Fussball

Frauen-WM - Alexandra Popp und ihre Geschichte: Gewicht verloren auf Schalke, Insolvenz, frühe Kritik

Von Frank Hellmann

Alexandra Popp hatte es in ihrer Karriere nicht immer einfach. Zeitweise hat die Kapitänin der deutschen Frauen-Nationalmannschaft sogar ihren Eltern finanziell helfen müssen.

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Humor ist, wenn man trotzdem lacht. Eigentlich war es am Donnerstag nicht gerade ideal, dass sich die Trainingseinheit der deutschen Frauen-Nationalmannschaft so erheblich verzögerte, dass sich die meisten irgendwo unter den spärlichen Vordächern am Sportplatz in Pont-Pean ein schattiges Plätzchen suchten. Denn morgens waren die Dopingkontrolleure im Auftrag des Weltverbandes FIFA angerückt. Vier Spielerinnen mussten eine Probe abgeben, bei Giulia Gwinn dauerte es am längsten - als die Aufsteigerin endlich aus der Kabine kam, brandete spontan Beifall auf.

Zu den kontrollierten Akteuren gehörte auch Kapitänin Alexandra Popp. Und damit auch die Akteurin mit dem mit Abstand größten Aktionsradius. Denn was die 100-fache Nationalspielerin derzeit leistet, nötigt dem Trainerteam größten Respekt ab. Vor allem, wer sich ihre Trackingdaten in Spiel und Training anschaut. Kein Weg scheint der 28-Jährigen gerade in Frankreich zu weit.

Ihre Wahl zur Spielerin des Spiels nach dem 3:0 im Achtelfinale gegen Nigeria war nach ihrer herausragenden Leistung folgerichtig. Erst köpfte sie ihre Mannschaft vorne zum Sieg, dann räumte sie auf der Doppel-Sechs hinten ab. Wenn jemand das Motto "Allez maximal" verkörpert, dann diese Powerfrau. Popp spürt das absolute Vertrauen der Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg, die schon in ihren Anfangszeiten beim FCR Duisburg ihre Förderin war.

Popps Torjubel: "Wie E.T., nach Hause telefonieren"

Die Trainerin erkannte den besonderen Ehrgeiz bei einem Talent, das damals noch zur Schule ging und mitunter auf Auswärtsfahrten noch Klausuren schrieb. Die gebürtige Duisburgerin Voss-Tecklenburg und die in Silschede bei Hagen sozialisierte Popp funkten von Anfang an auf einer Wellenlänge. Beide beschreiben sich als fußballverrückt seit Kindestagen. "Ich habe immer gesagt, bei mir fehlte nur, dass ich auf dem Anstoßpunkt geboren bin", sagte Popp einmal.

Ihre Ernennung zur Spielführerin unter Voss-Tecklenburg war insofern folgerichtig. Sogar Torhüterin Almuth Schult stellt bei der WM fest: "Sie ist noch präsenter als beim VfL Wolfsburg, organisiert mehr, geht mit großem Einsatz voran. Es zeichnet sie aus, von der ersten bis zu letzten Minute alles zu geben." Und Abwehrchefin Marina Hegering fühlt sich bei der Treffersicherheit der letzten zwei WM-Begegnungen an die gemeinsame U20-WM 2010 in Deutschland erinnert: "Da hat Poppi in fünf Spielen zehn Tore gemacht. Sie hat sich seitdem extrem weiterentwickelt und ist eine Riesenpersönlichkeit."

Bei ihren zwei WM-Toren deutete Popp zuletzt jeweils ein Telefonat an. "Das war ein Zeichen für meine Familie und Freunde - wie E.T., nach Hause telefonieren", klärte sie auf. Vom engen Bezug zum Elternhaus soll ruhig ein Millionenpublikum etwas mitbekommen. Denn die Anführerin, die nun Deutschland im Klassiker gegen Schweden (Samstag, 18.30 Uhr live auf DAZN und im LIVETICKER) ins WM-Halbfinale bringen will, hat es nicht immer einfach gehabt.

Popps Eltern mussten Privatinsolvenz anmelden

Popp wurde in der Gesamtschule Berger Feld an einem DFB-Elitestützpunkt als einziges Mädchen mit den Talenten des FC Schalke 04 ausgebildet. Dort nahm sie sechs Kilo ab, legte bei Athletik und Dynamik zu. Bald war klar: Hier wächst ein Top-Talent für den Frauenfußball heran. Doch sie und ihr vier Jahre älterer Bruder Denis, wie sie übrigens Fan von Borussia Dortmund, hatten dann wegen wirtschaftlicher Probleme ihrer Eltern - der Vater führte eine Metzgerei - ein weiteres Päckchen zu tragen.

Darauf hat ARD-Moderatorin Okka Gundel in einer Kolumne für die Nordwestzeitung hingewiesen, die einst das Buch "11 Freundinnen müsst ihr sein" verfasste: "Sie kommt, wie man so schön sagt, aus einfachen Verhältnissen. Ihre Eltern mussten in ihrer Jugend zwischenzeitlich Privatinsolvenz anmelden. Gemeinsam mit ihrem älteren Bruder hat Popp damals die Familie ernährt, obwohl sie selbst kaum etwas verdiente. Ihr Haupteinkommen war das Tagegeld bei DFB-Lehrgängen. Diese Phase ihres Lebens war hart und nicht unbedingt kindgerecht. Doch diese Zeit hat Poppi stark gemacht." Die Popp-Familie hielt zusammen und kam mit wenig über die Runden.

Auch beim Übergang in den Frauenbereich ging nicht alles glatt. In Duisburg hatten arrivierte Nationalspielerinnen wie Inka Grings, Annike Krahn oder Linda Bresonik das Sagen. "Ich habe viel Kritik bekommen damals, als ich jung war. Aber daran bin ich gewachsen, auch als Persönlichkeit. Unsere Generation war ja noch eine, auf die richtig draufgehauen wurde", erinnerte sich Popp in der Süddeutschen Zeitung. Parallel zum Fußball absolvierte sie zudem ein Praktikum als Physiotherapeutin, weil sie damals noch keine berufliche Orientierung hatte. Die Ausbildung zur Tierpflegerin folgte erst später.

Popp: "Wenn's dem Team hilft, spiele ich überall"

In den Anfangszeiten kam also viel zusammen: der wirtschaftliche Druck von zuhause, die blauen Flecken mit den Jungs, später der raue Umgangston mit den Frauen. All dies hat sie auf gewisse Weise abgehärtet. In Kombination mit der typischen Malocher-Mentalität aus dem Ruhrgebiet ist Popp deswegen eine authentische Persönlichkeit, was ihr Arbeitsethos angeht. Klaglos sagt sie: "Wenn's dem Team hilft, spiele ich überall."

Gerade für die jüngere Generation gibt sie gerade das Vorbild. "Ich habe langsam keine Worte mehr für Poppi", lobte zuletzt die erst 17-jährige Lena Oberdorf. "Eine überragende Spielerin. Sie kann vorne spielen, sie kann hinten spielen, sie gewinnt jedes Kopfballduell und beißt auf die Zähne, wenn sie einen Schlag abbekommt."

Erstaunlich, dass die Vorzeigekämpferin gerade selbst spürt, dass sie das hohe Level vielleicht nicht ewig halten kann. Weil ihre aufopferungsvolle Spielweise zu kräftezehrend ist. Deshalb wollte sie erst einmal nur die nächsten 15 Länderspiele in Angriff nehmen. "Ich weiß ja nicht, wie mein Körper so mitmacht. Ich gehe jetzt auf die 30 zu." Aber immer noch voran. Als Kämpfernatur.

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