SPOX vor Ort auf den Philippinen

Philippinen: Eine Nation dreht durch

Von Für SPOX in Bacolod City: Haruka Gruber
Donnerstag, 10.02.2011 | 22:20 Uhr
"Ausgeflippte" Fans feiern den Sieg der Philippinen über die Mongolei
© SPOX
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Massenhysterie, Medienwahnsinn und mittendrin der deutsche Michael Weiß: Die Philippinen erlebten gegen die Mongolei (2:0) das größte Fußball-Spiel der Geschichte. Die Zeitenwende scheint eingeleitet und neue nationale Helden stehen bereit.

Im Inneren des Panaad-Stadions von Bacolod City, als sich die Aufregung gelegt hatte und das letzte Feuerwerk verglüht war, zerfließt Graeme MacKinnons Gesicht in ein abstraktes Gemälde. Die anfangs noch ordentlich aufgemalten philippinischen Flaggenfarben Blau-Weiß-Rot vermischen sich in eine wilde Mixtur mit blauen Flüssen inmitten einer rotweißen Landschaft.

"Bei 30 Grad und tausenden von Zuschauern auf engstem Raum schwitzt man eben. Aber die Bemalung hat lange genug gehalten, damit ich mich nach dem Abpfiff bei den Interviews noch sehen lassen konnte ", sagt MacKinnon mit einer Stimme, die lebhaft klingen soll. Seine matten Augen verraten jedoch, wie erschöpft er tatsächlich ist.

Der 64-jährige zog Anfang der 80er auf die Philippinen und erlebte den Niedergang einer ohnehin seit Jahrzehnten darbenden Fußball-Nation bis auf Weltranglisten-Position 195 im Oktober 2006. Er engagierte sich jedoch unbeirrt für den lokalen Fußball, zunächst als Spieler, später als Trainer und Entwicklungshelfer. Grassroots wolle er legen, sagt er, denn ohne eine Basis sei ein Aufschwung des Fußballs nicht möglich.

Und so fuhr MacKinnon in die entlegensten Ortschaften und bereiste kaum besiedelte Inseln, um die Grundzüge der vergessenen Sportart zu lehren. Wenn er zum wiederholten Male von ratlosen Jugendlichen gefragt wurde, warum er zu Spielbeginn anpfeifen würde, statt den Ball am Mittelkreis einfach hochzuwerfen, erklärte er geduldig, dass es sich nicht um die philippinische Volkssportart Basketball sondern um Fußball handelt.

"Beginn einer neuen Ära"

Als sich der Presseraum im Panaad-Stadion langsam leert, wirkt MacKinnon nach all der Anspannung beinahe erleichtert. Er trägt kein offizielles Amt, dennoch war er ein gefragter Mann für die Journalisten. Wie bewerten Sie das Spiel? Welchen Eindruck hinterlässt dieser Trainer aus Deutschland? MacKinnon gibt jedem bereitwillig Auskunft, immerhin ist er seit Jahren so etwas wie das Maskottchen und der Edelfan der philippinischen Nationalmannschaft.

In einem ruhigen Moment sagt er, dass er müder sei als gedacht, obwohl seine Aufmachung, die farbenfrohe Gesichtsbemalung, die bunte Perücke und die übergroße Philippinen-Flagge um den Oberkörper, nicht lebhafter sein könnte.

"Ich habe die kuriosesten Sachen auf den Philippinen erlebt, aber was heute geschah, ist denkwürdig. Ich muss die Erlebnisse erst einmal sacken lassen. Das ist vielleicht der Beginn einer neuen Ära."

Weiß: Gelungenes Debüt

Dabei ist das wenige Minuten zuvor beendete Spiel in der globalen Tragweite nichtig. Die Philippinen gegen die Monglei, der Weltranglisten-152. gegen den Weltrangisten-182. Es war das Hinspiel der ersten von zwei Qualifikationsrunden für den sogenannten AFC Challenge Cup 2012, einem Turnier, an der acht asiatische Fußball-Entwicklungsländer teilnehmen und dessen Gewinner sich für die Asienmeisterschaften 2015 qualifiziert. Für MacKinnon bedeutete die Partie doch viel mehr als der erste Schritt zu einem weit entfernten Ziel. Sie war eines der Höhepunkte seines Lebens.

Michael Weiß wirkt glücklicher, obwohl er in den Tagen vor dem Mongolei-Spiel nicht unglücklich war. Er lächelte oft, gab bereitwillig Autogramme und kam jedem Interview-Wunsch nach. Eine gewisse Rastlosigkeit konnte er jedoch nicht abschütteln.

Doch schon kurz nach dem Abpfiff strahlt Weiß die Ruhe eines Mannes aus, der weiß, dass er etwas vollbracht hat. Nämlich gleich zum Einstand nichts Geringeres als das "größte Spiel der philippinischen Fußball-Geschichte", so schrieben es alle nationalen Tageszeitungen, zu gewinnen. Der Gastgeber besiegte die Mongolei mit 2:0, nach den Chancen zu urteilen hätte die Partie aber auch mit 6:0 oder 7:0 ausgehen können. Ein solches Ergebnis hätte auch besser zu dem 30-minütigen Feuerwerk gepasst, dass die Organisatoren nach dem Schlusspfiff zündeten.

Hoffnungsträger einer Nation

"Gut, dass wir kurz vor dem Schluss noch das 2:0 gemacht haben. Ein 1:0 wäre vielleicht kritisch gesehen worden, so sind aber alle beruhigt. Mehr haben wir jedoch nicht erreicht", sagt Weiß auf der Pressekonferenz, sorgsam darauf bedacht, dass der bereits vorherrschende Hype um die philippinische Nationalmannschaft durch den Erfolg nicht zu einer unrealistischen Erwartungshaltung führt.

Gerade einmal drei Monate ist es her, als der 45-Jährige die Stellenanzeige auf SPOX las und sich für das Amt des Nationaltrainers der Philippinen bewarb. Anfang Januar gab es das entscheidende Gespräch mit dem verantwortlichen Teammanger Dan Palami, kurz darauf folgte die Zusage und der Umzug aus Ruanda auf die Philippinen.

Jetzt trägt er die Hoffnungen einer Nation, die ein Jahrhundert lang den Fußball bestmöglich ignorierte und sich nun kaum mehr einkriegen kann vor Begeisterung für die Sportart, die seit den Weltkriegen aus der Wahrnehmung verschwand.

Den Startschuss zur rasanten Entwicklung des Fußballs zu einem gesellschaftlichen Phänomen auf den Philippinen gab der überraschende Halbfinaleinzug bei den südostasiatischen Meisterschaften im Dezember 2010. Der Erfolg über das einst übermächtige Vietnam wurde von der "Sports Illustrated" in die "Top 10 soccer stories of 2010" aufgenommen, da es der größten Sensation in Südostasiens Fußball-Historie gleichkäme.

Mädels flippen komplett aus

"I LOVE YOU, PHIL!!! I LOVE YOU, JAMES!!!", schreit Mary, als das philippinische Nationalteam ins Stadion einläuft. Wie von Sinnen kreischen trifft es wohl besser. Die 15-Jährige ist verliebt in Phil und James Younghusband, die Brüder, die beim FC Chelsea ausgebildet und auf den Philippinen zuerst durch Unterwäsche-Modelaufnahmen bekannt wurden. Beide sind die neuen Superstars in einem Land, das vom Boxer Manny Pacquiao abgesehen arm ist an eigenen Helden.

Bereits die Tage zuvor war Mary bei jedem Training und schrie, was ihr zierlicher Körper hergab. Sie musste die anderen Mädchen übertönen, die ebenfalls etwas zu knappe Kleider anzogen und sich etwas zu offensichtlich schminkten, um von den Younghusbands und dem nicht minder fotogenen Torwart Neil Etheridge, der Nummer drei des FC Fulham, etwas Beachtung zu erhaschen.

Rund 2000 hauptsächlich weibliche Fans kamen zu den Einheiten, und sie standen so gedrängt und aufgeregt am Spielfeldrand, dass einem die Befürchtung einer drohenden Massenpanik beschlich, wenn der Andrang noch größer werden würde.

Einzigartiger Zuschaueransturm

Wer einen Blick um das Panaad-Stadion kreisen lässt, sieht sie. Die Verwegenen unter denen, die leer ausgingen, klettern während des Spiels auf die umliegenden Bäume oder auf das Gerüst der Kräne, die die provisorisch errichteten Flutlichtanlagen tragen.

Das 15.000 Zuschauer fassende Panaad-Stadion ist mit 25.000 Zuschauern voll bepackt, angeblich hätten für das Aufeinandertreffen mit der Mongolei über 100.000 Karten verkauft werden können. Bereits um 5 Uhr, 14 Stunden vor dem Anpfiff, bildete sich eine Schlange für die wenigen verbliebenen Rest-Tickets. Das Spiel ist weit in der zweiten Hälfte, und noch immer warten Hunderte eingepfercht an allen Stahlgitter-Eingängen auf Einlass.

1000 Polizisten und Soldaten wurden von den Behörden wegen der Gefahr einer Eskalation abgestellt. Jose Emilio ist einer von ihnen. Ihm gefällt es, dass er ausnahmsweise nur einen Holzstock und nicht wie sonst im Dienst eine Pumpgun zu tragen hat. Und ihm gefällt es, dass er nur lächelnde und singende Menschen sieht.

Dadurch, dass zum Spiel auch viele Männer kamen, ist die Zuschauermenge gegen die Mongolei homogener und trotz des Andrangs weniger hysterisch als im Training.

Medien-Coverage in neuer Dimension

Irgendwann lockern sich Jose Emilios Gesichtszüge und er dreht sich weg von der Tribüne, damit er die Partie verfolgen kann, über die im Bekanntenkreis jeder spricht. Ihm gefällt der Abend, auch wenn er keinen Spieler kennt und nur die Grundregeln des Fußballs versteht ("Kein Hand", "Torwart mit Hand", "Zwei Halbzeiten"). Den meisten Zuschauern ergeht es ähnlich, der Großteil der angereisten Berichterstatter müht sich ebenfalls mit den zahlreichen Besonderheiten der im Vergleich zu Basketball so unbekannten Sportart.

Dennoch fragten mehr als 200 Medienvertreter nach einer Akkreditierung für das Duell gegen die Mongolei, von der Abschlusspressekonferenz berichteten zehn Kamerateams. Noch vor kurzem verfolgten vielleicht ein Dutzend Journalisten überhaupt die Ergebnisse des Nationalteams, und nur ein kleiner Teil derer bekam den Auftrag, darüber zu schreiben.

Spätestens am 9. Februar ist mit dem 2:0 aber eine Zeitenwende eingetreten. Am Tag darauf gehört die Seite 1 der Tageszeitungen dem Sieg der Nationalmannschaft, im Frühstücksfernsehen laufen die Tore von Emelio Caligdong und Phil Younghusband auf Dauerschleife.

"Die Uhr lässt sich nicht mehr zurückdrehen", sagt Graeme MacKinnon, der Australier mit der bunten Erscheinung, bevor er das Panaad-Stadion verlässt. Die Farbe ist noch immer verschmiert, aber die Augen leuchten wieder.

Michael Weiß im Interview: "Ein zweiter Fall Alaba darf nicht passieren"

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