Die geheimen Tagebücher eines Profis

Von Interview: Haruka Gruber
Donnerstag, 27.10.2011 | 21:07 Uhr
Früher gehörte Ricketts zu den größten englischen Talenten. Hier gegen Cristiano Ronaldo
© Getty
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Eine seltsame Karriere: Rohan Ricketts gehörte noch vor einigen Jahren zu den großen Hoffnungen des englischen Fußballs und stand vor dem Debüt in der Nationalmannschaft. Doch es begann eine Irrfahrt, die ihn über Moldawien nach Wilhelmshaven führte. Jetzt greift der 28-Jährige noch einmal an - als Fußballer und als Journalist.

SPOX: Ihr turbulenter Werdegang führte Sie Anfang dieses Jahres in die vierte deutsche Liga nach Wilhelmshaven, doch schon im Sommer zogen Sie weiter zum irischen Rekordmeister Shamrock Rovers. Warum?

Rohan Ricketts: Es war von Beginn an klar, dass ich Wilhelmshaven als Sprungbrett nutze für eine Rückkehr in den Profifußball. Dennoch fühlte ich mich in Wilhelmshaven sehr wohl. Schade war nur, wie wir uns trennten: Ich warte immer noch auf das letzte Juni-Gehalt und die Nichtabstiegs-Prämie.

SPOX: Aber immerhin erfüllte sich der Wunsch, sich in Wilhelmshaven für höherklassige Klubs interessant zu machen.

Ricketts: Das stimmt, es gab in Deutschland schon im Winter Möglichkeiten: Rostock, Karlsruhe, Braunschweig, Paderborn. Dafür spiele ich jetzt für den irischen Rekordmeister in der Europa League und wurde sogar gegen meinen alten Verein Tottenham eingesetzt. Es geht wieder aufwärts. Mein Vertrag bei Shamrock läuft im Winter aus, danach könnte ich mir vorstellen, nach Deutschland zurückzukehren. Wenn möglich in die 1. oder 2. Liga.

SPOX: Wie landete überhaupt ein ehemaliger Kandidat für die englische Nationalmannschaft über Kanada, Ungarn und Moldawien in Wilhelmshaven?

Ricketts: Es ist eine lange, lange Geschichte. Nachdem ich mit England abgeschlossen hatte, unterschrieb ich 2008 beim MLS-Klub Toronto FC. Es wurden mit die schönsten zwei Jahre meiner Karriere, aber dann kam Toronto in finanzielle Probleme, weswegen ich nach Europa zurückkehrte. Und das Elend fing an. Ich sollte zu Aberdeen oder Odense, gelandet bin ich jedoch im ungarischen Diosgyöri. Es war die Hölle. Der Verein entließ drei Trainer in vier Monaten, zahlte die Gehälter nicht und stieg abgeschlagen als Letzter ab - und das Schlimmste war, dass ich nicht spielen durfte, obwohl ich offensichtlich hätte helfen können. Dazu kamen die Hooligans: Nach einem Spiel haben wir uns für Stunden in der Kabine verschanzt, weil sie davor alles kaputtgetreten und rumgebrüllt haben: 'Wir töten alle Spieler! Wir töten alle Spieler!'

SPOX: Was es umso unverständlicher macht, dass Sie daraufhin nach Moldawien zu Dacia Chisinau gegangen sind.

Ricketts: Ich sollte in die Türkei zu Ankaragücü, in letzter Minute habe ich aber erfahren, dass mein damaliger Berater mich und den Verein belogen hat, deswegen ist der Wechsel gescheitert. Daher blieb mir kurz vor dem Ende des Transferfensters nur noch die Option Chisinau - und es wurde eine erneute Katastrophe. Der Trainer war so faul, dass er freiwillige Extra-Einheiten der Spieler verbot. Für mich bedeutete es, dass ich noch mehr Stunden im Hotelzimmer verbringen musste, weil dort von einer Einkaufsmall abgesehen nichts existiert. Das einzige Gute war, dass ich aus Zeitvertreib anfing, Kolumnen zu schreiben und meine Liebe für den Journalismus entdeckte.

SPOX: Nach Chisinau kam im Winter 2010/11 Wilhelmshaven und die vierte Liga.

Ricketts: Ich hätte auch zu Ingolstadt gehen können, doch Chisinau machte es im Mafioso-Stil, hielt die Freigabe 20 Tage zurück und ließ den Transfer noch platzen. Dann trainierte ich bei den Offenbacher Kickers mit und reiste schnell ab, weil der französische Zweitligist US Boulogne Interesse zeigte. Daraus wurde jedoch nichts, deswegen fuhr ich wieder nach Deutschland und sprach noch am letzten Transfertag mit Lotte und Ahlen. Aber weil es zu knapp vor dem Schließen des Transferfensters war, ging sich nichts aus, bis Wilhelmhaven kam und mir aus der Patsche half.

SPOX: Denken Sie nicht darüber nach, dass all die Rückschläge kein Zufall sind, sondern selbstverschuldet sein könnten? Noch vor acht Jahren gehörten Sie zu den größten Hoffnungen Englands, waren Stammspieler von Tottenham und wurden von Nationaltrainer Sven-Göran Eriksson angerufen.

Ricketts: Natürlich zweifelt man sein eigenes Urteilsvermögen an, vor allem was Spielerberater anbelangt. Mein erster Agent hieß Eric Walters. Er behandelte mich wie einen Sohn und war moralisch einwandfrei. Doch irgendwann dachte ich, dass Eric nicht die Kontakte hätte, um mir große Verträge im Ausland auszuhandeln, und feuerte ihn. Seitdem hatte ich über zehn Berater und mit keinem wurde ich glücklich. In der Regel sind sie nicht verdorben, aber die meisten sind einfach inkompetente Halbwahrheiten-Erzähler.

SPOX: Schuld sind nur die Berater?

Ricketts: Nein, nein, ich beging auch viele Fehler. Angefangen von meiner Arroganz, als ich plötzlich ein Star war und das Geld mit vollen Händen ausgab, nur um sich wichtig zu fühlen. Außerdem hätte ich nicht so wählerisch sein sollen: Als bei Tottenham mein Mentor Glenn Hoddle entlassen wurde und der Nachfolger David Pleat nichts mit mir anzufangen wusste, weigerte ich mich lange, in die zweite englische Liga zu gehen. Im Nachhinein klingt das richtig albern. Und mir fehlte eine Zeitlang die letzte Motivation, was ich heute noch bereue. Damals wurde ich zigmal verliehen und bei der letzten England-Station in Barnsley war ich so niedergeschlagen, dass ich einfach kapituliert habe und ins Ausland ging.

SPOX: Haben Sie Ihren Kampfeswillen wieder?

Ricketts: Ich glaube ganz fest daran, dass ich es wieder nach oben schaffe. Ich verfolge sehr genau die Lebensgeschichten von Fußballern wie Franck Ribery, Liedson und Michael Essien. Ribery hatte in Lille gespielt und musste runter bis in die fünfte französische Liga und nebenbei als Bauarbeiter Geld verdienen, bis Metz zufällig aufmerksam wurde. Dann ging es Schlag auf Schlag und jetzt ist er ein Superstar. Essien war früher ein solcher Niemand, dass selbst Burnley ihn damals nicht für ein paar tausend Euro kaufen wollte. Und Liedson hat in einem Supermarkt gejobbt und wurde zu einem der besten Stürmer Portugals. So etwas gibt mir Kraft.

SPOX: Sie spielten in der hochgelobten Arsenal-Jugendmannschaft mit Jermaine Pennant und Jay Bothroyd. Ebenfalls Talente, denen ebenfalls alles zugetraut wurde. Ist es Zufall, dass das Trio kollektiv die Erwartungen nicht erfüllen konnte?

Ricketts: Bei uns sah es vielleicht manchmal so aus, als ob uns alles zu leicht fällt und wir nicht diszipliniert sein können. Wir drei aber haben eine andere Sozialisation hinter uns als die meisten. Viele Trainer verstanden nicht, was es heißt, auf der Straße aufzuwachsen.

SPOX: Was heißt es denn?

Ricketts: Es klingt abgedroschen, es ist dennoch so: In meinem Stadtteil von London wird man als junger Mann entweder arbeitslos, landet im Gefängnis oder stirbt durch Drogen oder durch Waffen. Die Leute, mit denen ich aufwuchs, hängen immer noch in der selben Ecke rum und ich muss aufpassen, wenn ich sie sehe. Einige denken: Er ist Fußball-Profi und hat bestimmt Kohle, davon steht mir doch auch etwas zu. Vor einigen Jahren erfuhr ich, dass ein ehemaliger Freund, ein Heroinsüchtiger, die Entführung eines Familienangehörigen von mir geplant hat.

SPOX: Geschichten wie diese machen Ihr "Tagebuch eines Profi-Fußballers" lesenswert. Sie beschreiben im Internet amüsante Anekdoten, aber eben auch die Schattenseiten, worüber selbst in Deutschland nach Robert Enkes Selbstmord in der Deutlichkeit keiner spricht. Zwischen den Zeilen kommt bei Ihnen immer eine gewisse Traurigkeit durch. Warum?

Ricketts: Weil die Öffentlichkeit immer noch unterschätzt, wie hart das Business tatsächlich ist. Wie oft hört man noch heute den Satz: Stell dich nicht so an, du verdienst doch super als Profi! Das mag für die Superstars gelten, aber wer denkt an die Spieler aus der 2. oder 3. Liga abwärts, die teilweise nicht bezahlt werden und gleichzeitig weit weg von der Familie leben? Sie opfern alles - und dürfen keine Schwäche zeigen. Das ist eine Lose-Lose-Situation.

SPOX: Sie beschreiben in Ihrem Tagebuch auch, wie einige der Ihnen bekannten Stars versuchen, die eigenen Schwächen mit einem besonders ausschweifenden Lebensstil zu kompensieren.

Ricketts: Man glaubt nicht, was populäre und scheinbar selbstbewusste Fußballer alles unternehmen, nur um den Schmerz zu betäuben, den sie jeden Tag verspüren. Ganz viele von ihnen fühlen sich regelrecht wie im Gefängnis und sie können dem nur entfliehen, wenn sie mit Prostituierten in einem Strip Club feiern, Geldscheine anzünden oder die Hotellobby als Klo missbrauchen. So erschaffen sie sich eine Illusion und fliehen vor der Realität. Das habe ich selbst beobachtet - bei ehemaligen Mitspielern, aber auch bei mir.

SPOX: Tatsächlich?

Ricketts: Als ich plötzlich der kommende Star Englands war, dachte ich auch, dass ich 100 Frauen flachlegen, vier Geliebte gleichzeitig haben und mit den Scheinen in der Disko wedeln müsste. Das war meine damalige Definition von männlich. Erst mit der Zeit lernte ich, dass es männlicher ist, nicht einer von vielen zu sein und fremdzugehen, sondern sich zu seiner Frau und seiner Familie zu bekennen. Erst das gab mir wahres Selbstbewusstsein.

SPOX: Im Mannschaftssport herrscht extremer Gruppendruck: Wer sich nicht fügt, wird häufig gemobbt. Wie geht es tatsächlich in Englands Kabinen zu?

Ricketts: Das wird in Deutschland ähnlich sein, dass man sich nicht nur auf dem Platz, sondern auch in der Kabine behaupten muss, um nicht Opfer von teils bitterbösen Streichen zu werden. Damals bei Tottenham hatte ein Mitspieler eine recht dicke Freundin und Robbie Keane hörte nicht auf, ihn mit richtig fiesen Sprüchen aufzuziehen. Wer bei so etwas einbricht, hat in der Mannschaft keine Chance mehr.

SPOX: Ein Opfer in der Arsenal-Jugend hieß Niccolo Galli. Ein großes Talent, das jedoch unter der rüden Umgangsform zusammenbrach, vor lauter Verzweifelung zurück nach Italien floh und wenig später bei einem Autounfall verstarb. Sie sollen ihn gut gekannt haben.

Ricketts: Er hat sich häufig bei mir ausgeweint und Fragen gestellt: Warum behandeln mich die anderen Spieler so? Bin ich nicht ein Mensch? Was habe ich verbrochen? Ich habe versucht, ihn zu trösten, aber irgendwann wollte er nur weg. Er wechselte als Leihspieler zu Bologna und schien sich wohlzufühlen. Wenn ich mich richtig erinnere, stand er vor dem Serie-A-Debüt gegen Milan - und dann kam der Unfall einen Tag vor dem Spiel. Eine furchtbare Geschichte, er wurde nicht einmal 18 Jahre alt. So zynisch es klingt: Trotz allem hat sich der Fußball nicht verändert. Es heißt immer noch: Dog eat dog.

Rohan Ricketts im Steckbrief

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