Fussball

"Wir sind keine Imperialisten aus Österreich"

Von Interview: Anant Agarwala
Dietmar Beiersdorfer machte 1 Länderspiel für die deutsche Nationalmannschaft
© Imago

Sein Aus beim HSV im Sommer 2009 überraschte Fans und Experten, hatte Dietmar Beiersdorfer als Sportchef der Hamburger doch Transfers wie Rafael van der Vaart, Nigel de Jong oder Marcell Jansen bewerkstelligt. Seit November ist Beiersdorfer nun Chef des weltweiten Fußball-Engagements von Red Bull - mit Standorten in Salzburg, Leipzig, New York, Ghana und Brasilien. Im Gespräch mit SPOX bezieht Beiersdorfer Stellung zur Investmentassoziation seines neuen Arbeitgebers, der Ausbeutung Afrikas und den Grundsätzen seines neuen Arbeitgebers.

SPOX: Herr Beiersdorfer, in Hamburg waren Sie eine Integrationsfigur des Vereins, die Fans standen hinter Ihnen. Nun arbeiten Sie bei einem Klub mit Investment-Assoziation. Wie passt das zusammen?

Dietmar Beiersdorfer: Das ist eine spannende Frage, die auch ich mir gestellt habe. Ich als jemand, der von einem Fußballklub mit weit über 100 Jahren Tradition kommt, diese gelebt hat. Aber ich hätte nach der Zeit beim HSV auf absehbare Zeit nicht für einen anderen Bundesliga-Klub arbeiten können. Und die Aufgabe mit einer Verantwortung für ein weltweites Engagement ist eine Konstellation, die es in dieser Branche wohl selten noch einmal gibt. In den Gesprächen mit Dieter Mateschitz haben mich außerdem einfach seine Werte beeindruckt.

SPOX: Worüber haben Sie konkret gesprochen?

Beiersdorfer: Er hat es nicht so gerne, wenn man über ihn spricht, aber beeindruckt hat mich sicher seine Ethik, seine Einstellung gegenüber Menschen und der Welt im Allgemeinen, der Respekt, den er anderen, auch im Geschäftsleben, entgegen bringt.

SPOX: Und wie hat er einem Fußballer die Marke Red Bull näher gebracht?

Beiersdorfer: Die Welt von Red Bull ist dynamisch, eigen, energiegeladen - und teilweise auch abgefahren. Da gibt es viele Berührungspunkte, die sich mit dem Fußball verbinden lassen. Das ist eine der Aufgabe, die ich als Herausforderung sehe: Die Red-Bull-Welt einhundertprozentig zu vertreten und dahinterzustehen, aber diese auch mit der Fußball-Kultur - Atmosphäre und Gefühl - zu verbinden.

SPOX: Ein Zitat vom Gründungstag der Red Bulls Salzburg lautet: "Keine Kompromisse. Das ist ein neuer Klub. Es gibt keine Tradition, es gibt keine Geschichte, es gibt kein Archiv". Das klingt nicht nach traditioneller Fußballkultur...

Beiersdorfer: Ich glaube, dass die Stadt und die Region Salzburg das Potential einer Fußballstadt haben. In der jüngsten Vergangenheit, aber auch in den letzten Jahrzehnten hat es auch immer wieder guten Fußball gegeben. Red Bull ist zu einem Zeitpunkt in die Fußballwelt eingetreten, als beim damaligen Klub gar nichts mehr ging und hat sich dann entschlossen, den Fußball in Salzburg weiterleben zu lassen. Und darauf können wir stolz sein.

SPOX: Fußball-Romantiker waren trotzdem extrem skeptisch.

Beiersdorfer: Insgesamt will mir nicht einleuchten, dass sich Fußball und Investment ausschließen sollen. Das ist nicht mehr voneinander zu trennen. Oder glauben Sie, dass es bei Bayern, Wolfsburg, Leverkusen, Barca oder auch in Duisburg und Bielefeld nicht so ist. Es geht allein um eine nachhaltig gelebte Fußball-Kultur.

SPOX: Was kann man sich unter dem Begriff "Fußball-Kultur" vorstellen?

Beiersdorfer: Die Entwicklung hat mit der Übernahme von Austria Salzburg begonnen, der Verein lag am Boden, war finanziell am Ende und wurde, auch auf Drängen der damaligen Vereinsführung, von Red Bull gerettet und in einem neuen Gewand fortgeführt. Dann kamen nach und nach weitere Klubs und die zwei Akademien in Ghana und Brasilien dazu. Dort werden Spieler selbst ausgebildet, um später für die Klubs zu spielen. Ähnlich wie es in der Formel 1 mit den Red Bull Juniors und beispielsweise Sebastian Vettel erfolgreich praktiziert wird.

SPOX: Wie unterscheidet sich insgesamt das Umfeld in Salzburg von dem in Hamburg? Sie sind unter anderem ja wieder für Neuverpflichtungen zuständig...

Beiersdorfer: Nur allein aus der wirtschaftlichen Sicht: Unser Personaletat ist nicht mal halb so groß wie der von Hamburg. Wir gehen also von unterschiedlichen Budgets aus - und damit auch von anderen Spielern.

SPOX: Die Akademien in Ghana und Brasilien haben Sie schon angesprochen. Es gibt immer wieder Vorwürfe - nicht nur gegen Red Bull - dass Afrika bei der "Ressource Fußballer" ausgebeutet wird. Wie sehen Sie die Lage bei Red Bull?

Beiersdorfer: Es geht immer auch darum, dass man etwas hinterlässt. Die fünfzig bis sechzig Jugendlichen werden als Persönlichkeiten gefördert und geformt, bekommen Schulunterricht bis zur Senior Highschool und Computerkurse, insgesamt eine Top-Ausbildung. Und fußballerisch ist das Ziel, sie zumindest dahin zu führen, dass sie in der ersten ghanaischen Liga spielen und damit einen Teil ihres Lebensunterhaltes verdienen können. Wenn es ein oder zwei wären, die es pro Jahr nach Europa schaffen, ist das eine gute Quote. Aber die anderen bleiben im Land und haben dort eine Perspektive.

SPOX: Gibt es auch Pläne, sich über die Akademie hinaus zu engagieren, beispielsweise öffentliche Fußballplätze zu bauen?

Beiersdorfer: Wir sind keine Imperialisten aus Österreich, die dort als Eindringling auftreten, sondern auch ein sozialer Partner der Gemeinde. Zum Beispiel haben wir unsere Wasserversorgung auch den umliegenden Dörfern zugänglich gemacht. Aber unsere Schule ist noch nicht allzu alt, in den letzten zwei Jahren waren wir darum bemüht, Infrastrukturelles aufzubauen und einen vernünftigen Draht zu den Personen vor Ort aufzubauen. Wir haben jetzt das Gefühl, dass das Setting stimmt, um intensiv mit der Ausbildung der talentierten Nachwuchsspieler zu beginnen.

SPOX: Wie eng sind die Akademien mit den Klubs vernetzt - gibt es schon erste Erfolge?

Beiersdorfer: Vor einigen Wochen sind die ersten zwei Nachwuchsspieler aus Ghana in Salzburg eingetroffen. Sie werden zunächst in der A-Jugend und zweiten Mannschaft - vielleicht dann auch mit den Profis - trainieren. Wir streben einen regelmäßigen, selbstverständlichen Austausch an.

SPOX: Gibt es Pläne, weitere Projekte aus dem Boden zu stampfen oder Vereine zu übernehmen?

Beiersdorfer: Nein, im Moment ist das nicht geplant. Wir versuchen zunächst uns zu konsolidieren. Die Entwicklung der Standorte verläuft ziemlich schnell, aber wir müssen unsere Kräfte sammeln.

SPOX: Trotz des langfristigen Aspekts sind Sie mit Ihren Klubs auch immer abhängig vom Tagesgeschäft. Welche kurzfristigen Ziele haben Sie?

Beiersdorfer: Natürlich wollen wir in Österreich wieder Meister werden. Für die New York Red Bulls haben wir gerade eine tolle neue Arena für 26.000 Zuschauer gebaut, die fünf Meilen von Manhattan entfernt steht. Zunächst ist das Ziel, uns als die Ostküstenmannschaft zu etablieren. In Leipzig möchten wir organisch wachsen und in dieser Saison in die Regionalliga aufsteigen.

SPOX: Es gibt Befürchtungen, dass Leipzig Salzburg langfristig als Flaggschiff ablösen könnte und das jetzige Headquarter zur Ausbildungsstätte verkommt. Deutschland ist der größere Markt, der Profifußball das Ziel. Und Hoffenheim hat vorgemacht, dass so ein Weg möglich ist...

Beiersdorfer: Salzburg wird als unser erster Klub und mit der Nähe zur Firmenzentrale immer ein Referenzpunkt bleiben, obwohl der Fußballmarkt in Österreich natürlich nicht mit dem in Deutschland zu vergleichen ist. Und: Leipzig kann man auch nicht mit Hoffenheim vergleichen. Es gibt für uns kein Vorbild, da sowohl kulturelle, als auch inhaltliche Rahmenbedingungen unterschiedlich sind. Auch wir müssen unsere eigene Geschichte schreiben.

SPOX: Die verschiedenen Standorte eint, dass sie in "fußballerischen Entwicklungsländern" - Ostdeutschland, Österreich, USA - angesiedelt sind. Eine bewusste Strategie?

Beiersdorfer: Es ist eine bewusste Entscheidung, den Fußball zu unterstützen und auch eine soziale Verantwortung zu übernehmen. Natürlich ist es auch eine spezielle Marketing-Strategie: Anstatt auf der Brust eines anderen Vereins zu erscheinen, handeln und entscheiden wir eigenverantwortlich und unabhängig. Das ist - genau wie die soziale Verantwortung - einer der Red Bull-Grundsätze.

SPOX: In New York waren zuletzt Oka Nikolov und sogar Raul im Gespräch. Können Sie etwas zu den Personalplanungen sagen?

Beiersdorfer: Die New York Red Bulls und die Stadt New York scheinen richtig zu ziehen, viele wollen nach New York. Aber wir sind dort begrenzt in der Zahl der Spieler, die wir nehmen können.

SPOX: Ein Star wie Raul bringt einen indirekt zu David Beckham. Sind europäische Altstars das richtige Mittel, die Amerikaner für Fußball zu begeistern? Der pauschalisierte Amerikaner gilt als patriotisch...

Beiersdorfer: Du kannst dich auf den Kopf stellen, aber ein amerikanisches Talent will nach Europa und dort die Herausforderung zu suchen. Natürlich braucht man Idole, um Drive und Passion reinzubekommen. Es wird dort auch gut ausgebildet, aber nach der Universität können die Spieler dann günstig nach Europa wechseln, wenn sie noch keinen Vertrag mit der MLS haben.

Dietmar Beiersdorfer im Steckbrief

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