Jochen Seitz im Interview

"Ein bisschen Back to the Roots"

Von Interview: Jonas Wäckerle
Mittwoch, 03.02.2010 | 10:32 Uhr
Jochen Seitz im blauen Trikot der Sharks von Chernomorets Burgas
© Getty
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Nach sieben Profistationen in Deutschland unterschrieb Jochen Seitz im Sommer 2009 einen Zweijahresvertrag bei Chernomorets Burgas. Der Klub von Trainer Krassimir Balakow und Geschäftsführer Fredi Bobic plant mit den Millionen seines Eigentümers den Angriff auf die nationale Spitze. Im SPOX-Interview spricht Seitz über das Leben am Schwarzen Meer, triste Winter, die bulgarischen Stadien und verrät, welchem Talent er den Durchbruch zutraut.

SPOX: Herr Seitz, Ihr Trainer heißt Krassimir Balakow, Ihr Geschäftsführer Fredi Bobic. Beide kennt man in Deutschland natürlich sehr gut. Wer hat Sie nach Burgas gelotst?

Jochen Seitz: Der erste Kontakt kam über Balakow zustande. Er hat mich angerufen und gefragt, ob ich mir ein Engagement in Bulgarien vorstellen könnte. Ich meinte, ich könne mir grundsätzlich vieles vorstellen. Dann hat mich Balakow überzeugt, da hier auch einiges aufgebaut wird. Das hat mich interessiert. Bobic kam dann erst beim Finanziellen ins Spiel.

SPOX: Im Gegenzug haben Sie Ihren Trainer Balakow auch gleich überzeugt, sportlich läuft für Sie alles nach Plan...

Seitz: Ja, das stimmt. Ich habe bisher alle Spiele, in denen ich dabei war von Anfang bis Ende gespielt und bin mit der sportlichen Situation sehr zufrieden.

SPOX: Und welche Ziele haben Sie mit der Mannschaft?

Seitz: Es gibt in der Liga fünf große Vereine, die die ersten Plätze unter sich ausmachen. Dann gibt es ein breites Mittelfeld und auch wieder so fünf Vereine, die um den Abstieg spielen. Wir sind mit Chernomorets jetzt dazu bereit, in diese Top 5 hineinzustoßen. Langfristig wollen wir dann auch mal um den Titel mitspielen.

SPOX: Sie spielen regelmäßig und haben mit Ihrem Verein ehrgeizige Ziele: So schnell werden Sie Bulgarien nicht wieder verlassen?

Seitz: Mein Vertrag läuft noch bis Sommer 2011. Dann bin ich schon fast 35 und muss dann natürlich die Situation betrachten: Was macht der Körper, fühlt sich die Familie wohl und wie sehen die sportlichen Perspektiven aus? Grundsätzlich würde ich aber auch noch ein Jahr dranhängen.

SPOX: Dann sollten Sie auch die Sprache beherrschen. Wie sieht es derzeit mit Ihrem Bulgarisch aus?

Seitz: Ich hatte da natürlich schon ein paar Vorkenntnisse, da meine Frau Bulgarin ist. Um die Sprache jetzt aber richtig zu lernen, habe ich privat noch eine Lehrerin engagiert.

SPOX: Dann ist Ihnen dank Ihrer Frau sicherlich auch der Einstieg in den bulgarischen Alltag gut gelungen.

Seitz: Genau, das lief alles problemlos. Meine Frau konnte für mich übersetzen, wenn ich etwas gebraucht habe oder die Menschen mich angesprochen haben. Außerdem sind die Leute hier sehr herzlich.

SPOX: Und wie gefällt Ihnen die Stadt? Burgas liegt direkt am Schwarzen Meer und ist im Sommer ein beliebter Ferienort...

Seitz: Die Stadt ist sehr schön, vor allem natürlich im Sommer mit dem Strand direkt vor der Haustür. Jetzt im Winter ist aber relativ wenig los, da ist es schon etwas trist hier. Nichtsdestotrotz: Mir gefällt es hier sehr gut. Wir haben eine schöne Wohnung mit Meerblick und fühlen uns rundum wohl.

SPOX: Und auch das Stadion von Chernomorets kann sich sehen lassen...

Seitz: Wir haben schon jetzt das schönste Stadion in Bulgarien, in welchem wir allerdings auf Kunstrasen spielen. Trotzdem wird ein neues, hochmodernes Stadion geplant. Der Bau soll bald beginnen, sodass das Stadion in drei Jahren fertig ist.

SPOX: Aber in der Liga müssen Sie auch zu Auswärtsspielen reisen. Da ist es bestimmt nicht immer so angenehm wie in Burgas...

Seitz: Es ist gibt natürlich auch Stadien, die sehr veraltet sind. Da gibt es Kabinen, in die traut man sich fast nicht rein. Das lässt natürlich schon zu wünschen übrig.

SPOX: Haben Sie ein Beispiel für uns?

Seitz: Ich war schon in einer Kabine, in der es keine richtige Toilette gab. Da war einfach nur ein Loch im Boden.

SPOX: Stört Sie das sehr?

Seitz: Wenn bei kleinen Klubs eben die finanziellen Mittel fehlen, dann darf man sich nicht darüber beschweren. Ein moderneres Stadion ist halt nicht überall möglich. Damit muss man zurechtkommen.

SPOX: Und Sie kommen damit zurecht?

Seitz: Entscheidend ist, was auf dem Platz passiert. Da will man immer gewinnen - egal ob 2000 oder 50.000 Zuschauer dabei sind. Das Drumherum kann ich während des Spiels immer gut ausblenden.

SPOX: Kann man die Stadien irgendwie mit Deutschland vergleichen?

Seitz: Es ist ein bisschen "Back to the Roots" - so wie es in Deutschland früher einmal war. Manche Stadien sehen aus wie ein Fünftliga-Stadion in Deutschland.

SPOX: Zurück zu Ihrem Klub. Der Verein lebt von dem Geld des Eigentümers Mitko Sabew. Kommen Sie als Spieler persönlich mit ihm in Kontakt?

Seitz: Ja, das ist ein ganz bodenständiger, netter Typ. Er ist immer beim Spiel dabei und gibt uns Spielern immer die Hand. Man kann sich das so ähnlich vorstellen wie Dietmar Hopp bei Hoffenheim. Wenn wir gewonnen haben, kommt er manchmal auch in die Kabine und beglückwünscht uns.

SPOX: Und den Verantwortlichen Bobic und Balakow lässt er freie Hand?

Seitz: Balakow auf jeden Fall. Und auch in Bobic' Arbeit mischt sich Sabew nicht ein. Bei größeren Projekten wie dem Stadionbau liefert er die finanziellen Mittel und will deshalb natürlich auch darüber informiert werden. Aber er lässt Bobic da schon machen.

SPOX: Die Millionen von Sabew wurden bisher meist nur in die Rahmenbedingungen investiert - hohe Ablösesummen wurden noch nicht gezahlt. Jetzt ist dann wahrscheinlich aber auch der Kader an der Reihe...

Seitz: Zur Zeit wird bei uns für bulgarische Verhältnisse auch schon ganz ordentlich gezahlt. Ob jetzt noch mehr investiert wird, das hängt natürlich hauptsächlich davon ab, ob wir demnächst auch mal international spielen. Dann wird man automatisch auch mehr Geld investieren und neue Spieler kaufen.

SPOX: Ihr Verein legt auch wert auf die Ausbildung junger Talente. Gibt es derzeit ein großes Talent, dass Sie uns zum Abschluss ans Herz legen möchten?

Seitz: Wir haben einen sehr, sehr guten Innenverteidiger, Georgi Terziev. Der wird jetzt gerade an die 1. Mannschaft rangeführt und spielt mit seinen 17 Jahren auch schon in der bulgarischen U 21. Wenn der jetzt mal zwei Jahre in Bulgarien durchspielt, dann könnte er vom körperlichen und spielerischen Potential sicher in der Bundesliga spielen.

Chernomorets Burgas - Hoffenheim auf bulgarisch

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