"Hoffentlich bleibt das Handy diesmal stumm"

Von Interview: Stefan Moser
Donnerstag, 26.05.2011 | 12:52 Uhr
Lena Goeßling hofft auf eine Nominierung für die WM 2011
© Getty
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Olympia 2008 und die EM 2009 hat Lena Goeßling im letzten Moment verpasst, nun soll es bei der WM 2011 in Deutschland endlich klappen. Wichig ist daher: Bloß kein Anruf von der Bundestrainerin vor der Kaderverkündung am Freitag. Außerdem spricht die 25-Jährige im Interview über Flachpässe im Spielaufbau, Nervosität und Mats Hummels.

SPOX: Lena Goeßling, Sie haben nun schon zweimal ein Turnier verpasst, obwohl Sie relativ nah dran waren. Am Freitag wird der endgültige Kader für die WM 2011 bekanntgegeben, fünf Spielerinnen werden noch gestrichen. Wie groß ist Ihre Hoffnung, dass Sie diesmal endlich dabei sind?

Lena Goeßling: Ob ich dabei bin, weiß ich erst, wenn der Freitagvormittag endlich vorbei ist. Dann werden die Spielerinnen angerufen, die nicht mit zur WM dürfen. Wenn dann mein Telefon hoffentlich stumm bleibt - erst dann kann ich mir 100-prozentig sicher sein. Vorher bin ich immer noch ein bisschen abwartend: Lieber etwas vorsichtiger sein - nicht dass dann doch noch die Riesenenttäuschung kommt und mein Handy plötzlich klingelt.

SPOX: Wie war das, als Sie 2009 noch kurz vor Schluss aus dem EM-Kader gestrichen wurden?

Goeßling: Als mir damals mitgeteilt wurde, dass ich nicht dabei bin, war das natürlich ein heftiger Schlag. Ich habe aber ziemlich schnell wieder angefangen, sehr hart an mir zu arbeiten, damit für die WM 2011 hoffentlich reicht. Dafür habe ich viele zusätzliche Schichten eingelegt, habe mit meinem Vereinstrainer gearbeitet und bin immer wieder auch nach Köln zu Norbert Stein, dem Konditionstrainer der Frauen-Nationalmannschaft, gefahren, um mich vor allem im athletischen Bereich zu verbessern. Die WM in Deutschland war dabei die ganze Zeit mein Ziel. Und jetzt kann ich nur hoffen, dass es auch wirklich klappt.

SPOX: Das Spiel gegen Nordkorea am Samstag war das letzte Schaulaufen unter Wettkampfbedingungen. Waren Sie mit der Leistung zufrieden?

Goeßling: Zum Glück habe ich nach der Einwechslung direkt ins Spiel gefunden, die Zweikämpfe angenommen und gleich den ersten auch gewonnen, was für mich immer relativ wichtig ist. Und so ist es dann auch gut gelaufen, wir haben wenig zugelassen, und ich bin im Großen und Ganzen sehr zufrieden.

SPOX: Nordkorea wurde gezielt als Gegner ausgewählt, um sich speziell auf die Gruppenphase vorzubereiten. Der 2:0-Sieg war relativ souverän, aber auch schwer erarbeitet. Wie schätzen Sie die aktuelle Nummer acht der Weltrangliste nach dem Spiel nun ein?

Goeßling: Die Nordkoreanerinnen sollte unseren Gruppengegner Frankreich simulieren, weil sie in Sachen Technik, Schnelligkeit und Spielsystem vergleichbar sind. Und man hat schon gesehen, dass Nordkorea bei der WM sicher ein Wörtchen mitreden will. Denen haben am Samstag ja nun auch noch einige Spielerinnen gefehlt. Allerdings wissen auch wir, dass wir noch nicht da sind, wo wir zum Turnierstart sein wollen. Wir haben bislang schwerpunktmäßig Athletik und Defensivverhalten trainiert. Insofern sind wir ganz zufrieden mit dem Spiel. Es war ein guter Test, das Ergebnis hat gestimmt - wir wissen aber auch, woran wir noch arbeiten müssen.

SPOX: Die Defensive stand auch gut - abgesehen von einigen Standards. In der Luft scheint die deutsche Mannschaft noch verwundbar.

Goeßling: Ich denke auch, dass wir uns bei Standards noch steigern können. Aber wir haben ja noch einige Lehrgänge, um das auch noch in den Griff zu bekommen. Auch ich muss zugeben, dass das Kopfballspiel sicher nicht zu meinen größten Stärken zählt - auch wenn ich mit meinem Vereinstrainer zuletzt viel daran gearbeitet habe.

SPOX: Dafür spielen Sie taktisch sehr reif und sorgen auch im Spielaufbau immer wieder für Tempo und Initiative...

Goeßling: Die Bundestrainerin wollte, dass wir im Spielaufbau nicht nur mit hohen Bällen agieren, sondern flach in die Spitze spielen. Und das kommt meiner Spielweise sicher entgegen. Ich komme ja ursprünglich eher aus dem Mittefeld und bemühe mich wahrscheinlich schon deshalb automatisch um Tempo und gute Spieleröffnung. Ich glaube, meine größten Stärken liegen wohl auch im taktischen Bereich und in der Spielübersicht.

SPOX: Von welchen Ihrer männlichen Kollegen können Sie sich dabei noch am meisten abgucken?

Goeßling: Ich sehe gerne Mats Hummels, weil auch er sehr clever spielt und viel für den Spielaufbau tut. Den finde ich richtig gut. Außerdem bin ich Fan von Borussia Dortmund - und hatte damit auch vor dem Fernseher eine gute Saison!

SPOX: Gegen Nordkorea waren knapp 9000 Zuschauer auf der Tribüne: eine Kulisse, die Sie aus der Bundesliga nicht gewohnt sind. Bedeutet das eher Druck oder zusätzliche Motivation?

Goeßling: Tatsächlich ist das komplett anders als in der Bundesliga. Aber wenn so viele Leute hinter dir stehen und dich anfeuern, macht das natürlich gleich nochmal viel mehr Spaß. Wir haben auch in der Mannschaft schon darüber gesprochen, was erst los sein wird, wenn in Berlin dann 70.000 im Stadion sind. Für mich ist das jetzt schon ein absolutes Gänsehautgefühl.

SPOX: Macht Sie das nicht auch nervös? Oder sind Sie grundsätzlich nicht aufgeregt?

Goeßling: Oh doch! Ich bin vor allem vor den Spielen oft sehr nervös. Aber sobald der Ball rollt, ist man im Spiel drin. Und dann verschwindet auch die Aufregung.

SPOX: Eine weitere Begleiterscheinung ist derzeit auch das gesteigerte Interesse der Öffentlichkeit und der Medien. Stehen Sie gerne im Mittelpunkt oder ist die Pressearbeit eher ein "notwendiges Übel"?

Goeßling: Auf meiner ersten Pressekonferenz im Trainingslager war ich noch ein wenig unsicher, vor so vielen Leuten und Kameras zu sprechen. Aber grundsätzlich habe ich damit überhaupt kein Problem.

SPOX: Der DFB ist mittlerweile auch eine Marke, die sehr viel Wert auf die Außendarstellung legt. Wurden Sie von den Verantwortlichen speziell auf diese Aufgabe vorbereitet?

Goeßling: Wir bekommen schon immer wieder Einblicke, was im Sommer rund um das Turnier alles passieren wird. Und wir sind uns auch darüber im Klaren, dass wir dann deutlich mehr im Mittelpunkt stehen als sonst. Immerhin ist die Frauen-WM das große Sportevent dieses Sommers.

SPOX: Gab es noch kein gezieltes Medientraining? Immerhin will der DFB ja immer auch bestimmte Werte und Markenpotentiale verkörpern.

Goeßling: Darüber habe ich mir bislang noch gar keine Gedanken gemacht. Wir lassen das auf uns zukommen und versuchen, durch unsere Natürlichkeit zu überzeugen. Es wird vom DFB in einem der nächsten Lehrgänge noch ein Medientraining angeboten, allerdings findet das auf freiwilliger Basis statt. Aber ich habe bisher noch kein Interviewtraining gemacht. Ich bin ohnehin eher ein spontaner Typ, also machen wir das bislang einfach so: locker, flockig, aus dem Bauch heraus.

SPOX: Sie haben neben dem Fußball eine Ausbildung zur Einzelhandelskauffrau abgeschlossen. Auch eine Bauchentscheidung?

Goeßling: Naja, das war jetzt nicht unbedingt als mein Berufsziel gedacht. Ich war einfach froh, eine Ausbildungsstelle gefunden zu haben, die sich auch mit meinem Sport vereinen lässt. Hätte ich nicht so viel Fußball im Kopf gehabt, wäre vielleicht auch meine schulische Laufbahn etwas anders verlaufen (lacht). Deshalb habe ich die Lehre vor allem gemacht. Ich weiß auch noch nicht, was später passieren wird. Ich plane zunächst mal nur bis zu WM. Danach sehen wir weiter.

SPOX: Nach der Ausbildung sind Sie zur Sportfördergruppe der Bundeswehr gegangen. Wie sind dort die Trainingsbedingungen?

Goeßling: Ich lebe und trainiere zwei Mal täglich in meinem Wohnort, dort bekomme ich die Trainingspläne zugeschickt. In verschiedenen Abständen gibt es dann Lehrgänge von der Bundeswehr, allerdings auch fußballspezifisch. Dann kommen die Nationalspielerinnen zusammen, und wir trainieren für einige Tage.

SPOX: Aber Sie mussten auch die Grundausbildung durchlaufen?

Goeßling: (lacht) Oh ja! Mit allem Drum und Dran: Rucksackmärsche, durch den Schlamm robben und bei Eiseskälte draußen übernachten, das volle Programm. Das war auf alle Fälle ein Erlebnis. Aber dafür habe ich jetzt optimale Bedingungen, besser kann man es eigentlich nicht haben.

Lena Goeßling im Steckbrief

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