"Die Slipknot-Jungs sind auch dabei"

Von Interview: Haruka Gruber
Dienstag, 01.12.2009 | 10:06 Uhr
Lutz Pfannenstiel war einst deutscher U-18-Nationalspieler. Insgesamt spielte er bei 25 Teams
© Lutz Pfannenstiel
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Gestatten, der Al Gore des Fußballs: Torwart-Globetrotter Lutz Pfannenstiel spielte als erster Profi weltweit auf allen sechs Kontinenten. Sein neuester Klub ist der FC Ramblers in Namibia, wo er als Sportdirektor und Spielertrainer tätig ist. Doch aus dem rastlosen "Clown" von einst wurde ein Mann mit Mission. Pfannenstiel sah die Welt, saß im Knast. Nun will der 36-Jährige die Umwelt retten - wie der US-amerikanische Ex-Vizepräsident Gore. Pfannenstiel über das Leben als Armani-Model, sein "Global United FC"-Projekt und das Leben als getriebener Fußball-Profi.

SPOX: Sevillas Star Jesus Navas leidet an krankhaftem Heimweh und hat sich beispielsweise geweigert, mit der Mannschaft ins Trainingslager zu fahren, weil er physische Schmerzen verspürt, wenn er längere Zeit von zuhause weg ist. Sind Sie das genaue Gegenteil? Haben Sie krankhaftes Fernweh?

Lutz Pfannenstiel: Schon als Jugendlicher war ich es gewohnt, den Drang zu verspüren, immer weg zu wollen. Aber es war nichts Krankhaftes an meinem Fernweh. Ich wollte einfach nur gern reisen, zumal sich der Drang in den letzten Jahren normalisiert hat.

SPOX: Was hat Sie dann dazu getrieben, bei 25 Vereinen und auf allen sechs Kontinenten Fußball zu spielen?

Pfannenstiel: Was mich getrieben hat? Der Fußball, der Erfolg und die Ungeduld. Wenn ich einen neuen Verein gefunden habe und sich der Erfolg einstellte, kam sofort mein innerer Drive, mich verbessern zu wollen. Ich hätte keine Probleme gehabt, vier, fünf Jahre bei einem Klub zu bleiben, wenn irgendwo alles perfekt gepasst hätte. Aber entweder saß ich auf der Bank, der Trainer wurde entlassen, oder der Verein ging bankrott - und ich zog weiter. Daher ist meine Vita dem Zufall geschuldet und die vielen Reisen eher ein Nebeneffekt.

SPOX: Nach Robert Enkes Suizid schrillen bei Formulierungen wie "Vom Fußball getrieben" die Alarmglocken.

Pfannenstiel: Ich bin extrem geschockt von Enkes Selbstmord. Und ich habe mir natürlich Gedanken gemacht - auch über mein Leben. Bei mir war es lange so, dass der Fußball 99 Prozent meines Lebens ausgefüllt hat. Aber wenn das Wohl und Wehe des Seelenlebens von einer einzigen Sache wie dem Fußball abhängt, wird es gefährlich. Ich hatte aber Glück im Unglück.

SPOX: Wie meinen Sie das?

Pfannenstiel: Durch meine beiden extremen Erlebnisse hat sich vieles in meinem Leben relativiert.

SPOX: Sie meinen die unbegründete Inhaftierung in Singapur im August 2000, als Sie wegen angeblichen Wettbetrugs 101 Tage im Knast saßen, sich um Essen prügeln mussten und 16 Kilogramm abnahmen.

Pfannenstiel: Und die Nahtod-Erfahrung während eines Spiels in England, nachdem ich mit voller Wucht das Knie eines Gegenspielers an den Solar Plexus bekam und dreimal wiederbelebt werden musste. Fußball ist weiterhin die Nummer eins, aber nach solchen Erlebnissen habe ich nicht mehr so gelitten, wenn im Fußball etwas nicht geklappt hat.

Lutz Pfannenstiel im Porträt

SPOX: Ein Beispiel?

Pfannenstiel: In Calgary hatte ich eine wunderschöne Zeit. Ich habe mich wohl gefühlt und die Mannschaft war toll, doch dann war plötzlich alles vorbei, weil der Klub von heute auf morgen pleite ging. Wäre es vor meiner Zeit in Singapur passiert, hätte ich es nur schwer wegstecken können. Doch nach der brutalen Haft betrachte ich Rückschläge als Lauf des Schicksals und kann sie so besser verarbeiten.

SPOX: Sie haben die Welt gesehen und haben Ihr Hobby zum Beruf gemacht, andererseits erlebten Sie auch die Schattenseiten des Vagabundenlebens. Blicken Sie mit Neid oder Mitleid auf das vermeintlich langweilige Leben von Normalos?

Pfannenstiel: Weder noch. Wer weiß, ob ich nicht ein Bankangestellter geworden wäre, wenn ich mein BWL-Studium abgeschlossen hätte. Aber ich habe mich für einen anderen Weg entscheiden und ich bin wahrscheinlich genauso glücklich wie jemand, der einen eher konventionellen Alltag hat. Ich erlebe viele schöne Dinge, andererseits ist nicht alles Gold, was glänzt. Der Stress durch die Umzüge, das Pflegen von Freundschaften, die fehlende Balance im Familienleben, das alles ist kein Zuckerschlecken. Mein Leben hat auch viel mit Kampf zu tun.

SPOX: Kostet der Kampf nicht ungemein viel Kraft?

Pfannenstiel: Vielleicht - aber das ist ein Preis, den ich gerne zahle. Früher habe ich mir häufig anhören müssen, dass ich ein Clown und ein Wahnsinniger sei. "Was treibst du eigentlich?", war der versteckte Vorwurf, den ich am häufigsten gehört habe. Aber ich bin ein Sturkopf und ein Individualist. Dafür kämpfe ich gerne.

SPOX: Sie haben aber auch unbeschwerte Zeiten erlebt, beispielsweise in Singapur vor Ihrer Verhaftung.

Pfannenstiel: Ich habe alles mitgemacht. Ich war der absolute Superstar in Singapur und war dort so bekannt wie heute vielleicht David Beckham. Ich habe als Armani-Model gearbeitet und bekam auf "ESPN" eine eigene TV-Sendung. Man wurde in diesen Lifestyle regelrecht hineingezogen. Ich ging fast jeden Abend weg und hatte irgendwann den Ruf des Partyboys weg.

SPOX: Und dann?

Pfannenstiel: Wenn man nur noch den arroganten Graf Rotz raushängen lässt, wird es auf Dauer fad und langweilig. Aber wer weiß, was passiert wäre, wenn nicht der Einschnitt mit dem Gefängnis gekommen wäre. Womöglich würde ich jetzt noch in den Tag hinein leben und nur darüber nachdenken, was ich anziehen und wohin ich abends ausgehen soll. Die Lehrstunde hätte nicht so hart sein müssen, dennoch hat mich das Erlebte geradegebogen. Jetzt bin ich glücklicher.

SPOX: Weil Sie mit dem Umweltschutz und dem Kampf gegen den Klimawandel einen neuen Sinn im Leben gefunden haben?

Pfannenstiel: Der Fußball hat mir sehr viel gegeben - positiv wie negativ. Irgendwann habe ich mir jedoch die Frage gestellt, ob ich nicht etwas Besseres haben kann als das Lotterleben. Ob ich nicht etwas machen kann, um der Gesellschaft einen Dienst zu erweisen. Und da ich eine enge Beziehung zur Natur habe und ich die globale Erwärmung als eines der größten wenn nicht als das größte Problem unserer Zeit sehe, kam die Idee mit dem Projekt "Global United FC".

SPOX: Was steckt hinter Global United FC?

Pfannenstiel: Dieses Projekt ist wohl das einzige auf der Welt, das versucht, mit Hilfe des Fußballs auf den Klimawandel aufmerksam zu machen und einen Beitrag dazu zuleisten, die Folgen für Mensch und Umwelt abzumildern. Ich habe als Robinson Crusoe die ganze Welt bereist und gesehen, wie viel Schlimmes überall passiert. Aber der Fußball könnte ein wirkungsvolles Instrument gegen die Erderwärmung sein, weil der Fußball dank seiner Popularität die Kraft besitzt, Rassen und Religionen zu verbinden.

SPOX: Was heißt das konkret?

Pfannenstiel: Ich bin dabei, eine hochkarätige Mannschaft zusammenzustellen, die in den nächsten Jahren in den vom Klimawandel am meisten bedrohten Regionen Charity-Spiele und -Events austrägt, um Spendengelder zu sammeln und vor allem auf das Problem der Erderwärmung aufmerksam zu machen. Vor der WM werden wir beispielsweise in Südafrika ein Spiel veranstalten. Das erste große Main-Event soll in der Antarktis stattfinden, wenn dort das erste Fußballspiel jemals ausgetragen wird. Zukünftig sind auch Partien in Tansania, am Amazonas oder in Bangladesch angedacht.

SPOX: Was verstehen Sie unter Event?

Pfannenstiel: Zum Beispiel ist geplant, dass in Tansania die teilnehmenden Fußball-Stars den Kilimandscharo besteigen oder an den Victoria-See und in den Serengeti-Nationalpark zu fahren, um dort vor Ort zu erklären, wie der Klimawandel die Flora und Fauna beeinflusst. Wie es früher hier ausgesehen hat, wie es derzeit aussieht - und vor allem: Wie es in zehn Jahren aussehen könnte, wenn wir nichts gegen die Erwärmung machen. Wenn ein populärer Fußballer über die Folgen aufklärt, ist es pädagogisch sehr viel effektiver als bei einem Politiker oder Wissenschaftlicher.

SPOX: Welche Prominente sind dabei?

Pfannenstiel: Die Liste der Unterstützer ist sehr lang. Ich habe in jedem Land, in dem ich gespielt habe, zahlreiche Kontakte geknüpft. In Norwegen haben fast 25 Spieler zugesagt, die allesamt in der Premier League gespielt haben wie Ole Gunnar Solskjaer oder Tore Andre Flo. In Brasilien habe ich mich mit Romario, Cafu, Bebeto und Aldair getroffen, und sie sind allesamt von der Idee begeistert. Aus Deutschland sind Lothar Matthäus und Fredi Bobic mit dabei, genau so wie Ronald de Boer aus den Niederlanden. Mit Stuart Pearce haben wir Kontakt. Selbst Musik-Stars wie a-ha-Sänger Morten Harket und die Jungs von Slipknot haben ihre Bereitschaft signalisiert.

SPOX: Die Fußballer kennen sich allesamt beim komplexen Thema Klimawandel aus?

Pfannenstiel: Einige wissen über CO2-Ausstoß oder Mülltrennung Bescheid, anderen muss man mehr erklären. Es darf natürlich niemals passieren, dass jemand von Global United FC in einem Interview sagt, dass er die Erderwärmung gut findet, weil er zukünftig an der Nordsee im Winter schwimmen kann (lacht). Solange die Bereitschaft besteht, sich für die gute Sache einzusetzen und dazuzulernen, sehe ich aber keine Probleme.

SPOX: Besteht nicht die Gefahr, dass die Fußballer Ihr Projekt nur dazu nutzen, um sich wie Bono oder Veronica Ferres als Gutmenschen zu inszenieren?

Pfannenstiel: Bei einem Charity-Projekt besteht diese Gefahr immer. Aber ich selbst bin kein Weltstar, sondern nur ein Durchschnitts-Fußballer, dem das Projekt aus idealistischen Gründen am Herzen liegt. Und ich glaube daran, dass viele andere genauso denken. Wenn ein Prominenter glaubt, Global United FC instrumentalisieren zu müssen, um das eigene Image zu pflegen, kann ich nichts dagegen machen. Solange dieser sich aber aus welchem Grund auch immer dem Kampf gegen den Klimawandel verschreibt und die Öffentlichkeit auf das Problem aufmerksam macht, finde ich es okay. Ich instrumentalisiere im Gegenzug ja auch deren Gesichter.

SPOX: Mögen Sie Ihren neuen Spitznamen "Al Gore des Fußballs"?

Pfannenstiel: Er gefällt mir sehr gut. Er passt.

SPOX: Al Gore, Klimaschützer und ehemaliger Vizepräsident der USA, wurde für den Film "Eine unbequeme Wahrheit" mit dem Oscar ausgezeichnet. Stimmt es, dass Hollywood auch auf Sie aufmerksam geworden ist?

Pfannenstiel: Wer meine Biografie liest, wird sofort erkennen, dass sie genug Stoff für einen Film bietet. Die Nahtod-Erfahrung, die asiatische Gefängnisgeschichte, das Leben als Globetrotter. Bereits nach meiner Haft in Singapur gab es Interesse aus Hollywood. Im März kommt meine Biografie auf Englisch heraus, die in ein Drehbuch umgeschrieben wird. Dann schauen wir weiter.

SPOX: Und wer soll die Rolle des Lutz Pfannenstiel übernehmen?

Pfannenstiel: Meine Frau sieht Ähnlichkeiten zwischen mir und Orlando Bloom (lacht). Er ist zwar dünner, kleiner und hat ein weicheres Gesicht, aber vielleicht hat er ja Lust. Es gibt nur eine Bedingung: Ich will die Torwart-Szenen spielen!

Aus Kötzting nach Namibia: Das ist Lutz Pfannenstiel

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