Fussball

Kalter Krieg

Von Stefan Rommel
Rund 600 Ajax-Fans protestieren vor der Geschäftsstelle des niederländischen Rekordmeisters
© Imago

Die Schlammschlacht bei Ajax Amsterdam nimmt immer groteskere Züge an. Die Fronten sind verhärtet, gegenseitige Schuldzuweisungen zwischen Cruyff-Fraktion und den Befürwortern von Louis van Gaal sind an der Tagesordnung. Immerhin hat nun der Mitgliederrat den Aufsichtsrat zum Rücktritt aufgefordert. Ein Ende der Seifenoper ist dennoch nicht in Sicht. Umso tragischer, weil sich im Schatten des Machtkampfes eine frische Ajax-Generation entwickeln will.

Das ist Ajax Amsterdam: Gegründet 1900, benannt nach einem Helden der griechischen Mythologie. Der populärste Klub der Niederlande, Rekordmeister und Rekordpokalsieger, dreimaliger Gewinner im Landesmeistercup, ein Triumph in der Champions League, einer im UEFA-Pokal und einer im Cup der Pokalsieger. Zweimaliger Weltpokalsieger.

Rollenmodell für den Fußball der frühen 70er Jahre, Keimzelle des Voetbal total, Vorreiter in Ausbildung und Scouting von Jugendlichen und immer ein Vorbild für Innovationen im Fußball. Der Heimatverein von Ikonen wie Piet van Reenen, Wim Suurbier, Johan Cruyff, Rinus Michels, Marco van Basten und etlichen mehr. Ein Klub von Weltruf mit einer glorreichen Vergangenheit.

Das ist Ajax Amsterdam im November 2011: Der Schauplatz skurriler Verschwörungstheorien. Die sonderbarste Seifenoper des europäischen Fußballs. Eine Endlosschleife aus Neid, Hass, Eifersüchteleien, Intrigen und natürlich Spielchen um Macht.

"Sie sind verrückt geworden!"

Alles begann vor zwei Wochen. Louis van Gaal, Gestalter der letzten erfolgreichen Ajax-Periode in den frühen 90er Jahren, soll als Generaldirektor nach Amsterdam zurückkehren. Das gab die Klubführung am 16. November nach einer Sitzung des Aufsichtsrats bekannt.

Das Problem: Nur vier der fünf Mitglieder des "raad van commissarissen" hatten darüber beratschlagt. Der Runde gehörten Aufsichtsratschef Steven ten Have, Edgar Davids, Paul Römer und Marjan Olfers an. Es fehlte: Johan Cruyff, den Ajax erst im Frühjahr zurück ins Gremium geholt hatte.

Der erfuhr von der geplanten Inthronisierung van Gaals aus den Medien und reagierte verständlicherweise erzürnt. "Sie sind verrückt geworden! Van Gaals Wahl steht im Gegensatz zu allen Absprachen. Erst vorige Woche habe ich mit ten Have gesprochen und nicht einmal wurde diese Entscheidung zur Sprache gebracht", polterte Cruyff. Niemals hätte er einer Rückholaktion von van Gaal zugestimmt.

Tiefe Abneigung zwischen Cruyff und van Gaal

Vermutlich wurde Cruyff genau deshalb auch erst gar nicht mehr gefragt. Zudem hatten die Aufsichtsratskollegen angeblich auch Angst, Cruyff könnte sofort zu seinem Kumpel Jaap de Groot von der Tageszeitung "De Telegraaf" rennen, um sein Leib- und Magenblatt gegen van Gaal aufzuhetzen.

Dazu muss man wissen, dass Cruyff seit Jahren eine tiefe Abneigung gegen van Gaal pflegt. Seit über 20 Jahren gehen sich beide konsequent aus dem Weg, im selben Raum wurden beide seitdem nicht mehr gesichtet.

Warum das so ist? Van Gaal soll einst eine Weihnachtsparty von Cruyff fluchtartig verlassen haben. Angeblich bekam van Gaal auf der Feier die Nachricht vom Tod seiner Schwester und machte sich sofort auf den Weg zu seiner Familie. Angeblich habe sich Cruyff furchtbar darüber aufgeregt, dass sich van Gaal nicht artig bei ihm bedankt habe.

"Wenn er das behauptet, hat er offenbar Alzheimer", reagierte Cruyff erbost.

Disziplin gegen Individualismus

Der Disziplinfanatiker van Gaal mit seiner Ordnungsliebe ist Cruyff schon immer ein Dorn im Auge. Der liebt den Individualismus und das Improvisationstalent. Zwei völlig konträre Dogmen, die bei jedem Fußballklub der Welt nur schwer zu vereinbaren wären.

Dazu kommt erschwerend, dass es bereits davor zu heftigen Auseinandersetzungen auf fast allen Ebenen des Klubs gekommen war. Oft mittendrin: Johan Cruyff.

Ein paar Stunden bevor die Bombe platzte, wurde ein Interview mit dem eben in der Türkei zurückgetretenen Guus Hiddink im Magazin "Voetbal International" publik. Darin prangert Hiddink die Zustände innerhalb des Vereins mit drastischen Worten an.

"Ich habe mir das Organigramm von Ajax angesehen und es hat mich regelrecht erschrocken, wie viele Kommissionen, Gremien und Beiräte sich da tummeln", sagt Hiddink.

Cruyff übergangen - oder nicht?

Ein weiterer Grund für Cruyffs Zorn: Die entscheidende Sitzung war vom Rest des Aufsichtsrats erst kurzfristig angesetzt worden. Allerdings erst, nachdem sich Cruyff in seine zweite Heimat Barcelona verabschiedet hatte, um den Geburtstag seiner Tochter Chantal zu feiern.

"Ich habe um 11 Uhr eine Mail erhalten, dass um 16 Uhr eine Aufsichtsratssitzung stattfinden sollte. Da konnte ich nicht mehr umdisponieren", sagte der Übergangene. "Kurz vor 16 Uhr habe ich mich noch einmal telefonisch entschuldigt. Den Rest habe ich dann erst um 19 Uhr erfahren. Ich hatte keinerlei Informationen."

Der Konter ten Haves ließ nur wenige Stunden auf sich warten. Im niederländischen Fernsehen verteidigte er sowohl die Ansetzung der Sitzung, als auch deren finalen Beschluss.

"Cruyffs erster Kandidat (Ex-Ajax-Spieler Tscheu La Ling, Anm. d. Red.) erfüllte unsere Anforderungen nicht. Alle anderen (u.a. Marco van Basten, Anm. d. Red.) entsprachen nicht Cruyffs Erwartungen. Wir konnten nicht länger warten und nicht noch mehr Zeit verlieren. Darum haben wir vier beschlossen, van Gaal für diese Position zu nominieren."

Rassismus- und Sexismusvorwürfe

Seitdem tobt eine politische Schlacht, bei der sich beide Parteien mit gegenseitigen Schuldzuweisungen übertreffen und die mittlerweile teilweise weit unter der Gürtellinie geführt wird. Am Sonntag vor einer Woche kam im Rahmen einer Fernsehsendung heraus, dass Cruyff seinen Kollegen Edgar Davids rassistisch beleidigt haben soll.

"Du sitzt hier nur, weil du schwarz bist", soll der Vizeweltmeister von 1974 zu Davids gesagt haben. Danach sei in der Runde ein heftiger Streit entbrannt, in dessen Zuge sich Cruyff dann auch noch Marjan Olfers beleidigt haben soll.

Sie verdanke ihren Platz alleine der Tatsache, dass sie eine Frau sei, soll Cruyff behauptet haben. "Er versuchte seine Bemerkung zu relativieren - aber damit machte er es nur noch schlimmer", behauptet ten Have.

"Noch schwärzer als Edgar"

Cruyffs montägliche Kolumne im "De Telegraaf" wurde angesichts der Anschuldigungen um einen Tag verschoben, einen Tag später reagierte der 64-Jährige wie erwartet. "Das entbehrt jeder Grundlage. Ich habe mit meiner Stiftung etwa 120 Fußballfelder geschaffen, auf denen auch ausländische Kinder spielen", sagte er "Voetbal International".

"Eigentlich sollte ich auf diese Vorwürfe nicht reagieren. Sie sind unter der Gürtellinie."

Unterstützung erhielt er dabei von Bryan Roy, Ex-Bundesliga-Profi bei Hertha BSC und heute Jugendtrainer bei Ajax. "Ich stehe der Familie Cruyff seit Jahren sehr nah", sagte der, "und ich bin noch schwärzer als Edgar." Es gibt auch Gerüchte, Cruyff sei bewusst in eine Falle gelockt worden.

In den Niederlanden haben sich längst zwei Lager gebildet, die Medien greifen jedes noch so kleine Fitzelchen an neuen Informationen auf, selbst längst vergessene Ex-Stars dürfen die Streitsache kommentieren - obwohl sie mit Ajax längst nichts mehr zu tun haben oder noch nie zu tun hatten. "De Telegraaf" hat ein Special eingerichtet, "Het Dossier Ajax" listet jeden Krümel haargenau auf.

Morddrohungen und Rücktrittsaufforderung

Mittlerweile ist die Situation weiter ausgeartet. Am vergangenen Dienstag erhielten die vier Aufsichtsratsmitglieder ten Have, Davids, Römer und Olfers Morddrohungen, verschickt an die jeweiligen Privatadressen. Alle vier sollten mit sofortiger Wirkung von ihrem Amt zurücktreten, hieß es darin. Es wird vermutet, dass hinter den Aktionen der harte Kern der Ajax-Fans steckt.

Der Witz eines Comedians, der ten Have ein paar Tage zuvor noch empfohlen hatte, sich jetzt besser eine schusssichere Weste zuzulegen, ist schon längst keiner mehr.

Seit Montagabend ist der Rücktritt des gesamten Aufsichtsrats auch wahrscheinlicher denn je. Der Ajax-Mitgliederrat sprach auf einer Sondersitzung nämlich mit einer deutlichen Mehrheit dem Aufsichtsrat das Misstrauen aus und forderte ihn geschlossen zum Rücktritt auf.

Falls die fünf Aufsichtsräte der Rücktrittsaufforderung nicht freiwillig nachkommen, werden sie von einer außerordentlichen Aktionärsversammlung abgesetzt, hieß es.

Vor dem Tagungsort in der AmsterdamArena hatten sich ungefähr 600 Ajax-Fanklubmitglieder versammelt. Sie machten mit "Johan"-Sprechchören und bengalischen Feuern auf sich aufmerksam. Ein Fan-Sprecher übergab dem Mitgliederrat eine Petition, mit der dieser aufgefordert wurde, für Cruyff zu stimmen und dessen Fußballvision zu folgen.

Cruyff bleibt Mitgliedsratssitzung fern

Auf einer Pressekonferenz sagte der Mitgliederratsvorsitzende Rob Been junior allerdings, dass die fünf betroffenen Aufsichtsräte bei der Neubesetzung des Gremiums nicht mehr berücksichtigt würden.

"Ten Have war etwas enttäuscht und will noch eine Nacht darüber schlafen", sagte Been junior. Er schloss nicht aus, dass Cruyff Ajax weiter als Berater zur Verfügung steht. "Das ist in die Zukunft schauen. Es war ein sehr schwerer Abend", meinte Been junior nach der mehr als fünf Stunden dauernden Sitzung.

Vom 24-köpfigen Mitgliederrat nahmen 22 an der Sitzung teil. Cruyff, der im Gegensatz zu den vier anderen Aufsichtsräten als Ehrenmitglied von Ajax auch an der Sitzung hätte teilnehmen können, war in seiner Wahlheimat Barcelona geblieben, um dort die katalanische Auswahl zu betreuen.

Neuer Vorstand gebildet

Der Mitgliederrat berief aus seinen Reihen Been junior, Ex-Minister Roger van Boxtel und Rechtsanwalt Ernst Ligthart zum neuen, kommissarischen Vereinsvorstand. Zuvor hatte ein dreiköpfiges Vorstandsteam um Präsident Uri Coronel, das seit gut einem halben Jahr ohnehin nur noch kommissarisch tätig war, bereits das Handtuch geworfen.

Das neue Trio vertritt am 12. Dezember die Interessen des Fußballklubs Ajax bei der jährlichen Aktionärsversammlung.

Reichlich viel Wind um eine Sache, die noch gar nicht als endgültig beschlossen feststeht. Ajax Amsterdam ist in der Rechtsform eine Aktiengesellschaft, deren höchstes Gremium eben der Mitgliederrat ist - und der muss der Personalie van Gaal überhaupt erst zustimmen.

Noch keine Regung von van Gaal

Um die Wogen etwas zu glätten, gingen beide Parteien über Mittelsmänner und die Medien Ende der vergangenen Woche auf einen zaghaften Annäherungskurs. Und siehe da: Angeblich wolle sich auch Cruyff eine Zusammenarbeit mit van Gaal plötzlich doch noch einmal überlegen.

"Aber mit den anderen vier werde ich nicht mehr zusammenarbeiten. Ich bin so hintergangen worden. Es sind zu viele Dinge passiert, die mir nicht gefallen haben. Entweder sie oder ich - oder wir gehen alle!", sagte er.

In seiner Kolumne im "Telegraaf" äußerte Cruyff zudem noch vor der Entscheidung des Mitgliederrates über sich und van Gaal: "Meine Generation muss einen Schritt zurücktun und für eine neue und ehrgeizige Gruppe, die Ajax wieder an die europäische Spitze bringen will, zur Verfügung stehen. Personen wie Louis und ich sollten nicht mehr Macht ausüben wollen."

Jugendtrainer wollen zurücktreten

Während in der Heimat weiter alles drunter und drüber geht, kostet einer der Hauptakteure seinen Urlaub in vollen Zügen aus: Louis van Gaal weilte zuletzt in Südostasien, von ihm war in der gesamten Angelegenheit noch keine Silbe zu vernehmen.

Also steht seine letzte Aussage aus dem vergangenen Jahr noch im Raum, dass er nicht zu Ajax zurückkommen werde, "so lange Johan Cruyff dort ist".

Diese völlig verworrene Lage könnte bald noch schlimmer werden, weil sogar ein Rechtsstreit vor einem ordentlichen Gericht droht und Ajax' Jugendtrainer ihren Job quittieren wollten, sofern van Gaal ihnen als Generaldirektor vor die Nase gesetzt werde.

Das zumindest behauptet Wim Jonk, der die Fußballschule "De Toekomst" leitet und der kurzerhand den vermeintlich Drahtzieher des Putschs, Edgar Davids, rausgeworfen hatte. Davids macht derzeit den Schein zum Fußballlehrer und hatte in der Ajax-Schule hospitiert.

Neue, frische Ajax-Generation

In den Wirren des Machtkampfes gehen die sportlichen Belange des Vorzeigeklubs regelrecht unter. Niemand redet über die zehn Punkte Rückstand, die der Meister schon hinter Spitzenreiter AZ Alkmaar zurückliegt. Oder aber die beinahe sichere Qualifikation für das Achtelfinale in der Champions League, die erste seit fünf Jahren.

Dabei gedeiht in Amsterdam derzeit eine tolle Generation, geführt von den Helden der 90er Jahre. Frank de Boer als Cheftrainer, dazu Dennis Bergkamp und (noch) Danny Blind als Co-Trainer bringen der blutjungen Mannschaft typischen Ajax-Fußball bei: offensiv, aggressiv und voll spielerischer Raffinesse.

De Boer, clever genug, hält sich bislang aus allen politischen Belangen raus. "Ich respektiere beide, Cruyff und van Gaal. Aber ich will nicht in diesen Krieg hineingezogen werden. Ich bleibe bei Ajax, das ist meine Zukunft. Völlig egal, was passieren wird."

Derweil bildet er mit Christian Eriksen lieber einen kommenden Superstar aus. Der 19-Jährige wurde in Dänemark zum Fußballer des Jahres gewählt, sein Nationalcoach Morten Olsen meint: "Eriksen ist mindestens so gut wie Mario Götze."

Dazu kommt noch Daley Blind, der nicht nur aussieht wie Vater Danny, sondern auch mindestens so talentiert ist. Oder Torjäger Miralem Sulejmani. Über 30 sind nur der Ex-Leverkusener Dmitri Bulykin und Veteran Andre Ooijer. 23 der 34 Spieler im Kader kommen aus dem eigenen Stall.

Auch das ist Ajax Amsterdam. Nur interessiert das im Moment niemanden.

Ajax Amsterdam im Steckbrief

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