Fussball

"So ein Tor macht man nicht alle Tage"

Von Interview: Tim Frische
Bettina Wiegmann schoss im EM-Halbfinale 1997 den entscheidenden Treffer gegen Schweden
© Imago

Im Sommer wird in Deutschland die sechste Weltmeisterschaft der Frauen ausgetragen. Schon zweimal gewann die Auswahl des DFB den Titel, einmal wurde Deutschland Vize-Weltmeister. In der SPOX-Serie "Damals in..." blicken Nationalspielerinnen auf frühere Welt- und Europameisterschaften zurück. Diesmal: Bettina Wiegmann und die EM 1997. Der vielleicht wichtigste Treffer ihrer Karriere inklusive.

SPOX: Mit gerade einmal sechs Jahren sind Sie erstmals in einen Fußballverein eingetreten. Das war im Jahre 1978. Wie kamen Sie zum Fußball?

Bettina Wiegmann: Ich habe früher mit den Jungs auf dem Dorfplatz Fußball gespielt. Mich haben nicht die Puppen, sondern der Ball interessiert. Irgendwann hat mein Onkel dann gesagt: Dann können wir dich auch im Verein anmelden. Und so habe ich bei den Jungs des TSV Feytal mitgespielt.

SPOX: Eines Ihrer vielen Karriere-Highlights war der Gewinn des EM-Titels 1997. Im Halbfinale traf die DFB-Elf auf Schweden: In der 84. Minute sollte Ihr großer Auftritt kommen: Sie erzielten den 1:0-Siegtreffer. Können Sie die Entstehung dieses Tores noch einmal beschreiben?

Wiegmann: Das weiß ich noch ganz genau. Monika Meyer spielte mir den Ball am Sechzehner zurück und ich schlenzte den dann über die Spielerin, die noch im Tor stand, in die lange Ecke. Das war das Tor, das uns ins Finale gebracht hat. Das ist so ein Treffer, den erzielt man nicht alle Tage und daher kann man sich auch noch besonders gut dran erinnern.

SPOX: Wo würden Sie diesen Treffer in Ihrer Karriere einordnen?

Wiegmann: Es war sicher einer der Wichtigsten!

SPOX: Ihre einmalige Länderspiel-Karriere nahm am 1. Oktober 1989 beim 0:0 gegen Ungarn ihren Anfang. Welche Erinnerungen haben Sie daran?

Wiegmann: Es war einfach ein traumhaftes Gefühl, bei einem Länderspiel mal auf dem Platz zu stehen. Das kam auch etwas zufällig zustande: Heidi Mohr ist damals ausgefallen und so bin ich in die Mannschaft gerückt. Zu dem Zeitpunkt, ich war gerade einmal 17 Jahre alt, war es schon unerwartet, aber natürlich ein schönes Gefühl. Zum ersten Mal die Nationalhymne hören und zum ersten Mal von Anfang an auf dem Platz stehen - das ist das, wovon ich immer nur geträumt hatte.

SPOX: 1991 haben Sie mit der Nationalmannschaft Ihren ersten EM-Titel geholt. Ist der Gewinn eines Titels mit der Nationalmannschaft höher einzuordnen als mit einer Vereinsmannschaft?

Wiegmann: Auf jeden Fall. International ist der Fußball ein ganz anderer. Diese Erfolge sind das I-Tüpfelchen.

SPOX: So wie der WM-Titel 2003?

Wiegmann: Absolut. Etwas Größeres gibt es im Fußball nicht zu gewinnen.

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SPOX: Sie sind zum Abschluss Ihrer Karriere zu den Boston Breakers in die USA gewechselt. Wie war's?

Wiegmann: Das war eine sehr positive Erfahrung. Nicht nur aufgrund der Tatsache, dass es dort anders als hier eine Profiliga gibt. Es war einmalig, den ganzen Tag nur Fußball zu spielen und nicht nebenbei noch arbeiten zu müssen. Und man lernt natürlich noch viel dazu. Eine neue Kultur, eine neue Stadt und man bildet sich als Mensch weiter.

SPOX: Maren Meinert hat im SPOX-Interview gesagt, dass Sie sie in die USA mitgeschleppt hätten und sie nur ein Mitbringsel gewesen sei.

Wiegmann: Am Anfang war es so, dass Boston zunächst nur mich haben wollte. Wir haben dann aber ganz deutlich gesagt, dass wir nur zusammen gehen wollen. Ich weiß nicht, warum sie Maren nicht direkt haben wollten. Dass sie sie dann auch genommen haben, haben sie bestimmt nicht bereut (lacht).

SPOX: 2004 wurden Sie als bislang einzige Ehrenspielführerin des DFB ausgezeichnet. Wie haben Sie damals reagiert?

Wiegmann: Erst war ich sehr überrascht, weil es bis dato nur für Herren vorgesehen war, die allesamt große Persönlichkeiten sind. Für mich war es eine große Auszeichnung und für den Frauenfußball allgemein eine hohe Anerkennung. Es ist eine Ehre zu diesem Kreis zu gehören.

SPOX: Sie sind aktuell Co-Trainerin der U 20 und der U 19 und Bundestrainerin der U 15. Sie kennen sich daher im deutschen Nachwuchs besonders gut aus. Haben die erfolgreichen Turniere der deutschen Damen in der Vergangenheit auch den erhofften Boom im Mädchenfußball gebracht?

Wiegmann: Nach 2003 ist es sehr nach oben gegangen. Jetzt muss man mal gucken, was die WM im eigenen Land diesbezüglich bringen wird. Was einfach da ist, ist die Akzeptanz für den Mädchen- und Frauenfußball. Es ist mittlerweile selbstverständlich, dass Mädchen in der Jugend bei Jungenmannschaften mitspielen. Das war früher einfach nicht so.

SPOX: Was kann man gerade von den jungen deutschen Spielerinnen bei der WM erwarten?

Wiegmann: Man muss sich immer bewusst sein: Von der U 19 zu den Frauen ist es ein Riesenschritt. Die jungen Spielerinnen, wie beispielsweise Alexandra Popp, haben eine starke U20-WM gespielt, aber bei den Frauen, dass ist eine ganz andere Hausnummer. Technik, Taktik und Athletik spielen sich dort in einem viel höheren Bereich ab. Einige unserer U-20-Spielerinnen haben den Sprung in den erweiterten Kader geschafft. Inwieweit sie jetzt schon bei der ersten WM, bei der sie dabei sind, eine entscheidende Rolle spielen können, muss man abwarten.

SPOX: Wie ist der Austausch zwischen U-20-Trainerin Maren Meinert, Bundestrainerin Silvia Neid und Ihnen?

Wiegmann: Es findet regelmäßige Austauschgespräche statt. Wir arbeiten im gesamten Trainerteam sehr eng zusammen und ziehen an einem Strang.

SPOX: Welche Aufgabe haben Sie bei der WM?

Wiegmann: Ich werde mit der Mannschaft reisen und zum Trainerteam gehören.

SPOX: Die deutschen Spielerinnen erhalten in diesem Jahr eine Rekord-Prämie von 60.000 Euro, sollten sie den WM-Titel verteidigen. Bedauern Sie es nicht manchmal, nicht zehn bis 15 Jahre später Nationalspielerin geworden zu sein?

Wiegmann: Klar ist der finanzielle Unterschied zu damals deutlich anders, aber vielmehr bedauere ich, dass ich nicht eine WM im eigenen Land spielen konnte. Das erlebt man höchstens einmal im Leben. Ansonsten bleibt auch im Frauenfußball die Zeit nicht stehen. Wir kämpften um die Anerkennung des Frauenfußballs. Jetzt gönne ich den Mädels den finanziellen Gewinn und hoffe, dass sie die Prämie auch einstreichen werden. Ich hatte eine schöne Zeit im Fußball und habe viel erlebt. Letztlich ist es nicht nur das Geld, warum man spielt, sondern es ist einfach dieses Hobby, das einen fasziniert und Spaß macht.

SPOX: Deutschland geht auf heimischem Boden als Titelverteidiger in die WM. Ist die DFB-Elf auch in diesem Jahr der Top-Favorit auf den Titel?

Wiegmann: Ja, das ist einfach so. Wir sind amtierender Welt- und Europameister und damit einer der Top-Favoriten. Wir haben enormes Potenzial, um eine erfolgreiche WM zu spielen, aber wir wissen auch, dass die Leistungsdichte immer enger wird. Aber ich glaube, dass wir den Faktor "Heim-WM " als großen Vorteil nutzen werden.

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