"Vielleicht denkt sie ja, die Mauer steht noch"

SID
Freitag, 27.05.2011 | 13:35 Uhr
Nach Potsdams Niederlage im Champions-League-Finale sucht Coach Schröder nach den Schuldigen
© Getty
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Für Turbine Potsdam ist der Traum vom zweiten Champions-League-Titel geplatzt. Trainer Bernd Schröder machte für die 0:2-Niederlage gegen Olympique Lyon auch den DFB verantwortlich.

Es ging gegen Mitternacht und über dem altehrwürdigen Stadion Craven Cottage hingen dunkle Regenwolken, als Bernd Schröder zu seinem ganz persönlichen Donnergrollen ansetzte. Der Trainer von Meister Turbine Potsdam sprach in ruhigem Plauderton, doch seine Worte schlugen ein wie Blitze.

Nicht die verdiente 0:2 (0:1)-Niederlage des Titelverteidigers im Champions-League-Finale gegen Olympique Lyon hatte ihn erzürnt, vielmehr waren es die Umstände, die Schröder dafür verantwortlich machte. Im Mittelpunkt der Attacke des 68-Jährigen standen der DFB und Trainerin Silvia Neid.

Neid hat "keine Ahnung von Psychologie"

Die Vorbereitung seiner fünf Nationalspielerinnen auf das Spiel des Jahres in London sei wegen Neids WM-Lehrgängen "ganz anders" gewesen "als wir sie hätten gebrauchen können. Da fehlt der Respekt." Dass Neid ihren endgültigen Kader erst am Freitagmorgen bekanntgab - sie strich die Potsdamerinnen Anja Mittag und Josephine Henning - stieß ihm ebenfalls sauer auf.

"Keine Ahnung von Psychologie" attestierte er dem Verband und Neid, die sich außerdem rar gemacht habe. "Wie oft war denn Frau Neid bei uns, um die Spielerinnen zu sehen? Vielleicht denkt sie ja, die Mauer steht noch."

Die Verantwortlichen beim DFB hätten "Angst, ein kleines Stäubchen könnte auf ihre WM fallen", ergänzte Schröder, weiter in sachlichem Ton. Und dass seine verbliebenen DFB-Spielerinnen Lira Bajramaj, Babett Peter und Bianca Schmidt mit der Nationalmannschaft "zum Lehrgang nach Hintertupfing" müssen, anstatt sich am Samstag das Männer-Finale anschauen zu dürfen, das empfand er als Gipfel der Ignoranz.

Schröder: "Nicht rumheulen!"

Schröders Zorn traf jedoch auch die eigene, gegen Lyon trotz einer Leistungssteigerung in der zweiten Halbzeit klar unterlegene Mannschaft. Die Spielerinnen sollten "nicht rumheulen", sagte er.

Tränen flossen trotzdem. Auch bei Bajramaj, die nach ihrem letzten Spiel für Potsdam vor ihrem Wechsel zum 1. FFC Frankfurt einsam auf dem Rasen saß und Lyon beim Feiern zusah.

"Ich habe mir das angesehen, und gedacht: Scheiße, da oben hätten wir stehen können", sagte die Offensivspielerin. Sie sei "sehr traurig, weil das mein letzter Abend mit der Mannschaft ist, das tut mir im Herzen weh. Aber man muss sich auch mal trennen können", ergänzte Bajramaj, ehe sie sich frisch gestylt zur Party ins Hard Rock Cafe aufmachte.

Mittag vergab Chance zum Ausgleich

Spätestens dort wurde auch der Zwist mit Schröder, der die Umstände ihres Wechsels krtisiert hatte, beigelegt. Bajramaj und der Coach stießen mit Wein an, und die 23-Jährige versicherte: "Ich verstehe mich mit dem Trainer immer noch gut."

Auch Präsident Günter Baaske schlug in seiner Rede vor rund 150 geladenen Gästen versöhnliche Töne an. "Wir sind ja nicht gestorben, wir sind die zweitbeste Mannschaft Europas", sagte er. Die Tore von Wendie Renard (27.) und Lara Dickenmann (85.) für Lyon hatten Potsdams Schicksal besiegelt.

Während sich die "Torbienen" bei Burgern, Würstchen, Bier, Wein und manch härterem Getränk vergnügten, sah Anja Mittag immer mal nachdenklich aus. Beim Stand von 0:1 hatte sie den möglichen Ausgleich vergeben - doch das machte ihr weniger zu schaffen als die Vorahnung, dass Neid sie aus dem Kader verbannen würde.

Schröder kündigt Verstärkungen an

"Mein Gefühl sagt mir, dass ich nicht dabei bin", sagte sie, und behielt recht. Sie hatte Schröder aber nicht gemeint, als er sagte: "Bei mindestens zwei hat es nicht gereicht. Da muss ich fragen: Was wollt ihr in der Nationalmannschaft?"

Der Meistercoach bastelt derweil bereits an der neuen Saison. "Wir werden gut aufgestellt sein", sagte er und kündigte einen durch Bajramajs Abschied bedingten Systemwechsel an.

Angreiferin Yuki Nagasato, die im Finale verletzt fehlte (Schröder: "Sie hätte den Unterschied machen können") spielt dabei eine tragende Rolle. Außerdem hat er Verträge mit drei Zugängen schon "in Sack und Tüten". Eine weitere, "international auch sehr gute Spielerin", soll kommen.

Die Frauen-WM 2011 in Deutschland

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