George Clooney in Israel

Von Haruka Gruber
Dienstag, 06.01.2009 | 10:37 Uhr
Lothar Matthäus, seit dem Sommer Trainer von Maccabi Netanja
© Getty
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Vom König der Fettnäpfe zum König Netanjas: Dank Trainer Lothar Matthäus träumt Maccabi Netanja sogar von der Champions League. Doch der Krieg im Gaza-Streifen stoppt vorerst Netanjas Höhenflug.

Nein, ein "I hope we have a little bit lucky" unterläuft Lothar Matthäus nicht mehr. Und auch darauf, von sich in der dritten Person zu sprechen ("Ein Lothar Matthäus entscheidet selbst über sein Schicksal"), verzichtet er mittlerweile.

Lothar Matthäus ist 47 Jahre alt. Er ist ein 47-Jähriger, der den Ruf als "König der Fettnäpfe" ("11 Freunde") ablegen möchte und ernst genommen werden will in der Riege der Cheftrainer.

Sieben Jahre lang zog Matthäus rastlos durch die Welt. Versuchte es bei Rapid Wien, Partizan Belgrad, der ungarischen Nationalmannschaft und im brasilianischen Curitiba. Selbst den Schritt zurück, als zweiter Mann hinter Giovanni Trapattoni bei Red Bull Salzburg, nahm er in Kauf.

Matthäus jagt Meistertitel

Doch erst seit seinem Wechsel im Sommer in die fußballerische Diaspora als Coach des israelischen Erstligisten Maccabi Netanja erfährt Matthäus, der als Spieler noch vom Erfolg gesegnete deutsche Rekordnationalspieler, so etwas wie Anerkennung für seine Arbeit als Coach.

Mit seinem neuen Verein rangiert er auf dem zweiten Platz der israelischen Liga, die den Betrieb wegen des Kriegs im Gaza-Streifen jedoch vorerst ausgesetzt hat. Der Vorsprung des Tabellenführers Maccabi Haifa beträgt lediglich vier Punkte. Nach zwei Vizetiteln in den vergangenen beiden Jahren heißt das Ziel: Netanjas erste Meisterschaft nach über 25 Jahren.

"Wir sind auf einem guten Weg, auch wenn wir uns nach wie vor in der Kennenlernphase befinden. Mit einigen Transfers im Winter können wir oben angreifen", sagt Matthäus gegenüber SPOX. "Aber: Wir haben noch einige Baustellen, die den Job nicht leichter machen."

Es mangelt an vielem

Matthäus ist vorsichtig geworden. Er spricht gerne über seine Tätigkeit in Israel, aber bei jedem Satz schwingt die Befürchtung mit, im Falle des Misserfolgs zum Sündenbock gemacht zu werden.

Deswegen erklärt er auch ausführlich, dass die "Infrastruktur eine Katastrophe" sei und die Mannschaft in einem veralteten Stadion spielt, obwohl eine neue Arena schon vor Monaten hätte fertig gestellt sein sollen.

Dass einige Spieler im Training nicht alles geben und einige Spieler Interna aus der Kabine an die Medien weitergeben. Dass weder das Budget noch die Qualität im Kader ausreichen, um dauerhaft oben mitzuspielen.

"Matthäus eine Figur wie Beckenbauer"

Die Verpflichtung des Weltmeisters von 1990 hat Hoffnungen in Netanja geweckt. Bei seiner ersten Trainingseinheit stürmten die Zuschauer das Feld und einer von ihnen nahm vor lauter Begeisterung den neuen Coach sogar auf die Schultern - doch Matthäus selbst ist die Euphorie um ihn nicht geheuer, weil "in Israel die Erwartung oft weit entfernt ist von der Realität".

Damit meint er vermutlich nicht nur die Fans. Laut Maccabis deutschem Finanzvorstand Andreas Stamatiou soll Matthäus "einen Fußball bringen, der in Israel noch nie gespielt worden ist." Denn ein Matthäus in Netanja sei doch so, "als würde George Clooney eine Theatersaison im Bürgerhaus von Schwalbach auftreten".

Für Klubchef Daniel Jammer wiederum ist Matthäus "unser nächster Adrenalinstoß". Einer, der eine ähnlich "herausragende Figur ist wie Franz Beckenbauer", sagt Jammer, dessen Geld erst dafür gesorgt hat, dass ein Star wie Matthäus den Weg in die 170.000-Einwohner-Stadt Netanja fand.

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Klubboss will in die Königsklasse

Der Frankfurter Jammer machte Millionen im Flugzeug- sowie Immobiliengeschäft und wurde noch reicher durch die Heirat in eine äußerst wohlhabende russische Businessfamilie. Vor einigen Jahren wollte er seinem Lieblingsverein Eintracht Frankfurt finanziell unter die Arme greifen, doch als der Klub anderweitige Geldgeber gefunden hatte, bot sich die Gelegenheit mit Maccabi Netanja.

2006 kaufte er für eine Million Dollar den Verein, um - wie er offen zugibt - "mein persönliches Managerspiel zu spielen". Sein Masterplan: Innerhalb von fünf Jahren, also bis 2011, will er den Klub rentabel weiterverkaufen.

Dafür jedoch sind sportliche Erfolge unabdingbar. Am besten in der Champions League, am besten mit Lothar Matthäus, dessen Vertrag bei einem Jahreseinkommen von 650.000 Euro bis 2010 befristet ist.

Dampfplauderer war gestern

Deswegen darf der Trainer im Winter drei neue Spieler kaufen, um den Kader, der "in Deutschland in der 2. Liga oben mitspielen könnte" (Matthäus), zu verstärken. Bielefelds Siyabonga Nkosi gilt als Kandidat.

Große Sprünge sind jedoch nicht drin - obwohl Jammer noch vor zweieinhalb Jahren Real Madrid 7,5 Millionen Euro bot, um David Beckham zu kaufen.

Der aktuelle Etat mit schätzungsweise fünf Millionen Euro entspricht jedoch einem abstiegsbedrohten deutschen Zweitligisten, nicht einem zukünftigen Championes-League-Teilnehmer und erst recht nicht einem Klub, zu dem Beckham wechseln würde.

Doch trotz der hohen Ansprüche seitens der Fans und des Klubchefs strahlt Matthäus eine für ihn ungewohnte Ruhe aus. Er selbst vermeidet es tunlichst, von größeren Zielen als der israelischen Meisterschaft zu sprechen, gleichzeitig betont er sein gutes Verhältnis zu Jammer. Aus Loddar, dem Dampfplauderer wurde Matthäus, der Diplomat.

Stuttgart, Basel und Sunderland

"Ich habe in der Vergangenheit nicht viele Fettnäpfe ausgelassen. Aber ich bin jetzt 47 Jahre alt und weiß mich zu benehmen", sagt Matthäus. Dazu gehört offenbar auch, sich nicht mehr in den Medien zu positionieren, wann immer in der Bundesliga oder woanders ein vermeintlich lukrativer und prestigeträchtiger Job frei wird.

Matthäus' Name fiel zuletzt im Kontext von Stuttgart, Basel und Sunderland, zumal er wegen des militärischen Konflikts im Gaza-Streifen eine Rückkehr nach Deutschland erwägt, sollte das Risiko zu groß werden.

Matthäus: "Joking here!"

Doch Matthäus sagt: "Irgendwann wäre eine Aufgabe in der Bundesliga interessant. Aber ich höre es nicht gerne, wenn ich mit anderen Vereinen in Verbindung gebracht werde. Es kommt häufig wie ein Bumerang zurück und das schadet meiner Glaubwürdigkeit."

Nur während eines Fußballspiels hat der offenbar gereifte Matthäus den Hitzkopf früherer Tage nicht im Griff.

"When we play away, we have to play against the referee too! Joking here!", kritisierte er zuletzt den Verband für die Schiedsrichteransetzung bei einer Auswärtspartie und wurde daraufhin für zwei Spiele gesperrt.

Immerhin: Das Englisch mag nicht fehlerfrei sein und der fränkische Akzent ist unüberhörbar - aber es ist ein deutlicher Fortschritt zum "I hope we have a little bit lucky".

Steckbrief: Die Karriere des Lothar Matthäus

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