleicht ist es an der Zeit, dass die Nerazzurri nun mal besonnen Luft holen, auch wenn man sich in der Vereinshymne nicht ohne Grund "pazza" (verrückt) nennt.

 

Premier League

von Raphael Honigstein


And you fucked up: Die Stimmung im Old Trafford war am Sonntag trotz des 2:0-Sieges gegen Swansea äußerst mau - die Meisterschaft scheint nach Man Citys 2:0 in Newcastle ja gelaufen. "Acht Punkte Vorsprung, und ihr habt es verkackt" (eight points, and you fucked up), sangen die Waliser-Fans hämisch; als Minuten vor Schluss viele Zuschauer das Stadion verließen, fragten die Swansea-Anhänger laut, ob dies ein "Feueralarm" sei. Als Alex Ferguson hinterher mit Mikrofon in der Hand seine traditionelle Ansprache zum Saisonende auf dem Rasen hielt, war schon ein Drittel der Tribünen leer. "Hoffentlich können wir nächste Woche die größte Party unseres Lebens feiern", sagte Sir Alex mit trotziger Zuversicht. Der Schotte muss darauf vertrauen, dass ihm QPR mit Ex-United-Spieler Mark Hughes im letzten Spiel gegen City einen Gefallen tut. Die große Party wird in Manchester mit Sicherheit steigen, allerdings eher in einem anderen, blaueren Stadion.

Schwanzus Longus: Der arme Roy Hodgson ist noch nicht einmal eine Woche im Amt, hat aber schon ein Riesenproblem: Er ist nicht Harry Redknapp, der Liebling der Medien und Massen. Mehrere Zeitungen schossen sich bereits heftig auf den 64-Jährigen ein. Am härtesten ging naturgemäß die "Sun" ran. Das Boulevardblatt machte sich über Hodgsons leichten Sprachfehler lustig - bei ihm klingt das "R" mehr nach einem "W" - und titelte: "BWING ON THE EUWOS! We'll see you in Ukwaine against Fwance". Der Gag spielte auf Monty Phytons Kultklassiker "Das Leben des Brian" an, in dem Pontius Pilatus ("Schwanzus Longus") ebenfalls Probleme mit der Aussprache hat. So richtig lustig fand das auf der Insel allerdings keiner. "Inakzeptabel", beschwerte sich der Fußballverband, mehr als 100 Beschwerden gingen bei der Pressebehörde ein. Die "Sun" ließ sich davon aber nicht beeindrucken und setzte die Kampagne am Freitag fort. "Roy wer? Die Deutschen spotten über Hodgson", war die Schlagzeile, dabei hatten Philipp Lahm, Jupp Heynckes und Bastian Schweinsteiger keineswegs Witze über den neuen Nationaltrainer gemacht. Das Bayern-Trio war beim Champions-League-Pressetag von englischen Journalisten nach einer Einschätzung von Hodgson gefragt worden und hatte lediglich erwidert, dass man den Mann nicht gut kenne und deswegen nichts zu ihm sagen wolle.

Erbarmen, die Schlümpfe kommen: In den vergangenen Jahren ist es auf der Insel zum Brauch geworden, sich zum Saisonende hin zu verkleiden. Die Stadien waren am Wochenende voller Clowns, falscher Scheichs und Ritter, aber die Fans von Drittligist Hartlepool trieben die Sache am Samstag auf die Spitze: gut 150 von ihnen reisten im kompletten Schlumpf-Look zum Auswärtsspiel bei Charlton Athletic und legten zeitweise den Londoner Nahverkehr lahm. Die blau-weiße Invasion erzielte nicht ganz den gewünschten Erfolg: Hartlepool verlor 2:3. Vielleicht sollte man das nächste Mal den klugen Papa-Schlumpf, die eine oder andere Schlumpfine oder gar Vader Abraham zur Unterstützung mitnehmen.

 

Primera Division

von Paula Villamarin Temperan


Der schwarze Mann aus Saragossa: Heiß ging es Sonntagabend in Granada her, nachdem die abstiegsbedrohten Hausherren ihr Spiel gegen Meister Real Madrid auf saublödeste Weise noch verloren hatten. Gut, Niederlagen gegen Mourinhos Testosteron-Brigade ist man eigentlich gewohnt, doch wer im Abstiegskampf steckt und zugleich über seinen ärgsten Konkurrenten Real Saragossa die haarsträubendsten Manipulationsgerüchte zu lesen bekommt, der tickt dann schon mal leicht aus. Am Sonntag kam eben auch alles zusammen: Gegen den haushohen Favoriten geführt, dann einen vermeintlich klaren Elfer nicht bekommen, dann schließlich durch einen Strafstoß und ein Eigentor verloren. Doch dann erwiesen sich die Südspanier einen Bärendienst, indem sie sich nach dem Schlusspfiff auf den Schiedsrichter stürzten. Carlos Clos Gomez wurde mit einem Hagel an Schimpfwörtern eingedeckt, und Dani Benitez warf ihm, wenn auch mit verhaltenem Schwung, eine Trinkflasche ins Gesicht. Die Polizei geleitete Clos schließlich unter Polizeischutz in den Innenraum, wo sich dieser für mehrere Stunden in seiner Kabine verbarrikadiert haben soll. Fragen bezüglich der Schiedsrichteransetzung darf sich der spanische Verband freilich schon anhören: Clos Gomez stammt aus Saragossa, und Granada-Profi Mikel Ros schwört Stein und Bein, dass die ganze Familie des Referees Real-Mitglied ist. Übrigens: Fürs Saisonfinale gegen Vallecano werden nach den Tumulten und einem veritablen Kartenfestival wohl vier Spieler von Granada gesperrt sein und der Vorsprung auf Saragossa beträgt nur noch zwei Punkte.

Remember Rainer Rauffmann: Auch wenn für Barca in dieser Saison außer dem spanischen Supercup und dem europäischen Supercup und dem Weltpokal (pardon: FIFA-Klub-Weltmeisterschaftstitel) und dem Königspokal (vielleicht) ums Verrecken nichts rausspringen wollte, hat Lionel Messi dennoch wieder mal den Vogel abgeschossen. Vier Hütten gegen den Stadt-"Rivalen" Espanyol schraubten das Torekonto des Argentiniers auf 50 Tore. Doch Moment mal... Da haben andere schon ganz anders zugelangt: Dixie Dean hat für Everton 60 Buden gemacht in der Saison 1927/28. Der unvergessene Gyula Zsengeller traf gut zehn Jahre später 65 Mal für Ujpest. Doch auch er führt die Hitliste nicht an, denn sein ungarischer Landsmann Ferenc Deak verbuchte 1945/46 66 Tore in einer Saison für Szentlorinc. Das sollte man nicht vergessen, bevor man immer die Lobeshymnen auf Messi singt, dem wir aber nichtsdestotrotz den Ehrentitel "Rainer Rauffmann Spaniens" verleihen wollen.

El loco, der Bescheidene: Athletic Bilbao logiert während des Aufenthalts in Bukarest, wo am kommenden Mittwoch das Europa-League-Finale gegen Atletico Madrid ausgetragen wird, im einzigen Fünf-Sterne-Hotel des Geschäftsviertels im Norden der rumänischen Hauptstadt. Der Besitzer des Hotels, dem zudem noch Rapid Bukarest gehört, führte vorab schon ein Presseteam durch die vollbelegte Einrichtung, unterstrich, dass es den Spieler von Athletic an nichts fehlen werde. Für Coach Marcelo Bielsa hatte man dabei die Präsidenten-Suite reserviert, die Rechnung aber ohne "El loco" gemacht. Der Chilene wolle nicht in einem Zimmer für 1000 Euro die Nacht schlafen, sondern lieber in einem normalen Einzelzimmer. Auf die Minibar wird er dabei aber trotzdem nicht verzichten müssen. Außerdem werden die weiblichen Angestellten des Hotels mit Bilbao-Schals und die männlichen mit Bilbao-Krawatten ausgestattet sein. Versteht sich von selbst, dass George Copos Bilbao die Daumen drückt.

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