Der Aufsatz über die Wirklichkeit

Von Sebastian Schramm
Donnerstag, 18.08.2011 | 13:34 Uhr
Seit über 20 Jahren begeistert Jari Litmanen Trainer, Mitspieler und Fans
© Imago
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Seit zwei Jahrzehnten reist Jari Litmanen kreuz und quer durch Europa und versetzt noch heute mit 40 Jahren viele Menschen ins Staunen. Begonnen hat alles in einem wintersportverrückten Ort und mit einem Lehrer, der nicht glauben wollte, was der kleine Jari in seinem Leben noch so alles vorhat.

Louis van Gaal - vor allem nach seiner Zeit beim deutschen Rekordmeister FC Bayern München ist und bleibt er eine kontrovers diskutierte Persönlichkeit.

Das Verhältnis zur Mannschaft sei gestört, der Spaß habe gefehlt. Das sind nur einige der Dinge, die ihm in den Nachwehen der Trennung durch die Verantwortlichen des FC Bayern vorgeworfen wurden. Doch bei aller negativen und eventuell auch korrekten Betrachtungsweise, hat er es in seiner Amtszeit wieder geschafft, wie aus dem Nichts hoffnungsvolle Talente zu sichten und sie so zu fördern, dass sie in der Weltspitze des Fußballs das Niveau mitbestimmen können.

Die zwei "Schattenstürmer"

Dem geschulten Auge von Taktik-Fanatiker van Gaal genügten wenige Trainingseinheiten, um zu sehen, dass er ein Juwel in den eigenen Reihen hatte. Thomas Müller. Der junge Deutsche brachte alles mit, für eine Position, die vom Niederländer als "Schattenstürmer" bezeichnet und maßgeblich geprägt wurde

Ein Hybrid aus strategischem Mittelfeldspieler und torgefährlichem Stürmer, der jederzeit in die Spitze vorstoßen und bei Bedarf auch in der Defensive aushelfen kann. Müller brachte genau die Voraussetzungen mit, um diese Position auszufüllen. Doch der Bayer ist nicht der Erste, den van Gaal zu solch einem Spieler formte. Zu seiner wohl glorreichsten Zeit als Trainer bei Ajax Amsterdam, Anfang und Mitte der Neunziger, formte er den Prototypen, dem Spieler wie Müller folgen sollten: Jari Litmanen.

Lahti - Beginn einer besonderen Karriere

Es ist Herbst in Finnland. Auf dem von Blättern überzogenen Trainingsgelände des FC Lahti trainiert der Nachwuchs. Am Spielfeldrand steht ein älterer Herr. Jeans, kurzärmliges Hemd, legere Sonnebrille. Harri Kampman, 57, ehemaliger Coach von Lahti und Motherwell und erster Jugendtrainer von Litmanen, redet gerne über den wohl talentiertesten Nachwuchsspieler, den er in seiner Laufbahn gesehen hat.

Kampman: "Er war ein so wunderbares Beispiel für Willen und Freude am Spiel. Jari wohnte zehn Kilometer außerhalb von Lahti und fuhr jeden Tag mit dem Fahrrad zum Trainingsgelände. Spielte ich ihm einen Ball zu, konnte er einfach nicht stillhalten. Selbst wenn ich eine Ansprache hielt, versuchte er verrückte Dinge mit dem Ball."

Zum Fußball kam Litmanen "irgendwann mit fünf oder sechs Jahren", so ganz genau kann er sich selber nicht mehr daran erinnern. "Es muss so Mitte der siebziger Jahre gewesen sein", erläutert der mittlerweile 40-Jährige mit leicht runzelnder Stirn.

"Meine Mutter und mein Vater haben Fußball gespielt und ich bin dann einfach immer mitgegangen. Ich hatte so einen Spaß, dass ich dann mit Schulkameraden oder Nachbarschaftskindern spielte. Irgendwann reichte mir das einfache Spielen nicht mehr und ich habe mich bei meinem Heimatverein FC Reipas Lahti angemeldet."

Eishockey oder Fußball?

In seiner ersten Zeit spielte und übte er tagtäglich. Morgens auf dem Schulhof, nachmittags beim Training und abends mit Freunden aus seinem Heimatort. Wenn dann noch etwas Zeit war, fuhr er raus zu einem See unweit seines Elternhauses und spielte Eishockey.

"Ich liebte Eishockey. Bis ich 14 Jahre alt war, habe ich auch beides gleichzeitig in Vereinen ausgeübt. Aber es kam nun mal irgendwann der Zeitpunkt, an dem du dich entscheiden musst, was du willst. Ich hatte das Gefühl, der Fußball bringt mir mehr. Ich fing an, mehr zu machen als alle anderen, feilte nach Einheiten noch an meiner Technik oder übte Freistöße."

Das selbstständige Training brachte ihm viel. Schneller als seine Mitspieler entwickelte er sich weiter uns zog in dem fußballerisch eher limitierten Land früh die Aufmerksamkeit auf sich, was für den jungen, zurückhaltenden Finnen nicht leicht war. Auf der einen Seite wurde er wegen seines Könnens bewundert, auf der anderen Seite wurde er von vielen als arrogant betitelt.

Der Aufsatz, der alles veränderte

"Er war überhaupt nicht arrogant. Er wusste einfach, dass er mehr Talent hatte als all die anderen, die über ihn erzählt haben, schließlich tat er auch schlichtweg mehr als die anderen."

Harri Kampman macht eine kleine Pause. Ein Lächeln überzieht sein Gesicht. Man spürt regelrecht, mit welcher Genugtuung er seine Lieblingsanekdote über Litmanen erzählt.

"Nach dem Training sprach mich mal ein Lehrer von Jari an. Er erzählte mir, dass er im Unterricht die Aufgabe verteilt habe, dass jeder Schüler einen Aufsatz über sein Lebensziel verfassen sollte. 'Ich werde eines Tages bei einem ganz großen europäischen Klub spielen', schrieb Litmanen. Fast schon hinter vorgehaltener Hand fragte er mich, ob der Junge nicht alle Tassen im Schrank habe und warum man ihn nicht mal mit der Realität konfrontiert, schließlich hat noch kein Finne bei einem europäischen Spitzenklub aufgetrumpft. Ich lächelte nur süffisant und sagte zu ihm, dass er nur abwarten solle, dann wird er Jari eines Tages in großen Zeitungen abgelichtet sehen und sich noch wundern, wie er seine Ziele verfolgt hat."

Es sollte schneller bergauf gehen als man sich vorstellen konnte.

Bereits mit 16 Jahren lief der torgefährliche Spielmacher in der ersten finnischen Liga für seinen Heimatverein FC Reipas Lahti auf. Bis 1992 blieb er in Finnland und entwickelte sich in den Vereinen HJK Helsinki und Myllykosken Pallo zum wohl besten Spieler der Liga.

Aufstieg in Finnland

Litmanen erzielte in 131 Ligaspielen 51 Tore, debütierte mit 18 Jahren für die Nationalmannschaft und zog somit das Interesse aus ganz Europa auf sich. In seinem letzten Spiel in Finnland gewann er mit MyPa den nationalen Pokal, erzielte ein Tor und unterstrich, welches Talent er besaß und dass er bereit dazu war, zu einem europäischen Top-Klub zu wechseln.

Die Fügung meinte es gut mit ihm. Unter den vielen Zuschauern im Nationalstadion von Helsinki saß ein Scout von Ajax Amsterdam. Sofort nach dem Spiel beschloss er, Litmanen zu verpflichten und schaffte es postwendend mit seiner Aussage in die finnischen Nachrichten: "Er war der Spieler für mich, ich habe so etwas selten gesehen und schon gar nicht in Finnland!" Die Welt stand Kopf in Finnland, so etwas hatte es noch nie gegeben.

"Van Gaal war der beste Trainer, den ich je hatte!"

Litmanen wechselte nach Amsterdam und vollzog damit den entscheidenden Schritt seiner Laufbahn. Von 1992 bis 1999 verbrachte er dort seine erfolgreichste Zeit.

Er avancierte zu einem der besten Spieler Europas. Bei Ajax hatte er Spieler und Trainer um sich, die ihn nach vorne brachten, hochprofessionell arbeiteten und ihm neue Dinge über den Fußball beibringen konnten. Überhaupt liebte der Finne es, neue Dinge über den Fußball zu erfahren, wie ein Schwamm saugte er alles auf, was er noch nicht in Erfahrung gebracht hatte.

David Endt, ehemaliger Manager von Ajax erinnert sich gerne zurück: "Er wollte alles über den Fußball wissen, jedes kleinste Detail war für ihn interessant und auch wenn es nur eine Information über die neuen Torwarthandschuhe von Edwin van der Sar war, er saugte es regelrecht auf. Wir nannten ihn 'unseren Professor'".

Die Achse: van der Sar - Rijkaard - Litmanen

Mit einer der wohl besten Ajax-Mannschaften aller Zeiten (van der Sar, Reiziger, Rijkaard, Seedorf, Davids, Kluivert, Overmars) gewann er alles, was man gewinnen konnte. Neben vier nationalen Meisterschaften und drei nationalen Pokaltriumphen gelang ihm im Jahr 1995 der größte Erfolg seiner Karrierre. Im Wiener Ernst-Happel-Stadion besiegten die Amsterdamer den AC Mailand mit 1:0 und setzten sich somit die Krone in der europäischen Königsklasse auf. Er war damit der erste Finne, der die Champions League gewinnen konnte.

Berichtet Litmanen über seine erfolgreichste Periode, bleibt seine Stimme skandinavisch monoton, doch wenn man sieht, wie seine Augen anfangen zu leuchten, merkt man, was ihm die Zeit in den Niederlanden bedeutet hat.

"Ajax war einfach eine tolle Zeit. Ich persönlich war sehr erfolgreich und die Mannschaft war erfolgreich. Ich konnte dort mit Spielern zusammenspielen, die heute in ihren Ländern Legenden sind. Sei es Denis Bergkamp oder Frank Rijkaard. Und ich hatte die Chance, mit dem besten Trainer zusammenarbeiten, den ich je hatte. Louis van Gaal wusste Dinge über den Fußball, von denen ich vorher noch nie etwas gehört hatte. Bei ihm habe ich einfach am meisten gelernt und er hat mich zu dem gemacht, was ich heute fußballerisch bin und was ich in meiner Karriere in Europa war."

Wege durch Europa

Nach der Zeit bei Ajax Amsterdam verschlug es ihn zu den ganz Großen des europäischen Fußballs. Einem eher glücklosen Intermezzo beim FC Barcelona von 1999 bis 2001 mit seinem Mentor van Gaal folgte ein erfolgreiches Jahr bei seinem "Lieblingsverein" FC Liverpool. Er gewann in England den Ligapokal und den UEFA-Cup. An seine alten Leistungen aus Amsterdamer Zeiten konnte er aber nicht mehr anknüpfen. Viele Verletzungen warfen ihn immer wieder zurück. Ein Problem hat er damit aber nicht.

"Auch wenn es nicht immer leicht war, ich habe sehr viel gelernt. Ich habe bis heute in sechs verschiedenen Ländern gespielt. Ich konnte mich auch persönlich weiterentwickeln, verschiedene Sprachen lernen, einfach andere Sichtweisen des Lebens verinnerlichen und daran wachsen. Ich würde nichts anders machen, auch nicht meine vielen Stationen zum Ende meiner Karriere."

Die letzte Zeit in Litmanens Lebenslauf ist wirklich durch viele Stationen gekennzeichnet. Nach seiner Rückkehr zu Ajax Amsterdam im Jahre 2002 spielte er bis heute in vier verschiedenen Ländern und Vereinen. Über Lahti nach Malmö, über London nach Helsinki. Und, die eingefleischten Bundesliga-Fans werden sich erinnern, im Jahr 2005 spielte er sogar ein halbes Jahr für den damals abstiegsbedrohten FC Hansa Rostock. Rastlos ist er aber bis zum heutigen Tage.

Alter schützt vor Fußball nicht

Warum spielt man in solch einem Alter noch Fußball? Die Frage ist legitim, das weiß auch Jari Litmanen. Er, weil er sich immer eines bewahrt hat: Fußball ist für ihn keine Arbeit, Fußball war, ist und bleibt ein Hobby für ihn.

"Fußball ist mein Hobby, ich liebe es einfach. Es ist genauso, als wenn ein anderer bis ins hohe Alter gerne Bücher liest. Ich spiele halt Fußball. Heute gebe ich gerne Ratschläge und versuche die jungen Spieler an die Hand zu nehmen. Ich sage nicht zu viel, das könnte sie irritieren, aber wenn ich das Gefühl habe, es ist gerade ein großer Moment, dann nehme ich sie zur Seite und erzähle über meine Zeit als junger Spieler und was man besser machen kann. Das wurde mit mir auch so gemacht. Das ist wohl der Lauf des Lebens."

"Jari ist ein 'Wallbreaker'", erzählt Kampman. "Er war der erste Finne, der so etwas im Fußball geschafft hat. Sonst spielten die Kinder Eishockey oder gingen zum Skispringen, weil Janne Ahonen so erfolgreich war. Zu seiner Ajax-Zeit veränderte sich das. Kleine Jungen wollten so sein wie Jari und ich glaube, ein besseres Vorbild können sie nicht haben. Schauen sie mal, die Kids hier, alle haben sie ein Litmanen-Trikot. Es konnte uns nichts Besseres passieren, als so einen Spieler zu haben. Er wird in Finnland immer 'The Player' bleiben."

Jari Litmanen im Steckbrief

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