Fussball

UEFA wegen Europa-League-Finale 2019 in der Kritik: No Road to Baku!

Henrikh Mkhitaryan wird nicht am Europa-League-Finale teilnehmen.

Zum ersten Mal in der Geschichte des Europapokals kommt es zu einem London-Derby im Finale: Chelsea gegen Arsenal (Mi., 21 Uhr live auf DAZN). Scheinbar ein Kassenschlager. Doch das Finalstadion in Baku wird nicht voll - nicht einmal alle Spieler können anreisen. Die Road to Baku ist für viele ein Alptraum - mittlerweile auch für die UEFA.

Wenn Jakes Freundin Holly sagt, er und sein Kumpel Kevin seien komplett bescheuert, dann liegt Holly genau richtig.

Jake (27) und Kevin (59) starteten am vergangenen Dienstag ihre Reise nach Baku - zum Europa-League-Finale, in dem ihre Blues spielen. Sieben Tage, vier Flüge und eine 27-Stunden-Zugfahrt später kamen sie in Baku an. Ein Höllentrip nur für ein Fußballspiel. Holly hat Recht.

Doch ohne eben diese komplett bescheuerten Fans verkäme das Endspiel in Baku wohl - überspitzt gesagt - zum Geisterspiel. Die Zuschauerränge wären nicht leer, nur leer von Emotionen.

"Noch nie war ein Spiel für mich so schwer zu erreichen", sagt Jake der Daily Mail. Er und Kevin sahen sich gezwungen, auf diese Weise nach Baku zu reisen. Ein simpler Flug wäre zu teuer gewesen. Rund 1000 Euro hätten die offiziellen Optionen gekostet.

Arsenal und Chelsea geben Tickets zurück

Je 6000 Tickets stehen Chelsea und Arsenal für deren Fans zu. Das sind rund 17 Prozent des Gesamtkontingents. Zum Vergleich: Liverpool und Tottenham können beim Champions-League-Finale in Madrid 53 Prozent des Kontingents in Anspruch nehmen. In Baku ist das aber nicht möglich. Der unsägliche Grund: Mehr anreisende Fans würden die Kapazitäten des Flughafens in Baku sprengen.

"Arsenal hat 2300 Tickets zurückgeschickt, Chelsea 4000. Auch einige Sponsorentickets gingen zurück an die UEFA. Ich kann das absolut nachvollziehen. Du willst als Fan liebend gern deinen Verein unterstützen, so ein Finale ist etwas ganz Besonderes. Aber der Aufwand dieser Reise steht in keiner Relation", sagt Ralph Gunesch im Gespräch mit SPOX und Goal.

Henrikh Mkhitaryan sagt aus politischen Gründen Teilnahme ab

Der Premier-League-Experte ist am Mittwoch für DAZN im Olympiastadion in Baku. Nicht sehen wird er dort Henrikh Mkhitaryan. Der ehemalige Dortmunder hat sich dazu entschieden, in London zu bleiben - so wie er es schon im Oktober tat, als die Gunners in der Gruppenphase gegen Qarabag in Baku spielten.

Seine Absage ist eine Vorsichtsmaßnahme. Mkhitaryans Heimatland Armenien und Aserbaidschan sind verfeindet. Die Grenzen der Nachbarstaaten sind seit Jahren geschlossen, ein 100 Jahre andauernder Konflikt um die dazwischenliegende Region Bergkarabach im Kaukasus ist die Ursache. Die aserbaidschanische Regierung sicherte Arsenal und Mkhitaryan eine sichere Einreise zu. Doch für den Arsenal-Star ist das Risiko zu hoch.

"Das ist ein No-Go. Selbst wenn es 'nur' ein Physiotherapeut gewesen wäre, würde ich das genauso schlimm finden. Nur ist jetzt bei einem Spieler die mediale Aufmerksamkeit größer. Ich möchte nicht so weit gehen und die politische Situation zwischen Aserbaidschan und Armenien bewerten. Aber ein Spieler kann aufgrund seiner Nationalität nicht mitspielen. Das ist schwerwiegend. Er ist nicht vorbestraft oder sonst was, er ist nur in einem anderen Land geboren", sagt Gunesch.

Arsenal ist "bitter enttäuscht", Bernd Leno spricht von einem "Skandal", die Fans gehen auf die Barrikaden - und das völlig zurecht. Die UEFA berief sich lediglich auf ihren "umfassenden Sicherheitsplan", den man den Gunners an die Hand gereicht hätte.

Die Kritik für die Final-Vergabe an Baku wächst der UEFA über den Kopf. Die Arsenal-Stars wollen sich solidarisch zeigen, etwa in Form von Aufwärmtrikots mit Mkhitaryans Namen auf dem Rücken. Doch dazu braucht es die Freigabe der UEFA, die die Idee im Keim erstickte. Die Road to Baku wird für den Verband zum Alptraum.

Ralph Gunesch: Kriterien lassen sich mit Geld kaufen

Bisher verteidigte die UEFA den Zuschlag für Baku, was ihr gutes Recht ist. Die Vergabe verlief ordnungsgemäß und transparent. Die UEFA legte die zehn Kriterien für den Austragungsort des Endspiels offen:

  1. Vision, Konzept und Vermächtnis
  2. Gesellschaftliche Verantwortung und Nachhaltigkeit
  3. Rechtsfragen
  4. Sicherheit und Service
  5. Stadion
  6. Mobilität
  7. Unterkünfte und Trainingsanlagen
  8. Stadt-Aktivitäten und Veranstaltungsbewerbung
  9. kommerzielle Angelegenheiten
  10. Organisatorisches und Finanzielles

Damit sei gesichert, "dass die Veranstaltung erfolgreich ausgerichtet werden kann", heißt es im entsprechenden Bericht der UEFA.

Die Menschenrechtslage und die politische Situation im Bewerberland spielen offensichtlich keine Rolle. "Da sind Dinge entscheidend, die sich fast alle ausnahmslos mit Geld kaufen lassen", sagt Gunesch.

EL-Finale in Baku: TV-Sender haben noch keinen Strom

Die Transparenz der UEFA ist fadenscheinig. So bewertete das Exekutivkomitee etwa den Flughafen in Sevilla als "ungenügend", den in Baku aber als "ausreichend". Die Begrenzung auf 6000 Tickets pro Mannschaft beruht auf der exakt gegenteiligen Einschätzung.

Abgesehen vom Mkhitaryan-Skandal und den Reise-Strapazen hat Baku Probleme mit vermeintlichen Nichtigkeiten. "Keiner der übertragenden Sender hat aktuell einen Stromanschluss. Wir haben gerade den Anruf bekommen. Die Übertragungswägen haben aktuell keinen Strom - und das 48 Stunden vor dem Spiel", erzählt Gunesch kurz vor seinem Abflug.

"Kriterien wie die Infrastruktur sind wichtig. Aber wenn nicht einmal das passt, ist das zwar schade für den Austragungsort, aber dann ist es nicht der richtige Austragungsort", meint Gunesch. Das reduziere zwar den Kandidatenkreis enorm, "aber du ermöglichst den Fans wenigstens, dieses Spiel live zu erleben. Gerade die UEFA proklamiert ja, dass es ein Spiel für die Fans ist. Das ist mit solchen Entscheidungen etwas konterkariert".

Aus dem Spiel für die Fans wird ein Spiel für die komplett bescheuerte Hardcore-Fans - solche wie Jake und Kevin es sind.

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