Fussball

Eine brutale Tor-Maschine

Von Haruka Gruber
Ein gewohntes Bild bei der U-17-WM: Souleymane Coulibaly (l.) von der Elfenbeinküste
© Imago

Derzeit gibt es kaum ein heißeres Talent im Weltfußball als Souleymane Coulibaly. Der 16-Jährige von der Elfenbeinküste, der sonst in Italien für Siena stürmt, ist der überragende Spieler der U-17-WM. Seine unfassbare Torquote: neun Tore in vier Spielen. Real Madrid ist interessiert, auch die Bundesliga könnte eine Option sein. Aber: Coulibaly bleibt vorsichtig.
 

Als Trainer der brasilianischen U-17-Nationalmannschaft dürfte Emerson Avila daran gewöhnt sein, außergewöhnliche Fußball-Talente zu beurteilen. Nach dem abschließenden WM-Gruppenspiel seiner Selecao gegen die Elfenbeinküste jedoch hatte selbst er Schwierigkeiten, die passenden Worte zu finden, um das gerade Erlebte zu beschreiben.

"Dieser Junge mit der Nummer 19... er war fantastisch. Wie schon in den Partien zuvor. Obwohl wir gewarnt waren vor ihm und wir ihn ausschalten wollten, erzielte er drei Tore", sagte Avila.

Dass ihm der Name des Jungen mit der Nummer 19 nicht geläufig war, sei ihm verziehen. Von Souleymane Coulibaly wusste man bis vor der WM nicht viel mehr als dass er im italienischen Siena spielt und gerade einmal 16 Jahre alt ist. Doch spätestens seit der Partie gegen WM-Mitfavorit Brasilien verzehrt sich der Weltfußball nach jedem Detail über Coulibaly.

Real Madrid zeigt angeblich Interesse

Die Ausbeute des Stürmers liest sich derart absurd, dass es sprachlos macht: vier Spiele, neun Treffer. Nach einem Tor gegen Australien (1:2) und einem Viererpack gegen Dänemark (4:2) traf Coulibaly beim 3:3 gegen das zuvor ohne Gegentor gebliebene Brasilien weitere drei Mal.

Im Achtelfinale setzte es für die Ivorer trotz einer 2:0-Führung mit einem 2:3 gegen Frankreich zwar das Aus, aber Coulibaly egalisierte mit seinem frühen Führungstreffer immerhin den U-17-WM-Rekord von Florent Sinama-Pongolle aus dem Jahre 2001, der für seine neun Tore freilich sechs statt vier Spiele Zeit hatte.

Der vor zwei Wochen noch völlig Unbekannte gehört nun zu den begehrtesten Fußball-Teenagern überhaupt. Angeblich habe sich Real Madrid ein Bild gemacht und sei interessiert an Coulibaly, dem hastig und wenig kreativ ein neuer Spitzname verpasst wurde: "Der neue Drogba."

"Es ist eine Ehre, aber mit Dider in einem Satz erwähnt zu werden, ist viel zu verfrüht. Er spielt auf einem komplett anderen Level. Er ist der beste ivorische Fußballer aller Zeiten - und wer bin ich?", sagt Coulibaly im Gespräch mit SPOX.

Coulibaly-Show gegen Brasilien

Der Vergleich hinkt auch deshalb, weil beide wenig gemein haben, außer dass sie Stürmer sind und aus der Elfenbeinküste stammen. Drogbas Spielweise gleicht einer Abrissbirne, mit seiner Wucht und seiner Größe reißt er die gegnerische Abwehr nieder. Coulibaly hingegen ist einen halben Kopf kleiner und weniger muskulös, dafür aber wendig und dribbelstark.

"Suly ist ein moderner Stürmer, der auch als hängende Spitze agieren kann. Sein rechter und linker Fuß sind gut, Verbesserungsbedarf hat er noch beim Kopfball", sagt Gianluca Colonnello, sein Jugendcoach beim AC Siena.

Das Brasilien-Spiel dient als Beleg: Beim Kopfballspiel mag Coulibaly wenig gefährlich sein, am Boden jedoch gibt es kein Halt gegen ihn. Das erste Tor gegen Brasilien erzielte er nach einem kurzen Dribbling und einem strammen und präzisen Schuss aus spitzem Winkel. Beim zweiten schob er den Ball mit dem Außenrist überlegt in die Ecke. Das dritte fiel nach einem spektakulären und technisch höchst anspruchsvollen Fallrückzieher.

Entscheidung erst nach der WM

Für einen 16-Jährigen verfügt Coulibaly über eine erstaunlich komplette Spielanlage - was bei den Klubs aller großen Ligen für entsprechende Neugierde sorgt. Er selbst schließt gegenüber SPOX einen Wechsel nach der WM nicht aus, mag sich aber nicht weiter dazu äußern: "Aktuell denke ich nicht an einen neuen Klub. Ich möchte mich erstmal lieber auf das Turnier konzentrieren."

Es ist nicht weiter verwunderlich, dass sich auch die Scouts der Bundesligisten mit ihm beschäftigen, nachdem bereits 2007 mit dem Nigerianer Macauley Chrisantus der damals aktuelle Torschützenkönig der U-17-WM zum Hamburger SV gewechselt war.

"Ich kenne mich im deutschen Fußball ganz gut aus. Vor allem der FC Bayern und Borussia Dortmund sind mir natürlich ein Begriff. Aber ich verfolge auch Hannover 96, weil dort mein Landsmann und Vorbild Didier Ya Konan spielt", sagt Coulibaly.

Coulibaly bereits in Europa integriert

Das bisher enttäuschende Wirken von Chrisantus in Deutschland schrecke ihm nicht von einem Wechsel in die Bundesliga ab: "Es gibt genügend andere Beispiele, die gut gegangen sind. Ich lebe seit einiger Zeit in Italien und bin von daher an das europäische Leben bereits gewöhnt."

2009 zog Coulibaly aus der vom Bürgerkrieg zerrissenen Elfenbeinküste nach Italien und folgte seinem Vater, der dort eine Einheimische heiratete. Der damals 14-Jährige spielte wenig später bei einem regionalen Jugendturnier in Arezzo vor, wo er von den Scouts des AC Siena entdeckt wurde.

Bester U-16-Stürmer Italiens

Der Verein nahm ihn trotz Zweifel Außenstehender sofort unter Vertrag - und darf sich mit der Entdeckung eines Juwels rühmen. Coulibaly gelangen in der vergangenen Saison in der Campionato Allievi Nazionali, der nationalen U-16-Meisterschaft, 13 Tore in 17 Spielen.

"Damit war er in seiner Alterskategorie der Beste Italiens", sagt sein Jugendtrainer Colonnello. "Falls die Gerüchte mit Real stimmen, wäre das auch eine große Genugtuung für uns alle, denn als wir ihn zu uns holten, dachten viele, er schafft es nicht."

Colonello weiter: "Was mir besonders an ihm gefällt, ist der Charakter. Er steht mit beiden Beinen auf dem Boden, gleichzeitig arbeitet er an seinen Schwächen und ist sehr ehrgeizig."

Der schwierige Sprung von der Jugend zu den Profis

Bei aller Begeisterung: Auch sein Trainer weiß nicht so recht, ob ein schneller Wechsel zu einem Topklub ratsam ist. "Ich fände es schön, wenn er sein Potenzial bei Siena zeigen könnte."

Unter Gleichaltrigen sticht Coulibaly zwar heraus, doch schon bei seinen Ausflügen zu Sienas Primavera-Mannschaft, der U 20, verkam er zu einen von vielen. Seine Bilanz von einem Tor aus elf Spielen ist wenig erbaulich.

Dementsprechend könnte ein Verbleib in Siena, das erst in diesem Sommer wieder in die Serie A aufgestiegen ist, der nachhaltigere Weg sein. Coulibaly: "Als ich in Italien mit dem Fußball begonnen habe, habe ich nicht so an mich geglaubt. Ich dachte nicht, dass ich so ein Niveau erreichen könnte. Aber Siena hat anders als andere an mich geglaubt."

Ein Supertalent aus Afrika: Souleymane Coulibaly im Steckbrief

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