Donnerstag, 20.05.2010

Liverpool-Legende Björnebye im Interview

"Ich habe Angst um meine Kinder"

Mitte der 90er Jahre gehörte Stig Inge Björnebye zu den besten Außenverteidigern der Welt und war der Publikumsliebling des FC Liverpool. Der 75-malige Nationalspieler Norwegens stand sieben Jahre bei den Reds unter Vertrag und aboslvierte insgesamt fast 200 Spiele in der Premier League. Um auf die Folgen des Kilmawandels aufmerksam zu machen, steht er am 26. Mai erneut auf dem Platz - beim Benefiz-Spiel von Lutz Pfannenstiels "Global United FC"-Projekt. Im Interview spricht Björnebye über Umweltschutz und erklärt die Krise in Liverpool.

Björnebye war nach seiner Karriere norwegischer Co-Trainer und Chefcoach von Start Kristiansand
© Imago
Björnebye war nach seiner Karriere norwegischer Co-Trainer und Chefcoach von Start Kristiansand
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SPOX: Sie werden am 26. Mai in der namibischen Hauptstadt Windhoek an einem Promi-Benefizspiel teilnehmen, um auf die Folgen des Klimawandels aufmerksam zu machen. Initiator ist der deutsche Fußball-Globetrotter Lutz Pfannenstiel und sein Projekt "Global United FC". Warum machen Sie mit?

Stig Inge Björnebye: Lutz wurde mir über meinen Schwager, der ihn in Norwegen trainiert hat, vorgestellt - und ich habe ihn als einen Menschen kennengelernt, der von einer Liebe zum Fußball getrieben wird, die sehr selten ist. Dass er seine Kontakte für einen guten Zweck nutzt und versucht, die Aufmerksamkeit auf die entfernten Ecken der Welt zu richten, die unter dem Klimawandel jetzt schon zu leiden haben, ist ehrenwert. Solch einen Idealismus muss unterstützt werden.

Lutz Pfannenstiel im Interview: "Die Slipknot-Jungs sind auch dabei"

SPOX: An einem Benefiz-Spiel teilzunehmen ist das eine, Umweltschutz aktiv zu leben das andere.

Björnebye: Deswegen versuche ich, auch im Kleinen ein Zeichen zu setzen, indem ich beispielsweise mein Auto gewechselt habe. Jetzt fahre ich einen wesentlich energiesparsameren Wagen. Oder indem ich in der Erziehung meiner drei Kinder einen besonderen Fokus auf verantwortungsbewusstes Handeln lege.

SPOX: Geht das konkreter?

Björnebye: Sie sollen verstehen, was es bedeutet, Müll zu produzieren oder nachts zu vergessen, das Licht auszumachen. Damit das den Kindern gegenüber glaubwürdig rüberkommt, muss ich dies natürlich auch vorleben, egal ob ich früher ein bekannter Fußballer war oder nicht. Ich finde, dass durch den Wohlstand die Werte in den westlichen Gesellschaften teilweise verloren gegangen sind. Wir nehmen alle Annehmlichkeiten als gegeben hin und arbeiten nicht mehr so hart. Dabei muss man Angst um die eigenen Kinder haben, wenn man an die Zukunft denkt.

SPOX: Werte sind ein wichtiges Thema für Sie. Sie prangerten bereits zu Ihrer aktiven Zeit an, dass die Welt des Profi-Fußballs keine richtigen Werte habe.

Björnebye: Es gibt genügend Spieler, die moralisch integer sind und verantwortungsbewusst handeln. Aber: Das Geschäft an sich ist oberflächlich. Eine Tendenz, die sich in den letzten Jahren verfestigt hat. Während der Fußball taktisch immer raffinierter und dadurch auch besser wird,  scheinen Werte wie Anstand, Treue oder Verantwortungsbewusstsein verloren zu gehen.

SPOX: Steht Ihr Ex-Klub Liverpool stellvertretend für Ihre Ausführungen?

Björnebye: Ich glaube fest daran, dass sich über kurz oder lang die Tradition Liverpools durchsetzt - egal ob irgendwelche Investoren angelaufen kommen und die Historie und damit auch die Fans des Vereins mit Füßen treten. Ich hoffe darauf, dass der neue Eigentümer versteht, welche Bedeutung die Reds für Millionen von Menschen haben und dass der Klub nur Erfolg haben kann, wenn er diese im Rücken weiß.

SPOX: Es gilt als sicher, dass die bisherigen nordamerikanischen Besitzer Tom Hicks und George Gillett Ihre Anteile an Liverpool verkaufen werden. Waren Sie wirklich so schlimm?

Björnebye: Absolut. Die zwei haben versagt und alles vermasselt. Sie sollen dahin zurück, wo sie hergekommen sind, und nie wieder nach Liverpool zurückkehren.

SPOX: Lassen sich Liverpools sportliche Probleme einzig mit Hicks und Gillett erklären?

Björnebye: Nicht alles. Dass Liverpool den Anschluss an die anderen drei großen Teams verloren hat, liegt an zwei Gründen. Erstens: Vor allem wegen Hicks und Gillett geriet der Klub in große wirtschaftliche Probleme, weswegen die Mannschaft die letzten Jahre nicht substanziell verstärkt werden konnte. Zweitens: Unabhängig von Hicks und Gillett gelang es dem Verein als Ganzes nicht, die eigenen Talente so zu fördern, dass sie eine Alternative für die Profis sind. In beiden Bereichen, den Finanzen und der Jugendarbeit, weist Liverpool große Mängel auf, daher fehlt den Reds die so wichtige Mischung aus erfahrenen und jungen Spielern.

Der FC Liverpool - Porträt in Bildern
You'll Never Walk Alone - Motto, Markenzeichen und Hymne des FC Liverpool, eines der erfolgreichsten und traditionsreichsten Fußball-Klubs der Welt
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You'll Never Walk Alone - Motto, Markenzeichen und Hymne des FC Liverpool, eines der erfolgreichsten und traditionsreichsten Fußball-Klubs der Welt
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Das Stadion an der Anfield Road. Die Heimspielstätte der Reds bietet Platz für 45.632 Fans
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Das Stadion an der Anfield Road. Die Heimspielstätte der Reds bietet Platz für 45.632 Fans
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Mit 18 nationalen Titeln ist der FC Liverpool die Nummer zwei in England hinter Manchester United - auch wenn die meisten Erfolge schon eine Weile zurückliegen
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Ein Blick in die Kabine - Den letzten Meistertitel feierten die Reds dort im Jahr 1990
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Ein Blick in die Kabine - Den letzten Meistertitel feierten die Reds dort im Jahr 1990
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The Kop: Die wohl berühmteste Fankurve im internationalen Fußball. Sie machte "You'll Never Walk Alone" zur Fußball-Hymne schlechthin
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Seine größten Erfolge feierte Liverpool zwischen 1965 und 1985. Einer der Stars von damals: Kevin Keegan (l.), der Ende der 70er auch für den HSV aktiv war
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Zu einer Spitzenmannschaft wurde Liverpool unter Bill Shankly. Der Trainer ist noch heute eine Ikone - dank seiner Erfolge und seiner markigen Sprüche
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Liverpool-Legende Shankly: "Viele halten Fußball für einen Kampf um Leben und Tod. Ich versichere Ihnen aber, dass es viel ernster ist!"
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Shankly zu einem am Knie bandagierten Spieler: "Nimm sofort den Scheiß-Verband ab! Und was heißt hier dein Knie? Das Knie gehört Liverpool!"
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Die Heysel-Katastrophe von 1985: Vor dem Europapokal-Finale gegen Turin in Brüssel stürmen Liverpool-Anhänger einen neutralen Fanblock
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Während der anschließenden Massenpanik fanden 39 Menschen den Tod, 454 wurden verletzt. Eine der größten Tragödien im europäischen Fußball
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Alle englischen Fußball-Klubs wurden daraufhin für fünf Jahre von internationalen Wettkämpfen ausgeschlossen, der FC Liverpool sogar für sieben
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1989 die nächste Stadion-Tragödie in Hillsborough: Die Polizei ließ zu viele Fans in den Liverpool-Block. Mehrere hundert Fans wurden gegen den Zaun gedrückt
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96 Liverpool-Fans kamen dabei ums Leben, 730 wurden verletzt. "You'll Never Walk Alone" wurde daraufhin ins Vereins-Wappen der Reds aufgenommen...
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...die Fans singen die Hymne seither vor jedem Heimspiel auch als Zeichen der Anteilnahme für die Hinterbliebenen der 96 Toten
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Es dauerte fast 20 Jahre, ehe Liverpool wieder auf die ganz große europäische Bühne zurückkehrte. 2005 gewannen die Reds die Champions League
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In einer legendären Partie lag Liverpool gegen Milan zur Pause schon 0:3 zurück und rettete sich noch ins Elfmeterschießen. Didi Hamann verwandelte...
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Jerzy Dudek hielt einen Elfmeter gegen Andrej Schewtschenko, und Liverpool gewann am Ende das Elfmeterschießen mit 6:5
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Danach brachen in Liverpool alle Dämme: Die Reds feierten ihren insgesamt fünften Erfolg in der europäischen Königsklasse
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Zwei Jahre später die Revanche. Doppel-Torschütze Filippo Inzaghi und der AC Mailand feierten den 2:1-Triumph gegen Liverpool im Endspiel in Athen
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Liverpool naturgemäß am Boden zerstört. Doch die eigenen Fans empfingen die Mannschaft bei ihrer Rückkehr mit: "You'll Never Walk Alone!"
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SPOX: Wäre ein Verkauf von Steven Gerrard oder Fernando Torres eine Lösung?

Björnebye: Ich habe hautnah miterlebt, wie Steven seine ersten Schritte in der ersten Mannschaft gemacht hat. Damals sagte mir einer der Jugendtrainer, dass aus ihm eine Legende wird - womit er vollkommen recht hatte. Und Fernado ist der beste Stürmer, den die Reds in den letzten zehn Jahren hatten. Umso schwerer würde ein Verlust wiegen. Aber: Wenn ein Verein kommt, sein Konto plündert und 50 Millionen Euro für Steven oder Fernando bietet, müssten sie gehen.

SPOX: Ob mit oder ohne Gerrard und Torres: Liverpool steht vor einem Neubeginn. Ist Rafael Benitez der richtige Trainer?

Björnebye: Es ist äußerst verblüffend, welche guten Resultate Benitez trotz aller vereinsinternen Streitereien in den letzten Jahren erreicht hat. Seine Kompetenz steht außer Frage, zumal sich die Führungsspieler, eigentlich die gesamte Mannschaft, noch nie über ihn beschwert hat. Das zeigt am besten, dass Benitez weiterhin der richtige Trainer für Liverpool ist.

Mehr Infos zu Global United FC? Hier geht's zur Website von Lutz Pfannenstiel

Interview: Haruka Gruber

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