Mittwoch, 14.03.2012

US-Coach Jürgen Klinsmann im Interview

"Uns schlägt hier keiner!"

Ortstermin in Dresden: Jürgen Klinsmann nimmt sich als Markenbotschafter von UEFA-Partner Hyundai jede Menge Zeit - und spricht über seinen EM-Geheimfavoriten, Amerikas Rasta-Dunga, den Geist von '96 und heiße Spiele in Guatemala. Außerdem würde er sich über einen Wechsel von Michael Ballack nach New York freuen.

Welt- und Europameister, Bundestrainer und jetzt US-Nationalcoach: Jürgen Klinsmann
© Imago
Welt- und Europameister, Bundestrainer und jetzt US-Nationalcoach: Jürgen Klinsmann

SPOX: Herr Klinsmann, die entscheidende Frage zuerst: Wer setzt sich im Sommer die EM-Krone auf?

Jürgen Klinsmann: Wir hoffen auf den großen Coup. Die Mannschaft ist über Jahre gefestigt, wurde unterfüttert von der jungen Generation, den Özils und Khediras bis hin zu Schürrle, Reus, Götze. Die Qualität ist da, um der Weltspitze im entscheidenden Moment Paroli zu bieten. Aber: Es gilt immer noch Spanien zu schlagen. Sie sind nach wie vor die Nummer eins, an ihnen orientiert sich die Weltspitze. Aber sie haben so viel gewonnen in den letzten Jahren. Da können wir vielleicht hoffen, dass ein Stückchen ihres Hungers wegfällt - und dann müssen wir zubeißen.

SPOX: Wer kommt für Sie außer Spanien und Deutschland noch in Frage?

Klinsmann: Italien hat eine Mannschaft mit enormer Klasse. Sie haben ihren Stil geändert, Cesare Prandelli lässt das Team offensiver agieren. Mit Italien muss man rechnen. Dann Frankreich, die Niederlande, Portugal. Die werden auch mitreden.

SPOX: Was ist mit England?

Klinsmann: England hat man auf Grund des starken Kaders vor jedem großen Turnier auf dem Zettel. Aber sie finden nie die richtige Chemie im Team und scheitern mehr an sich selbst als an den Gegnern. Bei England habe ich meine Zweifel.

SPOX: Was kann man von den Gastgeberländern erwarten?

Klinsmann: Polen hat aufgeholt, die haben eine schlagkräftige Truppe. Die Ukraine kenne ich nicht so gut. Aber der Heimvorteil trägt eine Mannschaft auch, die werden beflügelt werden. Aber beide sehe ich nicht unter den ersten Vier.

SPOX: 1996 hat Deutschland mit Ihnen als Kapitän den letzten großen Titel geholt. Was war für Sie - abgesehen vom Titelgewinn - das Herausragende an der EM damals und der Mannschaft, die Sie angeführt haben?

Klinsmann: Wir waren ganz sicher nicht das beste Team. Italien war besser als wir, England war top zu dem Zeitpunkt. Rein qualitativ waren wir nicht unter den ersten Drei. Aber wir hatten einen brutalen Willen. Wir haben uns so ein Selbstverständnis eingeredet: ‚Uns schlägt hier keiner!' Wohl auch, damit wir vor den besseren Mannschaften nicht zu viel Bammel hatten. Menschlich war alles top, ein Rädchen hat ins andere gegriffen. Es hat alles gepasst in diesem Sommer 96.

SPOX: Hat nie einer Stress gemacht?

Klinsmann: Wenn einer Stress gemacht hat, wurde er sofort zurecht gestutzt. Da gab's eine Episode mit Mario Basler und Icke Häßler, als Mario medial angegriffen hat. Dann wurde er halt kurz einbestellt. Berti Vogts hat uns bei der Problemlösung freie Hand gelassen. Die Gruppe hat sich selbst reguliert. Das war der Schlüssel, um das bis zum Schluss durchzuziehen.

SPOX: Glauben Sie, dass die Mannschaft jetzt einen ähnlichen Geist hat?

Klinsmann: Das spüren der Jogi und sein Trainerteam schon. Ein Turnier bedeutet immer Stress. Du sitzt zwei Monate aufeinander, siehst dich beim Frühstück, beim Mittag- und beim Abendessen. Da spüren die Spieler, wer mit wem kann oder eben auch nicht. Irgendwann geht dann mal das Ventil auf - und dann muss man Lösungen finden, wenn das Umfeld abdreht. Die Engländer zum Beispiel können das nicht. Die machen auch ein Ventil auf, aber in die falsche Richtung. Das haben wir Deutschen fast immer gut gemacht und sind deshalb auch oft weit gekommen.

SPOX: Aber auch nicht immer.

Klinsmann: Wenn ein paar ausscheren, wird's schwierig. Dann ist das Projekt kaputt. Wir waren 1994 in den USA die beste Mannschaft, aber einige haben den Fokus nicht auf den Fußball gelegt. Und plötzlich fliegst du heim und denkst dir: ‚Moment mal, wir waren doch eigentlich besser als Brasilien.' Oder '92, als wir schon Europameister waren, bevor das Spiel gegen Dänemark gespielt war. Wenn dann ein paar Dinge nicht passen, bezahlt man den Preis dafür.

Teil 2: Klinsmann über den Soccer, Ballack und heiße Quali-Spiele in Guatemala

Für SPOX in Dresden: Stefan Rommel

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Der US-Coach über EM-Geheimfavoriten, Amerikas Rasta-Dunga, den Geist von '96 und heiße Spiele in Guatemala. Ballack legt er einen Wechsel in die MLS ans Herz.

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