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Klopps Liverpool wirft BVB raus

Die (N)Macht von Anfield

Freitag, 15.04.2016 | 10:00 Uhr
Jürgen Klopp konnte mit dem FC Liverpool Borussia Dortmund aus dem Wettbewerb werfen
© getty
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Am unglaublichen 4:3-Sieg des FC Liverpool gegen Borussia Dortmund hat das Publikum an der Anfield Road einen erheblichen Anteil und beweist, wie sehr es zur DNA des Klubs gehört. Dieser Wirkung war sich auch Reds-Trainer Jürgen Klopp bewusst.

Die Szene hatte Symbolcharakter, auch wenn man an diesem Abend in Anfield gar nicht wusste, wo man genau hinschauen sollte. Es stand 3:3 zwischen dem FC Liverpool und Borussia Dortmund, die Reds waren gerade drauf und dran, ein kleines Wunder zu schaffen.

Jürgen Klopp, der wie gewohnt hoch emotional am Seitenrand mitging, drehte sich zur Haupttribüne um und peitschte das Publikum mit schwingenden Fäusten an. Als er sich wieder dem Spielfeld zuwandte, rannte er BVB-Trainer Thomas Tuchel über den Haufen. Der wollte gerade seinem Einwechselspieler Ilkay Gündogan noch ein paar Worte mit auf den Weg geben, stolperte dann aber über Klopps Füße - ohne allerdings hinzufallen.

Am Ende hat Klopp seinem Nachfolger in Dortmund tatsächlich ein Bein gestellt, die Reds gewannen in der Nachspielzeit noch mit 4:3 und stehen nun im Halbfinale der Europa League.

Die Coachingzone in Liverpool, in der dieser "Zwischenfall" stattfand, ist überaus winzig. Die Belegschaften beider Teams hocken dicht nebeneinander. Das ist zugleich sinnbildlich für dieses gesamte Stadion, das seit September 1884 am selben Ort steht. Die Atmosphäre ist enorm dicht, die Zuschauer sitzen nah am Spielfeld, die Tribünendächer begünstigen eine sensationelle Akustik und Lautstärke.

Totenstille vor Anpfiff

Wie laut jedoch leise sein kann, bewiesen die 45.000 Anwesenden kurz vor Anpfiff der Partie. Im Gedenken an die 96 Todesopfer der Tragödie von Hillsborough, die sich an diesem Freitag zum 27. Mal jährt, wurde eine Schweigeminute abgehalten, die schlicht beeindruckend war.

Totenstille herrschte im weiten Rund, man hätte die sprichwörtliche Stecknadel tatsächlich fallen gehört. Das Stadion war zuvor (zu den Klängen von Johnny Cash und natürlich der Beatles) und anschließend wieder extrem lärmend, auch wenn gerade der Dortmunder Doppelschlag zu Beginn der Partie etwas die Luft aus der Angelegenheit zu nehmen schien.

Klopp hatte am Mittwoch auf der Pressekonferenz am Trainingszentrum Melwood noch betont, dass ihm das erzielte Auswärtstor beim 1:1 im Hinspiel gar nicht interessieren würde. "Das Publikum ist wichtiger", meinte er.

Klopp, der raum- oder besser stadionfüllende Menschenfänger, sollte Recht behalten. Die Liverpooler Fans haben am unglaublichen 4:3-Sieg ihrer Mannschaft einen erheblichen Anteil und bewiesen, wie sehr sie zur DNA des Klubs gehören.

Anfield Road gefürchtet

Das gilt vollkommen unabhängig von Trainern oder Spielern, die bei den Reds in all den Jahren unter Vertrag standen und noch stehen werden. Die Anfield Road war schon immer gefürchtet und berüchtigt zugleich.

90 Minuten im Bernabeu sind sehr lang, heißt es von der Spielstätte Real Madrids. Angesichts der imponierenden Wucht müsste man für Liverpool behaupten: 90 Minuten in Anfield sind sehr laut.

An diesem Donnerstagabend, das lässt sich nicht leugnen, erzeugten Klopps Mannschaft und das Publikum eine Wechselwirkung, die Minute für Minute gemeinschaftlich den BVB in die Knie zwang.

Es war für die Reds bereits das 53. Pflichtspiel dieser Saison, Dortmund hat fünf Partien weniger absolviert. Doch es wurde zu einer Vollgasveranstaltung im Kloppschen Sinne.

Origi als Schlüssel

Divock Origi, der das 1:2 schoss und damit letztlich die Aufholjagd einleitete, verriet nach dem Spiel, dass Klopp während der Halbzeitpause lächelte. Er habe seinen Spieler gesagt: Wir können nun einen Moment kreieren, von dem wir noch unseren Enkelkindern erzählen.

"Es war schwer, den Kopf oben zu halten, aber wir hatten einen Schwur. Wir wollten Charakter zeigen und das haben die Jungs mehr als getan", sagte Klopp nach Spielschluss.

Der angesprochene Moment trat schließlich ein, als Dejan Lovren in der Nachspielzeit zum 4:3 einköpfte und das Stadion Kopf stehen ließ. Selbst körperlich eingeschränkte Zuschauer riss es nach diesem Tor aus ihren Rollstühlen.

Nur Klopp nicht. Als Lovren traf, war es Torwarttrainer John Achterberg, der mit seinem Clipboard in der Hand Richtung Eckfahne sprintete und sich in die Jubeltraube stürzte. Klopp drehte sich lediglich zu seiner Bank um und stand regungslos da, der sonstige Gefühlsvulkan streikte.

Klopp beweist Größe

Als Beobachter dieser Szene konnte man den Eindruck gewinnen, dass bei Klopp im Glauben des nun sicheren Sieges auch der Respekt gegenüber seinem ehemaligen Verein mitschwang und er deshalb darauf verzichtete, unmittelbar vor des Gegners Augen ein wildes Tänzchen abzuhalten.

Klopp bewies auch anschließend Größe, als er vor den Gästeblock trat und auf seinen Kopf und sein Herz deutete. Die Dortmunder Anhänger spendeten ihm in einem der bittersten Momente der letzten Jahre dafür Applaus.

"So etwas passiert selten, aber wenn, ist es umso unglaublicher. Für jeden, der hier war. Ich habe etwa 500 Spiele als Trainer erlebt, aber es gab vielleicht fünf Spiele dieser Art. Anfield ist ein Ort für große Fußball-Momente. Wir kennen unsere Verantwortung, hier ein paar weitere schöne Geschichten zu schreiben. Heute war eine davon", so Klopp.

Es bleibt dabei: Noch nie ist eine deutsche Mannschaft gegen die Macht der Anfield Road angekommen und hat dort ein Spiel gewonnen. Noch nachts um 4 Uhr morgens hallten "Jürgen Klopp"-Sprechchöre durch die Liverpooler Innenstadt.

Alles zur Partie zwischen Dortmund und Liverpool

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