Wie der tschetschenische Besitzer Xamay Neuchatel abwirtschaftete

"Tschagajew möchte euch mitteilen: Fuck you!"

SID
Mittwoch, 18.01.2012 | 17:45 Uhr
Bulat Tschagajew investierte in Xamax Neuchatel
© Getty
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Er ist der Buhmann des Schweizer Fußballs: Bulat Tschagajew. Im Mai 2011 kaufte der Tschetschene 69,5 Prozent der Aktien des Schweizer Erstligisten Xamax Neuchatel - der Beginn eines einmaligen Theaters. Das Ziel sei ab sofort die Champions League, ließ Tschagajew wissen. Neue Stars wie Claudio Pizarro, Pablo Aimar und David Trezeguet sollten kommen. Geld? Kein Problem! Der neue Besitzer versprach Millionen.

Heute steht der Klub vor einem Scherbenhaufen. Am Mittwoch entzog der Verband Xamax die Lizenz, wogegen der Klub binnen fünf Tagen Widerspruch einlegen kann. Aber auch der Konkurs steht nach Aussage von Heinrich Schifferle, Präsident der Swiss Football League (SFL), kurz bevor. 120 Gläubiger mit offenen Forderungen von über 8 Millionen Franken (knapp 6,5 Millionen Euro) können nicht bedient werden.

Tschagajew juckte das bislang scheinbar wenig. Oder ist er einfach nur ein guter Schauspieler? Bühnenreif sind die Auftritte des Tschetschenen allemal. Legendär seine spektakuläre Kabinen-Show in der Halbzeit des Pokalfinals. 0:2 lag sein "Spielzeug" hinten. Tschagajew stürmte in die Kabine und bedrohte die Spieler ("I will kill you all"). Das Finale ging trotz dieser Motivationsrede verloren. Es war das Aus für Trainer Bernard Challandes, nach zwei Wochen im Amt. In nur acht Monaten entließ Tschagajew vier Trainer.

"Hire and Fire" in Vollendung

In Neuchatel bekommt die "Hire and Fire"-Mentalität eine ganz neue Qualität. So verlor Xamax das erste Saisonspiel mit 0:3. Schuld war nach Meinung des Tschetschenen Neu-Keeper Rodrigo Galatto. Und Tschüss! Vor wenigen Tagen wurden Kapitän Besle sowie seine Mitspieler Seferovic, Arizmendi und Bakana entlassen. Fristlos und grundlos, ganz Tschagajew-like.

Trotz aller Wirrungen ging es sportlich bergauf. Ohne Einrechnung der Punktabzüge überwinterte Xamax auf Platz 4. Aber längst war Geld das beherrschende Thema.

Tschagajew bezeichnet sich selbst als Unternehmer. Wie genau er seine Millionen verdient hat, darüber gibt er keine Auskunft. Und die Zweifel mehren sich, ob er überhaupt Geld hat. So musste der Tschetschene auf Druck des Gerichts und der SFL Banknachweise über sein Vermögen vorlegen.

Die Bank of America bescheinigte Tschagajew ein Konto mit 35 Millionen Dollar - scheinbar. Denn schnell wurden die Nachweise als billige Fälschungen entlarvt. Eine Garantie wurde von "Thomas Milller" unterzeichnet, geschrieben mit drei "L". In den Kantonen Genf und Neuenburg wird nun gegen Tschagajew wegen des Verdachts auf Urkundenfälschung, versuchten Betrug, ungetreue Geschäftsführung und Geldwäscherei ermittelt.

Präsident ohne dauernde Aufenthaltsgenehmigung

Der Xamax-Besitzer hatte eine logische Erklärung: eine Verschwörung. "Dieses Dokument wurde mir untergejubelt", sagte er der russischen Tageszeitung "Sport Den za Dnem". Tschagajew besitzt in der Schweiz keine gültige Arbeitserlaubnis, der eingesetzte Präsident Islam Satujew auch nur eine beschränkte Aufenthaltsgenehmigung. Vor der rechten Hand von Tschagajew wird gewarnt.

Dieser sei gefährlicher als sein Boss, erklärte Gilbert Facchinetti (75), Ex-Präsident und bekannt als "Mister Xamax": "Er hat keine Ahnung davon, was er tut. Er will zwar befehlen, doch er versteht nichts. Das ist ganz schlecht."

Auch gegenüber den Medien wurde der Ton rauer. So stauchte Satujew die Journalisten vor einem Spiel ordentlich zusammen: "Tschagajew möchte euch etwas mitteilen: Fuck you!" Die Zeitung "Matin" und das Magazin "L'illustre" wurden auf jeweils eine Millionen Franken verklagt. Von der "SNP" will Tschagajew 500.000 Franken wegen mehrfacher Ehrverletzung.

Großes Kino in der Schweizer Super League. Was im Mai 2011 wie ein Märchen begann, eskaliert inzwischen zu einem echten Horror-Streifen. Ein Happy End à la Hollywood scheint jedoch ausgeschlossen.

Xamax Neuchatel in der Übersicht

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