Ein Inter-Ultra packt aus

Von Einsicht keine Spur

Von Christian Bernhard
Dienstag, 13.11.2007 | 17:56 Uhr
inter, ultra
© Imago
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München - Nach dem erneuten Ausbruch der Gewalt bangt der italienische Profi-Fußball um seine Zukunft. 

Milans Superstar Kaka warnte das Weltmeisterland: "Basta! Diese Ausschreitungen töten unseren Sport. Die Stars werden aus Italien weggehen". Der italienische Nationalspieler Vincenzo Iaquinta würde "heutzutage kein Kind mehr mit ins Stadion nehmen" und Weltmeister Fabio Cannavaro ist "froh, im Ausland zu spielen".

Claudio Pasqualin, der als Spielerberater u. a. Gennaro Gattuso, Filippo Inzaghi und Alessandro Del Piero vertritt, sieht auf den italienischen Fußball ein großes Problem zukommen: "Wenn ein ausländischer Spieler z.B. ein vergleichbares Angebot aus Spanien und Italien hat, entscheidet er sich aufgrund der chaotischen Verhältnisse in Italien für die Primera Division", sagte er gegenüber SPOX.com.

Die Serie A ohne Kaka, Ibrahimovic, Totti und Del Piero? Eigentlich unvorstellbar, aber nicht alle denken so.

SPOX.com sprach mit Ivan Luraschi, dem Verantwortlichen aller Ultra-Gruppen von Meister Inter Mailand, über die erneuten Gewaltausbrüche, die Rolle der Ultras und das Verhältnis zur Staatsgewalt.

"Uns ist es ehrlich gesagt egal, ob sich ein Ibrahimovic oder Adriano mit dem Verein identifizieren. Der Grundgedanke der Ultras ist, die eigene Stadt zu vertreten und deren Mannschaft anzufeuern, egal wer das Trikot trägt. Für uns zählt nur die Mannschaft, nicht der einzelne Spieler", reagiert Luraschi gelassen auf die Drohung Kakas.

Gewalt als letzte Option

Der Verantwortliche der "Curva Nord Milano", die alle Ultra-Gruppen von Inter vereint, ist sich bewusst, dass die Ultras in der Öffentlichkeit als Sündenböcke und Verantwortliche für die aktuelle Situation dargestellt werden. "Wir erwarten uns nicht viel und rechnen so oder so mit weiteren Repressalien. Der Staat und die Medien stellen uns als Kriminelle dar und lassen uns als letzte Option nur mehr die Gewalt."

Beim Begräbnis von Gabriele Sandri am Dienstag will Luraschi das Gespräch mit Lazio- und Roma-Ultras suchen, "um eine gemeinsame Linie zu finden. Es wird aber sehr schwer sein, da die Verantwortlichen der Lazio-Ultras entweder in Haft sind oder unter Hausarrest stehen." Denkbar sei laut Luraschi eine große Demonstration vor dem Hauptsitz des Fußballverbandes (FIGC) und dem Parlament.

"Die Polizisten sind auch Opfer des Systems" 

Luraschi spricht von einer "friedlichen" Demonstration, ganz anders sah es hingegen am Sonntagabend in der italienischen Hauptstadt aus. Die Bilder von den bürgerkriegsähnlichen Zuständen in Rom gingen um die ganze Welt. Dennoch (oder vielleicht gerade deshalb) verteidigt Luraschi die Aktion: "Die römischen Ultras haben aus verständlichen Gründen zur Gewalt gegriffen, da wir von allen Seiten als Delinquenten abgestempelt werden. Egal was wir machen".

Die Polizei sieht Luraschi auch "als Opfer des Systems, die sich um die Einhaltung von Gesetzen kümmern müssen, die sie selbst nicht gutheißen". "Wir haben nichts gegen die Polizisten. Wir sind gegen die staatlichen Institutionen", behauptet Luraschi. Und gegen die Medien.

"Die Zeitungen und das Fernsehen werden von den staatlichen Institutionen instrumentalisiert, um Stimmung gegen uns zu machen. Wir werden unseren Weg aber dennoch weiter gehen. Sie wollen uns die Auswärtsspiele verbieten? Wir fahren trotzdem hin und werden sehen, was passiert. So lange wir irgendwie in ein Stadion kommen, werden wir da sein." Von Einsicht keine Spur.

Verfeindete Ultras besorgen sich gegenseitig Tickets 

Hoffnung auf eine Verbesserung der Situation hat Luraschi ebenfalls nur wenig. "Italien lebt immer im Ausnahmezustand. Sobald etwas Schlimmes passiert, werden in der Not immer härtere Gesetze verabschiedet, die aber nie etwas gebracht haben. So wird es auch diesmal sein."

Dass die Gesetze zwar verabschiedet, aber nicht angewendet werden, sagt Luraschi nicht. Seine letzte Aussage verdeutlicht es aber auch ohne direkt darauf einzugehen. Am nächsten Serie-A-Spieltag trifft Inter zuhause auf Atalanta Bergamo. "Falls der Staat den Ultras von Atalanta den Eintritt ins San-Siro-Stadion verbietet, werden wir für sie Tickets besorgen, damit sie trotzdem ins Stadion kommen", so Luraschi.

Die Ultras von Atalanta und Inter sind bis auf die Knochen verfeindet. Aber in solch einem Fall halten sie zusammen. Vereint gegen die Staatsgewalt.

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