Solskjaer: Der ManUnited-Coach der Zukunft

Von Haruka Gruber
Donnerstag, 15.09.2011 | 12:26 Uhr
Solskjaer mit Ferguson bei seiner Verabschiedung von ManUtd im Dezember 2010
© Getty
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Mit Kaltblütigkeit und scharfem Blick verdiente sich der ehemalige Weltklasse-Stürmer Ole Gunnar Solskjaer den Respekt seines Trainers Sir Alex Ferguson. Nun steht er selbst vor dem Durchbruch als Trainer - und sein Mentor ist begeistert vom Ex-Babyface-Assassin, der Norwegen mit United-Fußball dominiert.

Er ist noch immer etwas verschämt, wenn er an den Tag denkt, als er als in der Kabine von Manchester United zum Opfer der berüchtigten Hairdryer-Behandlung wurde. Als er von Alex Ferguson vor versammelter Mannschaft aus kürzester Distanz frontal derart angebrüllt wurde, dass ihm die Haare auch ohne Föhn getrocknet worden wären.

"Ich habe eine Grenze überschritten und wurde vor allen anderen ausgeschimpft. Am nächsten Morgen musste ich noch in sein Büro und eine Strafe zahlen", erinnert sich Ole Gunnar Solskjaer an den 18. April 1998. Der sonst in sich ruhende Norweger war gegen Newcastle über den halben Platz gesprintet und hatte den alleine auf das United-Tor laufenden Gegenspieler Rob Lee umgegrätscht, was mit der Roten Karte geahndet wurde.

"Ferguson will immer gewinnen. Er will dafür aber nicht die Regeln brechen und betrügen. Im Nachhinein weiß ich, dass ich falsch lag und er richtig", sagt Solskjaer.

Es ist nicht alltäglich, aber auch nicht ungewöhnlich, dass der United-Coach seine Spieler in rabiater Weise zusammenstaucht. Dass aber Solskjaer einst ebenfalls unter den Leidtragenden war, überrascht doch. Denn anders als etwa David Beckham gilt Solskjaer seit jeher als Liebling des knurrigen Trainers.

Ferguson sieht in Solskjaer einen möglichen Nachfolger

Mehr noch: Die beiden sind grundverschieden und gleichzeitig doch so ähnlich, dass Ferguson in dem zurückhaltenden Solskjaer seinen möglichen Nachfolger ausgemacht hat. Sir Alex formulierte es so: "Im heutigen Fußball-Geschäft ist es schwer zu sagen, was in zwei Wochen passiert, geschweige denn in zwei Jahren. Aber ich weiß, dass Ole die exakt richtigen Entscheidungen trifft, um am Ball zu bleiben."

Seit diesem Zitat sind drei Jahre vergangen, aber es hat nichts an Gültigkeit verloren. Solskjaer arbeitet beharrlich am Traum, eines Tages Ferguson bei den Red Devils zu beerben: "Jeder, der mal bei United gespielt hat, würde es lieben, als Trainer zurückzukehren."

Es ist bezeichnend, mit welcher Zielstrebigkeit Solskjaer seine zweite Karriere seit dem Rücktritt als Profi-Fußballer 2007 vorantreibt. Ein Jahr darauf bekam er von Ferguson die Verantwortung für die United-Reserve zugetragen, seit Anfang dieses Jahres ist er erstmals als Trainer einer Profi-Mannschaft tätig - und dies überaus erfolgreich.

Molde mit ManUtd-Fußball

Der mittlerweile 38-Jährige kehrte als Chefcoach zu seinem Heimatklub Molde FK zurück und führt die norwegische Tabelle komfortabel mit sechs Punkten Vorsprung auf den Zweiten Tromsö an, obwohl der Saisonstart mit drei erfolglosen Spielen und einer 0:3-Niederlage bei Aufsteiger Sarpsborg blamabel verlief. Aus den folgenden 19 Spielen holte Molde jedoch 15 Siege.

"Er lässt den Fußball spielen, den auch Manchester United praktiziert: viel Bewegung, nur ein, zwei Kontakte, viele Positionswechsel. Der Ball wird etwas länger in den eigenen Reihen gehalten, als es im norwegischen Fußball üblich ist. Und wenn sich die Chance zum Angriff bietet, geht es schnell und überfallartig nach vorne", erklärt Gunnar Halle.

Solskjaers ehemaliger Mitspieler in der norwegischen Nationalelf rettete vergangene Saison gemeinsam mit Cheftrainer Uwe Rösler dank einer fulminanten Schlussphase Molde vor dem Abstieg, bevor sich beide freiwillig zurückzogen, weil sich Rösler in England bewähren wollte. Auf ihn folgte Solskjaer.

"Molde ist die richtige Station für Ole. Mit dem Reserve-Team hatte er Erfolg und die Erfahrung bei uns ist ein gutes Fundament", sagt Ferguson. "Das Trainer-Business ist gefährlich und riskant. Ohne Kompetenz, Management-Fähigkeiten, Organisationstalent und eine Vision wirst du scheitern. Aber Ole ist auf dem richtigen Weg und dafür respektiere ich ihn."

Trainer-Angebot nach 20 Sekunden

Eine solche Ehrerbietung von Ferguson ist eine Seltenheit. Entsprechend verpflichtet fühlte sich Solskjaer, als ihm Ferguson die Stelle bei der Reserve anbot - 20 Sekunden, nachdem er seinem Mentor mitgeteilt hatte, wegen der chronischen Knieprobleme seine aktive Laufbahn zu beenden.

Eigentlich hätte er eine längere Auszeit geplant, aber "wie hätte ich die Chance ausschlagen können, aus nächster Nähe Ferguson bei der Arbeit zu beobachten und von ihm zu lernen?", fragt Solskjaer und gibt selbst die Antwort.

"Dieser Enthusiasmus, dieser Wille, immer das Beste aus einem herausholen zu wollen, diese Sieger-Mentalität, dieses Grundvertrauen in die eigenen Spieler und in die Mitarbeiter: Ferguson ist ein überragender Motivator und ein fantastischer Kommunikator. Er hat nie den Panik-Knopf gedrückt, wenn wir mal verloren haben. Er ist der Beste."

Kaltblütig und mit scharfem Blick

Die gegenseitige Wertschätzung begann 1996. Solskjaer, damals ein 23-jähriges Bürschchen mit knabenhaftem Erscheinen, nur 2,5 Millionen Euro teuer und als Niemand aus Molde in die englische Metropole gekommen, erzielte in seiner ersten Saison auf Anhieb 18 Tore und machte sich einen Namen als "The Babyface Assassin".

Ferguson fiel bereits früh auf, dass Solskjaer nicht nur kaltblütig Tore schoss, sondern auch ein inneres Vergnügen dabei empfand, mit scharfem Blick Spielsituationen richtig zu deuten oder im Training Übungen nach ihrer Zweckmäßigkeit zu analysieren. "Er hat früher als einer der Ersten auch auf Dinge wie die Ernährung geachtet", sagt Halle.

"Ich kenne keinen, der so fokussiert war auf Details wie er. Wenn er zu Spielbeginn auf der Bank saß, sollte man ihn nicht ansprechen, weil er sich genau die Schwachstellen des Gegners angeschaut hat, um diese nach seiner Einwechslung auszunützen."

Diese Beobachtungsgabe, so Ferguson, mache aus guten Trainern außergewöhnliche Trainer: "Das Geheimnis des Mannschaftserfolgs lautet, dass man bis zum gewissen Grad Individualismus erlaubt, aber über allem das Team stellt. Dafür muss man ein genaues Gespür haben für den Einzelnen und für die Gruppendynamik."

Solskjaer mit Understatement

Mit der selben Konsequenz, die ihn als Fußballer auszeichnete, verfolgt Solskjaer seine Ambitionen als Coach. Schon bei seinem letzten Vertrag als Spieler ließ er sich von Manchester vertraglich zusichern, parallel die nötigen Trainerscheine machen zu dürfen. Bei der United-Reserve ging er in die Lehre, bei Molde könnte er sein Gesellenstück ablegen.

Aber was folgt im Falle eines Titelgewinns? Ist er mit seinen 38 Jahren womöglich schon bereit für das Erbe seines Ziehvaters, seines Seelenverwandten?

"Nein, nein", sagt Solskjaer. "Alex Ferguson sagte mir, dass es am Anfang nur darum gehen kann, Erfahrung zu sammeln. Deswegen möchte ich mich erst einmal woandens beweisen. Vielleicht ist in 25 Jahren die Zeit für mich gekommen, Manchester United zu trainieren."

Spätestens dann sollte auch der Unverwüstliche in Rente gegangen sein. Ferguson wäre 94 Jahre alt.

Der Babyface Assasin: Ole Gunnar Solskjaer im Steckbrief

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