SPOX-Serie Europareise, Teil 7: Tschechien

Pilsens Traum: Meister zum 100-Jährigen

Von Aufgezeichnet von Jochen Tittmar
Dienstag, 11.01.2011 | 19:00 Uhr
Jan Rezek (l.) und Pavel Horvath gehören zu den Schlüsselspielern von Viktoria Pilsen
© Imago
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Premier League, Primera Division, Serie A - das Geschehen steht in der Sportberichterstattung fast täglich im Fokus. Weniger Beachtung hierzulande findet der Fußball aus anderen Ländern. SPOX hat sich in Europa umgesehen und zieht in Zusammenarbeit mit ausländischen Kollegen und Experten ein Hinrundenfazit einiger ausgewählter Ligen. Teil sieben behandelt die tschechische Gambrinus Liga.

Von Ondrej Trunecka, Sport-Chefredakteur bei der Zeitung Idnes

Die Hinrunde kompakt

Viktoria Pilsen steht an der Tabellenspitze und hat somit die Chance, zum ersten Mal in der Vereinshistorie Meister zu werden. Und das auch noch im Jahr des 100. Geburtstags.

Das Team gewann nach einem Remis zum Saisonauftakt elf Spiele in Folge, darunter auch bei Titelverteidiger Sparta Prag.

Pilsen überrollte die Gegner dabei förmlich und hatte nach zwölf Spielen bereits zwölf Punkte Vorsprung. Trainer Pavel Vrba hat eine gute Mischung für sein Team gefunden, lässt offensiv spielen und hat in Kapitän Pavel Horvath einen genialen Passgeber und Standardschützen.

Mit 43 Toren nach 17 von 30 Saisonspielen stellt Viktoria die beste Offensive der Liga. Gegen Ende der Hinrunde kam Sparta Prag jedoch auf vier Punkte heran.

Das lag hauptsächlich an der starken Form zweier afrikanischer Stürmer: Bony Wilfried (Elfenbeinküste) und Leonard Kweuke (Kamerun), der früher für Frankfurt und Cottbus spielte.

Slavia Prag, Meister von 2008 und 2009, befindet sich dagegen in der Krise und hat als Vierzehnter nur einen Punkt Vorsprung auf einem Abstiegsplatz. Banik Ostrau, Dritter der Vorsaison, startete grauenvoll und hat sich nun immerhin bis auf Platz zehn hochgearbeitet.

Kuriosum: Während bei Slavia und Ostrau die üblichen Mechanismen griffen (Trainerentlassung), wählte der Tabellenvorletzte FC Zbrojovka Brno einen noch nie dagewesenen Weg: Um sicher zu stellen, dass die Spieler nicht auf ihre eigenen Spiele wetten, kaufte der Vorstand für seine Profis einen Lügendetektor. Was es hilft, wird man sehen.

Die Tabelle der Gambrinus Liga

Positive Überraschung

Neben dem bereits erwähnten Spitzenreiter Viktoria Pilsen ist die Leistung von Sparta Prag in der Europa League die größte Überraschung des tschechischen Fußballs.

Sparta qualifizierte sich als Zweiter der Gruppe F für die K.o.-Runde - das gelang einem tschechischen Team schon drei Jahre nicht mehr.

Sparta selbst musste gar sieben Jahre darauf warten. In der Zwischenrunde gibt es ein Auswärtsspiel an der Liverpooler Anfield Road als Belohnung.

Negative Überraschung

Negativ überrascht hat neben dem nationalen Abschneiden von Slavia Prag und Banik Ostrau vor allem das Champions-League-Aus für Sparta Prag in der Playoff-Runde.

Gebeutelt von Verletzungen und zwei Rot-Sperren unterlag man MSK Zilina in beiden Matches (0:2, 0:1) und verpasste die lukrative Gruppenphase.

Players to watch

Bony Wilfried. Der 22-jährige Stürmer von Sparta Prag spielte in der Liga, der Europa League und für die Elfenbeinküste, für die er im Oktober debütierte, herausragend. In der Liga traf er zehnmal in 14 Partien. Seine fünf Treffer in der EL halfen Sparta, sich für die Zwischenrunde zu qualifizieren - der Mann der Hinrunde.

Juraj Kucka. Kein Spieler absolvierte im Jahr 2010 mehr Partien als Kucka - 54 an der Zahl. Der 23-jährige, bullige Mittelfeldspieler ist für Sparta Prag unverzichtbar geworden. Als einer der besten Spieler der Gambrinus Liga schaffte er zur WM 2010 den Sprung ins slowakische Nationalteam - obwohl er in der Qualifikation nicht zum Zuge kam. Wechselte im Januar zum FC Genua.

Daniel Kolar (25) und Jan Rezek(28). Zwei sehr schnelle und gefährliche Schlüsselspieler in der Offensive von Viktoria Pilsen, die zuvor erfolglos bei Sparta Prag spielten. Rezek traf bislang zehn-, Kolar neunmal.

Michal Hubník. In den Vorjahren erzielte der 27-jährige, kräftige Stürmer von Sigma Olmütz höchstens sechs Saisontore. Nun führt Hubnik mit zwölf Buden die Torjägerliste an.

Ein weiteres großes Talent ist Olmütz-Verteidiger Tomas Kalas. Der erst 17-Jährige wechselte bereits für knapp über sechs Millionen Euro zum FC Chelsea, wurde aber von London wieder zurück an Olmütz ausgeliehen.

Das internationale Abschneiden

Vier tschechische Teams spielten international, aber nur eines verdient Applaus - Sparta Prag (siehe positive Überraschung).

Nach dem Aus in den CL-Playoffs gegen Zilina wurde die Mannschaft sehr kritisiert und zeigte in der Europa-League-Gruppenphase dann ihr wahres Gesicht. Ein 3:2-Sieg gegen Palermo und ein 2:2 in Italien sind gute Ergebnisse für ein tschechisches Team.

Viktoria Pilsen scheiterte in der dritten Qualifikationsrunde zur Europa League an Besiktas und der mangelnden internationalen Erfahrung. Das 1:1 in Pilsen war ein ordentliches Ergebnis, im Rückspiel in der Türkei setzte es nach zwei frühen Platzverweisen dann allerdings eine 0:3-Niederlage.

FK Jablonec bekleckerte sich auch nicht mit Ruhm und flog gegen APOEL Nikosia nach zwei Pleiten ebenfalls in der dritten Qualirunde aus.

Die größte Blamage erlebte Banik Ostrau, die zweimal gegen die unbekannten Weißrussen vom FK Dnjapro Mahiljou verloren.

Die Zwischenrunde der Europa League im Überblick

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