Englands Papst des Frauen-Fußballs

Vic Akers: Tipps vom Frauenversteher

Von Carsten Germann
Montag, 23.05.2011 | 22:00 Uhr
Vic Akers im Mai 2009: Standesgemäß verabschiedete er sich mit einem Titel von seinem Trainerjob
© Getty
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Vic Akers ist Zeugwart beim großen FC Arsenal und eine lebende Legende in England. Er machte den Frauen-Fußball auf der Insel salonfähig und gewann mit den Arsenal Ladies, die er selbst gründete, über 30 große Titel ab. Als ehrenamtlicher Trainer. SPOX traf den Alex Ferguson des Frauen-Fußballs in London.

Der Stress mit dem Knie hält noch an. Vic Akers quälte sich am Saisonende der englischen Premier League regelrecht ins Ziel. Das Knie des Zeugwarts des FC Arsenal musste Anfang April in einer komplizierten Operation runderneuert werden.

Schweres Heben ist für den gemütlichen Vic bei seiner täglichen Arbeit mit den Arsenal-Profis derzeit nicht drin.

Zum Glück hat der 64-Jährige seinen Humor nicht verloren. "Arsenal", so sagt er schmunzelnd, "muss sich eben mit dem halben Vic Akers zufriedengeben." Und auch der ist sein Geld wert.

Vic Akers ist Englands erfolgreichster Zeugwart. Auf der Insel gilt der ehemalige Linksverteidiger, der unter anderem für Cambridge United und den FC Watford spielte, als lebende Legende. Bevor er zu Wenger und Co. kam, erfand Akers die "Arsenal Ladies" (Arsenal LFC).

"Er hat den Damenfußball in England erst auf die Sport-Landkarte gebracht", adelt das Online-Fanmagazin "Bleacherreport" den Arsenal-Macher.

Alles aus Liebe

Victor David Akers und seine Arsenal Ladies - alles beginnt im Jahr 1987. Englands Fußball hängt ziemlich in den Seilen. Die Herrenmannschaften sind zwei Jahre nach der Stadionkatastrophe von Brüssel international noch immer zum Zuschauen verdammt.

Beim FC Arsenal spricht derweil Vic Akers bei Klubchef David Dein vor. Seine Idee: Der Aufbau einer Damen-Auswahl. "Zu diesem Zeitpunkt", erinnert sich Akers im Gespräch mit SPOX,"war Frauenfußball eine absolute Unbekannte. Erst nachdem David seine Vorstandskollegen überzeugt hatte, ging es langsam los."

Es wird eine beispiellose Erfolgsstory. Akers macht aus den Kanoniersfrauen das erfolgreichste Damenteam im englischen Fußball. Denn mit Vic Akers verpflichten die Gunners für ihre Ladies einen echten Idealisten. "Der Job war für mich eine ehrenamtliche Sache", erklärt Akers, "ich habe das aus Liebe gemacht, nicht für Geld. Und es war eine sehr lang anhaltende Liebe."

Akers weiter: "Du verbringst nicht einfach so 20 Jahre deines Lebens mit einer ehrenamtlichen Aufgabe. Für mich war es eine persönliche Geschichte und ich habe immer versucht, das vorzuleben."

Ein Frauenversteher. Obwohl Akers bei seinen Mädels stets großen Wert auf Disziplin legt, kommt seine umgängliche, joviale Art bei den Damen an. Sie nennen ihn liebevoll den "Teddybär". Ex-Stürmerin Kelly Smith (32): "Vic ist ein großartiger Mann, vor dem ich allergrößten Respekt habe. Er hat mit den mich schon als Teenager zu Arsenal geholt und mit den Ladies wahre Wunder vollbracht."

Spitzenfußball für 20 Pfund im Jahr

In der Tat: Denn es dauert eine gefühlte Ewigkeit, bis aus den Arsenal Ladies im Jahr 2002 endlich Halbprofis werden. Bis zu diesem Zeitpunkt gehen die Damen beim FC Arsenal verschiedenen Jobs nach, arbeiten u. a. mit den Jungs und Mädchen aus der eigenen Akademie.

Gespielt wird im idyllischen Meadow Park in Borehamwood in der Grafschaft Hertfordshire, 26 Kilometer nördlich von London. Das kleine Stadion fasst 4502 Zuschauer, bei größeren Matches schließt Arsenal den Damen ab 2006 auch mal das Emirates Stadium auf. Trotz der großen Erfolge sind meist nur einige hundert Fans bei den Heimspielen - und das, obwohl eine Jahreskarte gerade mal 20 Pfund kostet.

Um die Ladies bei Laune zu halten, setzt Vic Akers auf eine gesunde Mischung aus Disziplin und Spaß. "Vic", erzählt Akers' berühmteste Spielerin Kelly Smith, die seit 2009 für die Boston Breakers stürmt, dem "Daily Mail" "konnte herzlich sein wie ein Teddybär und dann im nächsten Moment ein knallhartes Fitnesstraining aufziehen."

Smith erinnert sich auch an den hohen Spaßfaktor: "Er erzählt gerne von seiner aktiven Zeit als Spieler, seinen linken Fuß nennt er liebevoll den 'Zauberstab' und wenn er jemanden im Spiel tunnelt, ruft er laut das Wort 'Nuts'" - "Mein Team", so verrät der Meister schmunzelnd, "spielte so diszipliniert wie die deutschen Frauen - und die sind immerhin mehrfache Weltmeisterinnen."

Im Gegensatz zu seinem Freund Arsene Wenger, der bevorzugt Spieler aus französischsprachigen Ländern holt, setzt Akers ganz auf die Muttersprache. Das Team mit seinen "Stars", Torhüterin Emma Byrne und Verteidigerin Faye White, setzt sich ausschließlich aus englischen und irischen Spielerinnen zusammen. Frau spricht Englisch.

In einer eigenen Liga

Beim Blick auf die Titelsammlung der Arsenal Ladies dürften Arsene Wenger und seine Gunners rote Öhrchen bekommen. Unter Vic Akers holen die Arsenal-Frauen bis 2009 insgesamt große 32 Titel - u. a. elf englische Meisterschaften, zehn FA Cup- und Ligapokal-Trophäen sowie einmal den UEFA-Cup der Frauen.

In der Abschiedssaison von Vic Akers gelingt 2008/2009 noch einmal ein Triple-Triumph mit Meistertitel, FA Cup und Ligapokal. Dazu halten die besten Frauen der Insel etliche Rekordserien.

Vom 16. Oktober 2003, einer Niederlage gegen Charlton Athletic, bis zum 29. März 2009 (0:3 zu Hause gegen den ärgsten Rivalen FC Everton) bleiben die Arsenal-Damen in 108 Spielen ungeschlagen - ein Rekord für die Ewigkeit. In dieser Zeit schaffen sie zwischen November 2005 und April 2008 auch eine unglaubliche Serie von 51 Siegen in Folge. Frauenpower made in England.

Und ganz nebenbei: Während die international um Längen bekannteren Herren seit 2005 ohne Titel sind, sicherten sich die "Lady Gooners" bis 2011 mehr als ein Dutzend Pokale.

Wie Fergie und van Gaal

Für den Boulevard sind solche Fakten gut genug, um Akers zum "Sir Alex Ferguson des britischen Damenfußballs" zu erklären. Fergie holte unlängst mit der Meisterschaft in der Premier League mit Manchester United seinen 47. Titel als Trainer.

Akers grinst, wenn er solche Vergleiche hört. "Im gleichen Atemzug mit Sir Alex genannt zu werden, ist ein wunderbares Kompliment für mich", sagt Akers zu SPOX, aber ich gehe sehr demütig mit solchen Vergleichen um, weil das Spiel der Männer mit dem britischen Damenfußball überhaupt nicht verglichen werden kann."

Vic Akers - Dieser Mann verfügt nicht nur über eine Menge Menschenkenntnis und Fußballsachverstand, sondern auch über eine Fülle von Anekdoten. Auch, wenn er diese nur ungern preisgeben will. "So viele eigenartige Dinge haben sich eigentlich gar nicht ereignet", erzählt Vic mit fast aufgesetzter Bescheidenheit, "aber nach einem Erfolg im FA Cup in Nottingham haben mir die älteren Spielerinnen eine Champagnerdusche verpasst und ich bin - wie Bayerntrainer Louis van Gaal - hinter dem Podium für die Siegerehrung in Deckung gegangen. Ich hätte nicht gedacht, dass ich noch so schnell bin."

Ans Herz gehend

Wichtiger als alle Anekdoten ist Akers aber etwas anderes: "Wir haben als Team sehr großen Respekt erfahren. Die Leistung der Mädels als Gruppe spricht Bände und ihr Charakter war einfach fantastisch."

Auch und gerade in der Triple-Saison 2006/2007 mit englischer Meisterschaft, FA Cup und dem UEFA-Pokal. Für Akers sind die beiden Finals (1:0, 0:0) gegen die Vollprofis von Umea IK aus Schweden "die härtesten Spiele in den gesamten Jahren": "Das Hinspiel gewannen wir in Schweden mit 1:0 und mauerten uns zu Hause mit einem torlosen Remis regelrecht zum Titel. Dabei haben die Ladies von Umea mehrfach Pfosten und Querlatte getroffen - das ging wirklich ans Herz."

Doch es ist nicht der Stress an den Spieltagen, der Vic Akers im Jahr 2009 zum Rücktritt bringt: "Meine Eltern waren beide sehr krank. Sie starben innerhalb von einem Monat und für mich war das der richtige Zeitpunkt, um aufzuhören."

Geheimes aus der Arsenal-Kabine?

Doch Akers ist bei den Arsenal Ladies nicht aus der Welt. Als General Manager ist er seinen Frauen weiterhin treu, das Tagesgeschäft als Trainerin hat Laura Harvey übernommen. Jetzt, wo er nicht mehr an der Seitenlinie steht, wartet eine weitaus schwerere Aufgabe auf ihn.

Die Gefahr kommt aus den Vereinigten Staaten. Die US-Profiliga der Frauen warb Arsenal zuletzt Top-Spielerinnen wie Kelly Smith oder Karen Carney ab. "Wir werden noch eine Menge Meetings und gute Ideen brauchen, um diesen Trend zu stoppen", seufzt Victor, "denn diese Liga ist eine echte Gefahr für unser Erfolgsteam."

Akers arbeitet seit 2009 zudem auch für die Herrenmannschaft von Arsene Wenger. Als Zeugwart (Kit Manager) kennt er alle Details aus der Gunners-Kabine. "Dieses Team", sagt Akers, "ist einzigartig und ich kann versichern, dass nur ganz wenige abergläubisch sind."

Mehr will er nicht verraten. Schade irgendwie.

Können Englands Damen Elfmeter?

Ob er im Juni zur Frauen-WM nach Deutschland kommt, will Akers bis zum Schluss offen lassen. Richtig, der Boss hat 's ja bekanntlich mit dem Knie. Zudem wird er mit den Arsenal-Herren unterwegs sein.

"Wenn ich Zeit hätte, um die englischen Spiele zu sehen, wäre das großartig", so Akers, "aber ich bin nicht wirklich sicher, ob unsere Frauen eine gute Weltmeisterschaft spielen werden. Sie hatten im Vorfeld zu viele Verletzungen."

Einen guten Tipp hat Akers für Englands Fußball-Damen auf dem Weg nach Deutschland dann doch noch parat: "Wenn es zu einem Elfmeterschießen kommen sollte, dürfen nur die Spielerinnen antreten, die wirklich Selbstvertrauen haben. Wenn man sich nicht sicher ist, soll man keinen Elfmeter schießen. Unsere Elfmeterschwäche ist unglaublich und einige Spieler haben sich nie von ihren Fehlschüssen erholt. Hoffentlich bleibt das wenigstens unseren Frauen erspart."

Die Fußball-WM der Frauen

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