Finanzkrise im internationalen Fußball

Die fetten Jahre sind vorbei

Von Christian Bernhard
Freitag, 09.01.2009 | 14:31 Uhr
Das Mestalla-Stadion in Valencia: Dem Klub droht der Konkurs
© Getty
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England, Spanien, Italien. Die weltweite Finanzkrise schlägt mit voller Wucht auch in den europäischen Top-Ligen ein. Vielen Vereinen droht der Kollaps. Nur die Bundesliga könnte vom Theater um Macht und Money mächtig profitieren - meinen die Experten. SPOX gibt einen Überblick.

Die schlimmsten Nachrichten aus dem internationalen Fußball kamen ohne Zweifel von der Insel. Nicht nur für Bayern-Manager Uli Hoeneß ist die Premier League "die Nummer eins", was die Involvierung in die Finanzkrise betrifft.

Englands Topliga ist mit rund 3,1 Milliarden Euro verschuldet, dazu sind neun der 20 Premier-League-Klubs derzeit im Besitz von ausländischen Investoren. Kein gutes Omen, wenn den Reichen dieser Welt gerade stündlich das Geld durch die Finger rieselt.

Stellvertretend steht West Ham United: Hammers-Besitzer Björgolfur Gudmundsson aus Island hat die Auswirkungen der weltweiten Krise am eigenen Leib erfahren und versucht seit Wochen erfolglos, den Klub zu verkaufen.

England-Klubs hängen am Tropf der Pleite-Banken

Noch vor einem Jahr wurde im englischen Wintertransferfenster die Rekordsumme von rund 240 Millionen Euro investiert. Man muss kein Prophet sein um vorherzusagen, dass es utopisch ist, sich dieser Zahl bis Ende Januar auch nur anzunähern.  In England sind besonders viele Vereine direkt mit Banken oder Sponsoren, die die Krise voll getroffen hat, verknüpft.

Bei der momentanen globalen Finanzlage wird es in naher Zukunft auch für Fußballvereine sehr schwierig werden, große Kredite aufzunehmen.

Trotz der Relativierungen von der Insel - "Unsere Verbindlichkeiten belaufen sich derzeit auf 3,1 Milliarden Euro, aber das entspricht ja in etwa unserem jährlichen Umsatz" (Premier-League-Chef Richard Scudamore) - gibt es noch zwei weitere Faktoren, die das Blatt so schnell nicht zum Guten wenden werden: Das britische Pfund hat sich um zirka 30 Prozent abgeschwächt und der Höchststeuersatz im Königreich könnte schon bald von 40 auf 45 Prozent angehoben werden.

Valencia droht Konkurs

Einen so hohen Steuersatz haben die Spanier schon mal nicht. Auf der iberischen Halbinsel liegt er bei 23 Prozent, seit Jahren ein entscheidender Vorteil gegenüber England und Italien (46 Prozent), wenn es um das Aushandeln der Gehälter für die Superstars geht.

Die Krise ist aber auch in der Primera Division zu spüren - und wie. Auch wenn sich der FC Valencia bisher erfolgreich dagegen gewehrt hat, die zwei Aushängeschilder David Villa und David Silva zu verkaufen: dem Verein droht seit langem schon der Konkurs. Auf seinem Trikot wirbt der spanische Topklub seit Monaten für ein längst bankrott gegangenes Unternehmen, das keinen Euro mehr zahlt.

Anderen Erstligisten geht es nicht viel besser: Racing Santander und Deportivo La Coruna spielen ohne Trikotsponsor, der FC Malaga wirbt auf seinen Leibchen unentgeltlich für die eigene Stadt.

Real und Barca haben Sonderstatus

Der FC Barcelona und besonders Real Madrid genießen einen Sonderstatus und können auf staatliche Hilfe bauen, wie ein Blick in die nahe Vergangenheit zeigt. Zu groß wäre der Aufschrei in Spanien, wenn die zwei Großvereine, die das Land weltweit repräsentieren, vor die Hunde gehen würden.

Gehälter in Italien sinken um 20 Prozent

Und in Italien? Mit Lazio Rom und Palermo Calcio stehen zwei Vereine der oberen Serie-A-Tabellenhälfte ebenfalls ohne Trikotsponsor da. Die Gewerkschaft der Berufsfußballer hat bereits vorgerechnet, dass die Spieler-Gehälter im Land des Weltmeisters in den nächsten zwei Spielzeiten um rund 20 Prozent sinken werden.

Im Kalenderjahr 2009 werden die Auswirkungen der Finanzkrise durch die bestehenden TV-Verträge, die rund 50 Prozent der Einnahmen ausmachen, noch nicht so zum tragen kommen. Spätestens 2010 wird die Krise aber auch südlich des Brenners gnadenlos zuschlagen.

Nicht zu unterschätzen ist in Italien zudem der moralische Faktor. "Selbst Silvio Berlusconi kann es nicht mehr übertreiben, das verbietet die Moral. Wie soll er das den Bürgern, denen das Geld in der Tasche ausgeht, erklären?", betonte Liga-Präsident Antonio Matarrese kürzlich in der "Repubblica".

Fiorentina-Präsident Diego Della Valle formuliert es noch drastischer: "Es ist mir peinlich, unseren Spielern diese Gehälter zu zahlen, wissend, dass Leute ins Stadion kommen, die 1000 Euro im Monat verdienen und die große Probleme haben, ans Monatsende zu kommen."

Nur Topspieler werden weiterhin sehr viel verdienen

Ob Italien, England, Spanien oder Deutschland: Die größten Verlierer der aktuellen Lage werden wie so oft die "kleinen" Vereine und Spieler sein. "Die Topspieler werden auch weiterhin sehr viel verdienen, treffen wird es die mittel- und unterklassigen Profis", unterstreicht Sergio Campana, der seit 40 Jahren der Gewerkschaft der italienischen Berufsfußballer vorsteht.

SPOX-Kolumnist und England-Experte Raphael Honigstein glaubt, dass den schwächeren Vereinen in England "Liquiditätsprobleme wie nach dem Zusammenbruch der 'New Economy'-Blase" drohen.

Bundesliga wird von der Finanzkrise profitieren

Und die Gewinner der Finanzkrise? Eine schwierige Frage, aber nicht nur für Uli Hoeneß  könnte "die Bundesliga davon profitieren." "Die deutschen Klubs werden den nicht so attraktiven Ruf, den die Bundesliga im Vergleich zu den drei Topligen hat, durch ihre soliden Finanzen ausgleichen und so für viele ausländische Spieler interessant werden", so Carlo Pallavicino, Berater von Lazio-Stürmer Goran Pandev und vielen anderen Serie-A-Profis gegenüber der Turiner Tageszeitung "La Stampa".

Hoffenheim-Manager Jan Schindelmeiser sagte in der "Welt", dass "wir in Deutschland über kurz oder lang gegenüber anderen Verbänden von der Finanzkrise profitieren."

Der größte Gewinner könnte aber der Fußball selbst sein.

Den Fußball kann man nicht kaputt machen

Sinkende Transferkosten, sich der "Realität" anpassende Gehälter, und vor allen Dingen weniger fußballerische Allmachtsphantasien - dem Profifußball stünde ein wenig Zurücknahme nur allzu gut zu Gesicht.

"Den Fußball kann man nicht kaputt machen", versicherte La-Coruna-Sportdirektor Ricardo Moar im August im Gespräch mit SPOX.  Damals verkündete er aber auch, dass Deportivo "so gut wie sicher einen neuen Trikotsponsor" habe.

Die Trikot-Vorderseite des Tabellen-Sechsten ist auch heute noch zu haben.

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