Milan erblasst vor Neid

Von Haruka Gruber
Montag, 08.09.2008 | 17:04 Uhr
fußball, international, ramenskoje
© Getty
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Unfassbar und unglaublich. Wer in diesen Tagen mit Jürgen Röber spricht, kommt um diese zwei Begriffe nicht herum. "Es ist unfassbar, über welche Möglichkeiten dieser Verein verfügt. Alles ist unglaublich durchdacht", so Röbers erster Eindruck von seinem neuen Klub Saturn Moskau.

Richtig gelesen. Saturn Moskau. Nicht "Saturn Rameskoje", wie im Juli in den UI-Cup-Partien gegen den VfB Stuttgart noch die Rede war. Auch nicht "Saturn Ramenskoe", "FC Saturn Moskau Oblast" oder "FK Saturn Moskau", allesamt ebenfalls verbreitete, aber falsche Varianten des Vereinsnamen.

"Der Klub heißt Saturn Moskau. Punkt", stellt Röber im Gespräch mit SPOX klar. Zwei Wochen ist es her, dass der ehemalige Coach von Hertha BSC Berlin und Borussia Dortmund überraschend als Trainer des in Deutschland wenig geläufigen Vereins vorgestellt wurde.

Man habe sich vor drei Monaten kennen gelernt, erinnert sich Röber. Er reiste zur Partie in Stuttgart, zum Trainingslager in Österreich, und "als klar war, dass Saturn mit dem damaligen Trainer einen klaren Break machen wollte, haben wir die Verhandlungen intensiviert".

Ancelotti beeindruckt

Dabei wucherte Saturn mit zwei Dingen. Einerseits mit dem sehr wahrscheinlich sehr vorzeigbaren Gehalt für Röber, dem seit eineinhalb Jahren arbeitslosen Trainer. Andererseits mit der Infrastruktur, die in "Europa seinesgleichen sucht", wie es Röber formuliert.

Das Herzstück des Vereins liegt in Ramenskoje, einem Vorort von Moskau. Auf einer elf Hektar großen Fläche zog Saturn ein modernes Trainingszentrum auf, das keine Wünsche offen lässt.

Eine dreistöckige Wohnanlage mit luxuriös eingerichteten Appartements für jeden Spieler und selbstredend für den neuen Trainer. Ein Schwimmbad. Konferenzräume. Riesige Leinwände mit Touchscreen-Funktion. Zwei Kunstrasenplätze. Basketball- und Volleyballfelder. Zur Zerstreuung ein eigener Angelteich. Sechs Meter tief.

"AC Mailands Trainer Carlo Ancelotti hat sich die Anlage angeschaut und neidisch erzählt, dass weder Milan noch Juventus solche Voraussetzungen haben. Saturn muss sich vor keinem Topteam in Europa verstecken", sagt Röber.

Nur Platz 13

Eine Menge Stolz schwingt da mit, doch sportlich steckt Saturn im Niemandsland der russischen Liga. Mit dem Ziel Top vier gestartet, liegt der Verein nach rund zwei Drittel der Saison und trotz Röbers 2:1-Debüterfolg gegen Wladiwostok auf dem 13. Rang unter 16 Teams.

"In den verbleibenden elf Spielen können wir einen einstelligen Tabellenplatz schaffen. Vielleicht geht ja noch was in Richtung UEFA-Cup, wenn wir an den konditionellen Defiziten arbeiten", so Röber vorsichtig optimistisch.

Doch spätestens nächste Saison wird Röber, dessen Vertrag für dieses und kommendes Jahr gilt, Rechenschaft ablegen müssen. Denn Boris Gromow, die höchste Instanz des Vereins, hat hohe Ziele.

Kriegsheld als Chef

Bevor es jedoch zu Missverständnissen kommt: Gromow ist keiner dieser neureichen Oligarchen vom Schlage Abramowitsch. Gromow ist ein nationaler Kriegsheld.

Als letzter Befehlshaber der sowjetischen Streitkräfte im Afghanistan-Krieg bekam er den höchsten militärischen Orden verliehen, galt als "potentieller Napoleon" ("Zeit"), wechselte Anfang der 90er Jahre in die Politik, wurde zum stellvertretenden Verteidigungs- sowie später Innenminister berufen und ist seit einigen Jahren Gouverneur der Region Moskau.

Kurios: Da Saturn der Region Moskau gehört, ist Gromow dementsprechend der Vorsitzende des Vereins. Übertragen auf Deutschland wäre es damit vergleichbar, wenn Bayerns Ministerpräsident Günther Beckstein darüber entscheiden könnte, ob Bayern-Trainer Jürgen Klinsmann entlassen wird oder nicht.

Fußball hinkt hinterher

Neben Saturn greift Gromow weiteren Vereinen aus der Umgebung unter die Arme. Medwedi Tschechow (Handball), Sturm Tschechow (Wasserball), BK Chimki (Basketball): Sie alle werden großzügig mit öffentlichen Geldern unterstützt, sie alle zahlen dies aber auch mit Erfolgen zurück.

Was demnach im so öffentlichkeitswirksamen Sportportfolio fehlt, wären Siege im Fußball - zumal sich seit 2004 auch der Öl- und Investmentkonzern "Nafta Moskau" unter Leitung von Suleiman Kerimow (mit zwölf Milliarden Euro Vermögen an 36. Stelle der reichsten Männer der Welt) für Saturn engagiert. Bis 2010 pumpt das Unternehmen 60 Millionen Dollar (rund 42 Millionen Euro) in den Klub.

Kader ohne Superstar

Doch bei allem Enthusiasmus und Engagement: Noch fehlt Röber das nötige Spielermaterial, um mittelfristig die Lücke zu den Vorzeige-Klubs Zenit St. Petersburg und ZSKA Moskau zu schließen. "Wir sind gut aufgestellt. Aber anders als Zenit haben wir keine 30 Millionen Euro von Gazprom, um einen Spieler der Kategorie Danny zu verpflichten", sagt Röber.

Immerhin 1,4 Millionen waren abkömmlich, die in Herthas Reservestürmer Salomon Okoronkwo vor dem Schließen des Transferfensters investiert wurden.

Gemeinsam mit dem früheren Cottbuser Torjäger Marko Topic sowie dem finnischen Spielmacher Aleksey Eremenko ist der Nigerianer einer der wenigen in Deutschland bekannten Namen im Kader.

"Vergessen darf man nicht die beiden Innenverteidiger. Der Brasilianer Zelao und der Slowake Durica könnten auch in der Bundesliga bei Topvereinen spielen. Aber vor allem im Mittelfeld fehlt noch was", sagt Röber. Daher, so seine Hoffnung, werde die Klubführung etwas Geduld aufbringen.

Himmelfahrtskommando bei Heart

Noch vor wenigen Wochen stand Röber vor der Unterschrift bei einem anderen russischstämmigen Fußball-Gönner. Der Litauer Wladimir Romanow, egozentrischer Besitzer des schottischen Erstligisten Heart of Midlothian, legte ihm einen lukrativen Vertrag vor, den "ich eigentlich hätte unterschreiben müssen".

Doch dort wäre Röber von Romanow dazu angehalten worden, litauische Spieler in der Startelf einzusetzen, damit diese sich präsentieren können. Gleichzeitig hätte ihm beim Verpassen von allzu hoch gegriffenen Zielen wie der Champions-League-Teilnahme die Rolle des Sündenbocks geblüht. "Ich bin doch keine Marionette", sagt Röber.

Übersetzt: Es wäre bei all der finanziellen Entschädigung ein Himmelfahrtskommando gewesen.

Gromow, der Bin-Laden-Jäger

Aber droht ihm bei Saturn nicht das gleiche Schicksal? "Nein", verteidigt Röber seinen Entschluss. "Hier sind die Leute realistischer. Vielleicht ist die Champions League langfristig ein Thema, aber die Verantwortlichen wissen, dass wir nicht die gleichen Möglichkeiten haben wie Zenit oder ZSKA. Deshalb setzen wir vor allem auf unsere exzellente Jugendarbeit."

Doch eines sollte Röber bei allem Understatement wissen: Sein Chef neigt nicht zu Bescheidenheit, wie die folgende Anekdote beweist.

Drei Tage nach den Anschlägen am 11. September 2001 wurde Gromow von der US-Regierung erstmals darum gebeten, bei der Jagd nach Osama Bin Laden und den Taliban zu helfen.

Auf die Frage, warum ausgerechnet er dafür kontaktiert wurde, antwortete Gromow wie selbstverständlich, dass er als Afghanistan-Veteran nun mal - wie er selbst sagt - der kundigste Berater gewesen sei, den die USA hätten finden können.

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