Porto-Coach Andre Villas Boas im Porträt

Yodas Lehrling greift nach den Sternen

Von Daniel Reimann
Donnerstag, 17.02.2011 | 11:10 Uhr
Mit 33 Jahren der jüngste Trainer des FC Porto aller Zeiten: Mourinho-Lehrling Andre Villas Boas
© Imago
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Lange war Andre Villas Boas die bessere Hälfte von Jose Mourinho. Doch auch ohne seinen einstigen Mentor ist er beim FC Porto der Erfolgsgarant schlechthin. Bei seiner Bilanz staunen sogar Barca-Fans. Trotzdem scheint langfristiger Erfolg kaum möglich.

Die britischen Jungferninseln sind hierzulande hauptsächlich als karibisches Urlaubsziel bekannt - wenn überhaupt. Dass das Inselgrüppchen trotz bescheidener 23.000 Einwohner auch eine Fußball-Nationalmannschaft hat, ist erwartbar. Dass dieses Team allerdings einmal vom aktuell erfolgreichsten Trainer Europas trainiert wurde, dürfte auch so manchem Fußball-Experten neu sein.

Im zarten Alter von 23 Jahren war das Nationalteam der britischen Jungferninseln die erste professionelle Trainerstation im Leben eines gewissen Andre Villas Boas. Zehn Jahre später greift jener Boas als Chefcoach des FC Porto nach Europas Krone.

Als einziges europäisches Team ist Porto sowohl in der heimischen Liga als auch in der Europa League noch unbesiegt. In dieser Hinsicht muss sogar der FC Barcelona klein beigeben.

Früher Einstieg ins Trainergeschäft - Omas Connections sei Dank

Mit inzwischen 33 Jahren ist er der jüngste Cheftrainer der Klub-Geschichte. Zudem schaffte kaum ein Coach so früh den Einstieg ins Trainergeschäft. Boas war 17 Jahre alt und hatte gerade seine C-Trainer-Lizenz erworben, da bekam er einen Job in Portos Scouting-Abteilung.

Zu verdanken hatte er diese Stelle übrigens den Connections seiner Großmutter, die einst von England nach Portugal gezogen war und den damaligen Trainer Sir Bobby Robson persönlich kannte.

Routinier Robson wurde alsbald zum Mentor und Vorbild für den jungen Boas, wie dieser noch heute betont: "Robson war unheimlich wichtig für mich, als ich bei Porto angefangen habe", erklärt der Portugiese rückblickend.

Doch eine weitaus bedeutendere Rolle für Boas' Karriere sollte ein anderer Coach haben.

Mourinho & Boas: Die perfekte Symbiose

Im Jahr 2003 holte ihn ein gewisser Jose Mourinho zum frisch gekürten Europa-League-Sieger in seinen Trainerstab. Die kommenden sechs Jahre lang standen Boas und Mourinho - sei es bei Porto, Chelsea oder Inter - immer Seite an Seite am Spielfeldrand.

Boas entwickelte sich zu einem höchst akribischen Zuarbeiter für seinen prominenten Chefcoach. Auf Wunsch erstellte er vor jedem Match zu jedem gegnerischen Spieler individuelle DVDs mit einer exakten Analyse der jeweiligen Stärken und Schwächen.

Egal bei welchem Verein, das Duo Mourinho / Boas funktionierte. Es war immer die erfolgreiche Symbiose aus einem charismatischen Chefcoach und dem unauffällig fleißigen Assistenten im Hintergrund.

In englischen Medien stieß man zu Mourinhos Chelsea-Zeiten zwangsläufig auf eine viel bemühte Star-Wars-Analogie. Meister Yoda Mourinho und sein Lehrling Luke "Boas" Skywalker...

Doch eines Tages hatte Boas genug davon, ständig auf sein Dasein als Mourinho-Zögling reduziert zu werden.

Kampf dem "Mini-Mourinho"

Ein Jahr vor Mourinhos größtem Triumph, dem Triple-Gewinn mit Inter 2010, begab sich Boas auf seinen eigenen Weg als Chefcoach. Nach einem erfolgreichen Einsatz als Feuerwehrmann beim so gut wie abgestiegenen Club Academica de Coimbra heuerte er zur Saison 2010/2011 beim FC Porto an - dort, wo alles begann.

20 Liga- und sechs Europa-League-Spiele später ist Porto - vom nationalen Pokal abgesehen - noch immer unbesiegt. Die Meisterschaft scheint bereits entschieden und Boas wird als "Mini-Mourinho" beziehungsweise "Mourinho-Klon" gepriesen. Für viele Trainer eine große Ehre, doch Boas ist der Vergleiche überdrüssig geworden.

"Ich bin kein Klon von irgendjemandem. Ich will dem Verein meinen eigenen Stempel aufdrücken", verteidigt sich Boas gegen die Mourinho-Vergleiche. Er selbst sieht deutlich weniger Gemeinsamkeiten zwischen ihm und seinem ehemaligen Vorgesetzten: "Wir haben weder denselben Charakter noch dieselbe Persönlichkeit."

Auch Stürmer Hugo Almeida, der während der Mourinho/Boas-Ära in Porto spielte, bestätigte dies gegenüber SPOX: "Selbstverständlich hat Boas viel von Mourinho gelernt. Aber er hat dennoch einen ganz eigenen Trainer-Stil."

Porto als Sprungbrett - für Spieler und Trainer

Dank Boas träumt man in Porto dennoch wieder vom langfristigen Erfolg, doch der ist gleich in zweierlei Hinsicht gefährdet. Porto gilt traditionell als vorzügliches Karriere-Sprungbrett. Besonders für Südamerikaner, die bezeichnenderweise derzeit mehr als die Hälfte des Porto-Kaders stellen. Schon Lisandro Lopez, Lucho Gonzalez, Diego oder Anderson diente Porto als optimale Zwischenstation, um sich auf dem Weg von Südamerika nach Europa einen Namen zu machen.

Anstatt Leistungsträger zu halten, werden bei Porto Jahr für Jahr neue Top-Talente verpflichtet, was eine auf langfristigen Erfolg ausgelegte Planung erheblich erschwert. Zu allem Übel kündigen sich bereits die nächsten hochkarätigen Abschiede an, die Liste prominenter Interessenten für Hulk, Falcao - der gerne mal solche Tore macht - und Co. ist lang.

"Das ist ein Teil von Portos Transfer-Philosophie", erklärt Almeida. "Junge Talente kommen für eine geringe Ablöse und können bei Porto einen Riesenschritt in ihrer Entwicklung machen. Wenige Jahre später wechseln sie dann für einen Haufen Geld zu Top-Klubs."

Und auch der Verbleib des Trainers steht trotz eines Vertrages bis 2013 auf wackligen Füßen. "Ich möchte auch andere Ligen kennenlernen und auch in Ligen erfolgreich sein, wo die Konkurrenz stärker ist", sagt Boas. Bekanntermaßen öffnete der Erfolg bei Porto schon Mentor Mourinho die Tür zu den großen Klubs Europas.

Zurück an den Ort, wo der Triumph begann

Beim Gedanken an den FC Sevilla werden bei Porto-Fans besondere Erinnerungen wach. An den Tag, als Jose Mourinho mit dem Europa-League-Sieg 2003 in Sevilla eine neue Erfolgsära einläutete.

Dementsprechend groß war Boas' Vorfreude auf das Match in Spanien: "Diese Stadt hat für Portos Anhänger eine herausragende Bedeutung. Es ist schön, wieder hierher zu kommen. Außerdem ist Sevilla ein großartiger Gegner", schwärmte Boas im Vorfeld.

Ihm soll nun gelingen, was zuletzt Mourinho erreichte: Der Triumph im Europacup. Porto-Kenner Almeida traut seinem Ex-Klub den großen Wurf schon in dieser Saison zu: "Für mich sind sie einer der Titelfavoriten in der Europa League", verrät der Portugiese. Und auf dem Weg zum Titel kann Sevilla ja nur ein gutes Pflaster sein.

Zu Andre Villas Boas Steckbrief

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