Kolumne

Roman Empire und das perfekte Ergebnis

SID
Montag, 24.09.2007 | 12:25 Uhr
Fuss, mikel, scholes
© Getty
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Es war ein fast jämmerliches Bild, das der FC Chelsea, der neureiche Emporkömmling im englischen und europäischen Fußball, im Old Trafford bei Manchester United abgegeben hat.

Mit dem 0:2 waren die Blues aus dem Westen Londons mehr als gut bedient (Klick: Alle Tore des Spiels im Video bei SPOX.TV)

Und wenn es eines Beweises bedurfte, dass die aktuelle Misere völlig Trainer-unabhängig ist, dann wurde der am Sonntag geliefert. "Ohne Lampard und Drogba" ist in diesem Fall elementarer als "ohne Mourinho".

Aber klar, der Abgang von Mourinho hat auch seine Spuren hinterlassen. Es ist noch immer ein großes Mysterium. Keine Entlassung, kein Rücktritt, also was denn nun?! "Beiderseitiges Einvernehmen", sagt das offizielle Statement. Aber wie einvernehmlich kann eine Entscheidung sein zwischen zwei Menschen, die sich im letzten halben Jahr praktisch aus dem Weg gegangen sind? Wie einvernehmlich trennen sich zwei Alphatiere, wo das eine den galaktischen Traum des Roman Empires träumt und für den anderen ein 1:0 das perfekte Ergebnis ist?

Und wie harmonisch kann so eine Beziehung verlaufen, wenn einer das eine will und quasi das andere bezahlt? Das attraktive 4-3-3 des ersten Jahres war längst dem kühlen, kalkulierten Ergebnisfußball gewichen.

Terry als entscheidender Impuls?

Die Ablösung von Mourinho kündigte sich also seit langem an, allein der Zeitpunkt kam überraschend. Da war ein halbleeres Stadion bei einem Rumpel-1:1 gegen Trondheim, davor ein 0:0 gegen Blackburn, die erste Saisonniederlage bei Aston Villa. Alles nicht erfreulich aber doch, auch aus den Erfahrungen der Vorsaison, nichts neues (auch gegen Bremen in der vergangenen Runde beispielsweise war die Stamford Bridge längst nicht ausverkauft).

Insofern gibt es nur eine plausible Erklärung für die plötzliche Trennung. Es muss einen wesentlichen anderen Impuls gegeben haben. Laut englischen Medienberichten kam der aus der Mannschaft, genauer gesagt vom Kapitän John Terry höchst selbst, ein ehemaliger Mourinho-Intimus, sowie vom Abramovitsch-Freund Andrij Schewtschenko.

Handschlag für Terry, Umarmung für Ballack

Terry hatte sich noch in der vergangenen Saison mehrfach öffentlich für den Portugiesen stark gemacht, in den letzten Wochen  gab es diese Treuebekundungen eben nicht mehr. Noch am Dienstagabend vergangener Woche soll er beim Klubchef vorstellig geworden sein, um ihm sein Leid mit Mourinho zu klagen. Öffentliche Statements gibt er derzeit nicht ab. Ein weiteres Indiz dafür ist der sachliche Handschlag, mit dem sich Mourinho am Donnerstag von Terry und Schewtschenko verabschiedete. Andere Spieler wie Ballack, Lampard und Drogba umarmte er herzlich.

Also ehe jetzt hier allen die Tränen kommen: Für Mourinho muss keiner mit dem Hut sammeln gehen. Mit 25 bis 30 Millionen Euro ist er fürstlich abgefunden, da kann er sich erstmal seinen angestrebten Sprachstudien widmen, Angebote zählen und sich im Sommer das attraktivste Paket aussuchen.

Klinsmann wohl keine Option

Der FC Chelsea wird womöglich das größere Problem bekommen, denn jeder weiß: Das Anforderungsprofil ist anspruchsvoll. Gesucht wird der weiße Reiter, der quasi durch Handauflegen schönen attraktiven und erfolgreichen Fußball garantiert, und der bereit ist, unter der starken Knute des Geldgebers und seiner Berater zu wirken.

Diese Konstellation schließt Klinsmann im Grunde aus, Capello oder Lippi wären vom Fußballverständnis her neue Mourinhos, Deschamps fehlt noch die große Reputation als Trainer, van Basten war zwar gegen ManU im Stadion, aber das wäre doch sehr konstruiert - zumal er bei der Elftal sicher in Amt und Würden ist.

Hiddink: Die Vorzeichen sprechen für ihn

Am plausibelsten scheint mir die Lösung Guus Hiddink, der als russischer Nationalcoach ohnehin schon als Gehaltsempfänger bei Abramowitsch, dem Mitfinanzier der Landesauswahl, registriert ist. Sollte der mit Russland an der EM-Qualifikation scheitern, und das könnte schon im Oktober passieren, steht der Zusammenarbeit nichts im Wege. Großes Renommee, klare Vorstellungen von offensivem Fußball, große Persönlichkeit und Abramowitchs Vertrauter: Es spricht einiges für den Niederländer.

Hiddink müsste bei den Blues den Begriff  "Erfolg" für sich nur neu definieren. Denn erfolgreich ist bei Chelsea nicht, wer in drei Jahren je zwei Mal Meister und Ligapokalsieger wird, einmal den FA-Cup holt und zweimal das Champions-League-Halbfinale erreicht.

Dass es keinen Sinn macht, sich selbst in die sportlichen Belange einzumischen und den Trainer als reinen Erfüllungsgehilfen ein bisschen mit der Taktik und im Training  spielen zu lassen, hat Abramowitsch spätestens in Manchester gesehen. Insofern wird Avram Grant aller Voraussicht nach nicht über den Interimsstatus hinauskommen.

Status quo für Ballack

Für Michael Ballack hat sich die Situation im Übrigen nicht verändert. Neben Mourinho stand auch die komplette Chelsea-Führung voll hinter seiner Verpflichtung. Insofern gilt für ihn schnellstmöglich fit zu werden. Diese Mannschaft kann aktuell jeden torgefährlichen Mittelfeldspieler gebrauchen. Aber dass sich dieses Team, wenn alle fit sind, mit dieser individuellen Klasse erholen wird, steht außer Frage.

Mein einziger Wehrmutstropfen ist, dass die Pressekonferenzen des FC Chelsea erheblich an Unterhaltungswert verlieren werden. Da hat sich the special one wohltuend von vielen seiner Kollegen abgehoben. Der nächste wird im Vergleich ein very ordinary one sein.

In diesem Sinne, bleiben Sie sportlich,

Ihr Wolff Fuss

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