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DFB-Team - Dzsenifer Marozsan im Interview: "Jeder sieht uns schon im WM-Finale"

Von Jan Platte
Dzsenifer Maroszan setzte eine Lungenembolie im Jahr 2018 außer Gefecht.

Dzsenifer Marozsan gilt als absolute Führungsspielerin im Team der DFB-Frauen. Die Mittelfeldspielerin, die seit 2016 für Olympique Lyon aufläuft, spielt eine zentrale Rolle in der Mannschaft von Martina Voss-Tecklenburg bei der an diesem Freitag beginnenden WM in Frankreich (alle Spiele der deutschen Mannschaft live auf DAZN).

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Im Interview mit DAZN und SPOX spricht die 27-Jährige über die anstehende WM, ihre Führungsrolle im DFB-Team auch ohne Kapitänsbinde, die Entwicklung und den Respekt im Frauen-Fußball sowie ihre schwere Krankheit im Sommer 2018.

Dzsenifer, vor knapp einen Jahr haben Sie die Schock-Diagnose Lungenembolie bekommen.

Dzsenifer Marozsan: Am Anfang nicht. Die erste Diagnose war Nierensteinentzündung und deswegen wurde ich wieder nach Hause geschickt. Wegen den Schmerzen konnte ich mich die eine Nacht fast nicht bewegen. Gott sei Dank ist nichts Schlimmeres passiert. Am nächsten Tag wurde dann im Krankenhaus die Lungenembolie diagnostiziert. Es war eine schwierige Zeit, auch für meine Familie. Aber wir haben es geschafft und ich stehe wieder auf dem Platz.

Und wie! In der abgelaufenen Saison haben Sie mit Lyon Meisterschaft und Champions League gewonnen. Zudem wurden Sie erneut zur Fußballerin des Jahres gekürt. Denken Sie manchmal überhaupt noch an den Sommer 2018 zurück?

Marozsan: Ja klar. Für mich ist es trotzdem eine Wahnsinns-Saison geworden. Ich war komplett am Boden und habe mit dem Gedanken gespielt, dass es vorbei sein könnte. Dann komme ich so zurück und gewinne alles - da bekomme ich heute noch Gänsehaut. Ich bin einfach nur froh, dass es gut verlaufen ist. Während der Zeit hat auch meine Mannschaft immer hinter mir gestanden, war für mich da und hat mir versichert, dass sie mich braucht. Dieses Gefühl hat mich motiviert, deswegen bin ich dankbar, dass ich diese Momente dann erleben durfte.

Sie haben sich die Zeit gegeben und auf das eine oder andere Länderspiel verzichtet. Liegt das an Ihrem doch schon reichen Erfahrungsschatz?

Marozsan: Ja. Nach zehn Jahren Bundesliga plus der Auslandserfahrung hat man einfach ein gutes Gefühl für den eigenen Körper. Ich habe schon einiges erlebt und kann das deswegen sehr gut einschätzen. Ich bin es langsam und sicher angegangen, weil ich bei 100 Prozent sein will, wenn ich das DFB-Trikot trage.

Dzsenifer Marozsan: Die Leistungsdaten im DFB-Team

KategorieWert
Spiele90
Siege64
Niederlagen11
Tore32

Wie beurteilen Sie denn den aktuellen Leistungsstand der DFB-Damen vor der WM?

Marozsan: Ich habe ein gutes Gefühl. Die Mädels sind alle positiv und guter Laune. Alle freuen sich auf die WM und wir trainieren hart. Wir haben jetzt noch die Zeit, Kleinigkeiten zu verbessern und noch enger zusammenzurücken. Dann werden wir eine gute Rolle bei der WM spielen. Wir haben das Potenzial, bis zum Schluss dabei zu sein. Dennoch muss man es kleinhalten, weil alle Nationen aufgeholt haben und es mit Sicherheit ein harter Kampf um den Titel wird.

Wie schnell hat man sich als Team mit der neuen Bundestrainerin gefunden?

Marozsan: Das ging sehr zügig. Sie hat eine klare Struktur und diese uns vorgegeben. Jeder weiß, was zu tun ist. Mit ihrer Erfahrung hat sie uns in die richtige Spur gebracht.

Und das, obwohl das Team gerade einen Umbruch durchlebt.

Marozsan: Richtig. In Deutschland ist die Erwartungshaltung immer groß. Jeder sieht uns schon im Finale, aber das ist absolut nicht der Fall. Das wird ein ganz hartes Stück Arbeit. Frauen-Fußball ist nämlich vor allem in der Breite deutlich stärker geworden, wodurch es auch mit Sicherheit einige Überraschungen bei der WM geben wird. Wenn wir jedoch auf uns fokussiert sind und unser Spiel auf den Platz bringen, können wir sehr weit kommen.

Was bringen die jungen Spielerinnen, die den Umbruch prägen, in die Mannschaft ein?

Marozsan: Die sind frech, jung und wild. (lacht) Das macht Spaß, denn die haben keine Angst und sind mutig. Das ist wichtig für uns. Sie haben sich sehr gut ins Team eingefunden.

Durch Ihre große Erfahrung wurden schon Stimmen laut, dass Sie noch mehr als Anführerin vorangehen sollten.

Marozsan: Vieles wird im Umfeld gesprochen, aber ich höre nur wenig darauf. Mir ist eher wichtiger, was meine Mannschaft, mein Trainerteam und meine Familie denken. Ich versuche mit Leistung voranzugehen und damit die jungen Spielerinnen mitzuziehen.

Sie waren schon Kapitänin der DFB-Frauen, jetzt ist es Alexandra Popp. Wollen Sie die Binde nicht tragen?

Marozsan: Das ist Quatsch. Da ich einen sehr guten Kontakt zu Steffi Jones (ehemalige Bundestrainerin, Anm. d. Red.) hatte, habe ich die Rolle übernommen. Aber ich brauche die Binde nicht. Ich weiß, wie gut sich Alex und Martina Voss-Tecklenburg kennen und deswegen bin ich überglücklich, dass Popp jetzt die Kapitänin bei der Weltmeisterschaft ist.

Blicken wir auf den Favoritenkreis bei der WM. Wen zählen Sie zu den Titelaspiranten?

Marozsan: Als Erstes zähle ich natürlich uns dazu. Frankreich wird mit der ganzen Nation im Hintergrund ein Riesen-Turnier spielen. Dazu kommen noch die USA und England als Favoriten.

Frauen-WM 2019: Die deutsche Gruppe

Gruppe BNation
1Deutschland
2Spanien
3China
4Südafrika

Gehen wir die deutschen Gruppengegner Spanien, China und Südafrika durch: Was erwarten Sie sich beispielsweise von Neuling Südafrika?

Marozsan: Es ist nie leicht, gegen eine afrikanische Mannschaft zu spielen. Ich habe sie ehrlich gesagt auch noch nicht richtig spielen sehen, aber ich denke, es wird ein zweikampfbetontes, aggressives Spiel. Da müssen wir dagegenhalten.

Und gegen China?

Marozsan: Da müssen wir geduldig sein. Das ist ein sehr diszipliniertes Team, sehr ballsicher und technisch versiert. Wenn wir die Räume finden, werden sie Probleme bekommen.

Spanien ist ebenfalls sehr ballsicher.

Marozsan: Ja, die sind von der Torhüterin bis zur Spitze technisch überragend. Wir müssen sie schon bei der Ballannahme stören und sie ärgern. Wenn wir aggressiv sind, vergeht denen die Lust.

Im Achtelfinale könnte man auf Norwegen treffen. Dort sagte Ada Hegerberg, Ihre Teamkollegin bei Lyon, ab. Als Grund nannte sie den fehlenden Respekt, dem der Frauen-Fußball entgegengebracht wird. Nachvollziehbar?

Marozsan: Ich kenne Ada mittlerweile sehr gut. Ich kann sie einerseits verstehen. Sie hat viele Probleme mit ihrer Nationalmannschaft gehabt. Sie hat Dinge angesprochen, die wurden dann jedoch nicht umgesetzt oder respektiert. Sie hat ihre Konsequenzen daraus gezogen, was ihr große Persönlichkeit zeigt. Andererseits ist es natürlich sehr schade für den Frauen-Fußball, dass sie nicht dabei ist.

Wie sehen Sie grundsätzlich die Entwicklung im Frauen-Fußball?

Marozsan: Mir gefällt die sehr gut. Mittlerweile schaue ich sehr viel Frauen-Fußball, das habe ich früher nicht gemacht. Es ist schön, wie die kleineren Nationen nachziehen. Ich bin froh, dass der Frauen-Fußball in die richtige Richtung geht.

Wie sieht Ihre Karriere-Planung aus? Florentino Perez investiert ja gerade kräftig bei Real Madrid.

Marozsan: Das ist ein gutes Stichwort. Ich liebe Madrid. Deswegen wäre es wunderschön, irgendwann einmal für den Verein zu spielen. Ich denke aber, die brauchen noch ein bisschen. Ob ich bis dahin noch Fußball spiele, ist die andere Frage. Ich fühle mich aktuell sehr wohl in Lyon. Es gibt hier auch keinen Unterschied zwischen Männern und Frauen. Der Präsident steht voll hinter uns, mehr brauchen wir nicht. Wir haben die besten Bedingungen und Spielerinnen. Deswegen gibt es keinen Grund zu wechseln.

Dzsenifer Marozsan: Die Karrierestationen

JahrVerein
seit 2016Olympique Lyon
2009 bis 20161. FFC Frankfurt
2007 bis 20091. FC Saarbrücken
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