Fussball

Wintersportland Kanada hofft auf "Soccer-Boom"

SID
Kanadas Christine Sinclair (r.) möchte gegen Simone Laudehr am Sonntag eine Überraschung schaffen
© Getty

In Kanada wird Eishockey gespielt - dann kommt lange nichts. Aber der Frauenfußball ist auf dem Vormarsch. Spätestens mit der Heim-WM 2015 soll der Boom einsetzen.

Als das Team Kanada bei den Olympischen Winterspielen in Vancouver Eishockey-Gold gewann, badete das ganze Land in einem rot-weißen Fahnenmeer. Wenn die kanadischen Fußballerinnen am Sonntag gegen Deutschland die WM im Berliner Olympiastadion (17.45 Uhr im LIVE-TICKER) eröffnen, werden nur wenige Unentwegte mit dem Ahornblatt auf der Brust vor dem Fernseher sitzen.

"Wir sind halt ein Wintersportland", sagt Peter Michael Boehm. Der kanadische Botschafter wird seinen Premierminister als offiziellen Repräsentanten auf der Tribüne neben Kanzlerin Angela Merkel vertreten. Regierungschef Stephen Harper, der selbstverständlich nägelkauend die Spiele des Eishockeyteams bei Olympia live im "Canada Hockey Place" verfolgte, hat den (Frauen-)Fußball noch nicht für sich entdeckt.

Fußball bei den Mädchen beliebt

Während in Kanada kaum ein Junge ohne Schlittschuhe aufwächst, ist "Soccer" vor allem bei den Mädchen auf dem Vormarsch - was nicht zuletzt an den Erfolgen der "Big Red" von Nationaltrainerin Carolina Morace liegt. Frauen und Mädchen machen mittlerweile 43 Prozent der kanadischen Kicker aus, fast 380.000 spielen organisiert. "Die Begeisterung ist groß", sagt Botschafter Boehm. An Schulen und Universitäten ist Frauen-Fußball Teamsport Nummer eins.

Das Medieninteresse hält sich jedoch in Grenzen. Beim offiziellen Fototermin interessierte sich nur eine Handvoll kanadischer Journalisten für das Team um Star-Stürmerin Christine Sinclair. Dabei fühlen sich die Kanadier als Sportnation. "Für uns ist jedes große Sportereignis sehr, sehr wichtig", berichtet Boehm.

Beim Thema Soccer hat Kanada trotz der zahlreichen Einwanderer aus Europa Nachholbedarf. Zwar existiert der nationale Fußballverband bereits seit 99 Jahren, die Herren-Auswahl liegt aber nur auf Platz 76 der FIFA-Weltrangliste und nahm erst einmal (1986) an einer Weltmeisterschaft teil.

Kanada gegen die USA ist ein Klassiker

Im gleichen Jahr bestritten die Damen, beachtliche Nummer sechs der Weltrangliste, ihr erstes offizielles Länderspiel gegen die USA (0:1). Das Duell entwickelte sich zu einem Klassiker, in 48 Duellen - nur Dänemark und Schweden spielten weltweit häufiger gegeneinander - gingen zumeist die US-Damen als Siegerinnen vom Platz.

Bei den Olympischen Spielen 2008 in Peking hatte Kanada den zweimaligen Weltmeister am Rande einer Niederlage und verlor erst nach Verlängerung 1:2. Beim letzten Nordamerika-Cup holte der Vierte der WM 2003 sogar den Titel, während die USA bereits im Halbfinale gescheitert waren.

Professionelle Strukturen fehlen

Auf Augenhöhe mit den großen Schwestern aus dem Nachbarland wähnen sich die Kanadierinnen deshalb aber noch lange nicht.

Dafür fehlen schon die Strukturen, nicht einmal eine eigenständige Liga gibt es. Unter dem Dach der "United Soccer Leagues" kicken Senioren- und Jugendmannschaften aus Kanada und den USA. Die gemeinsame W-League als höchste Spielklasse gilt als Sprungbrett in die US-Profiliga WPS.

Die Kanadierinnen sind es gewohnt, im Schatten zu stehen, zu grell strahlen zwischen Halifax und Vancouver die Eishockey-Erfolge. Im Ausland wurden die Spielerinnen auch lange nicht als Bereicherung des Weltfußballs wahrgenommen. Bei der WM 1995 in Schweden wollten gerade einmal 250 Zuschauer das Duell gegen Nigeria sehen - Negativrekord.

Mit Blick auf die Heim-WM in vier Jahren soll nun endlich alles anders werden. Von der weltweiten Präsenz des Eröffnungsspiels in Berlin erhoffen sich die Kanadierinnen den Startschuss zum nationalen Fußball-Boom, damit es spätestens 2015 heißt: "Jungs spielen Eishockey - Mädchen spielen Fußball".

Der Spielplan der Frauen-WM im Überblick

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