Schalke: Der Aufstieg des Lewis Holtby

Holtby: Die Mentalität eines Busfahrers

Von Haruka Gruber / Jörn Duddeck
Donnerstag, 03.11.2011 | 11:21 Uhr
Lewis Holtby (r.) hat sich auch als Zweikämpfer stark verbessert
© Imago
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Er träumt davon, Schalkes Spielmacher der Zukunft zu werden. Nur: Seine Position wird von Ikone Raul geblockt, dessen Verbleib immer wahrscheinlicher wird. Daher weicht Lewis Holtby auf die Sechs - und entwickelt sich von der Aushilfs- zu einer Toplösung.

Für einen Moment wusste Lewis Holtby nicht, ob er sich verhört hatte. Vielleicht war er nur überrascht von der frohen Kunde. Oder davon, dass er nebenbei von Zeugwart Enrico Heil und eben nicht vom damaligen Trainer Ralf Rangnick in Kenntnis gesetzt wurde.

Aber es stimmte: Am ersten Trainingstag der Saisonvorbereitung des FC Schalke 04 ging Holtby in die Kabine und bekam von Heil folgende Anweisung: "Geh auf den Platz, wo das Trikot mit der Nummer 10 hängt."

Bei aller Freude über die Ehre trat der lange auf die Spielmacher-Position fixierte Holtby mit folgendem Zitat den Beweis an, dass er seinem spitzbübischen und von manchen als unreif ausgelegten Selbst entwachsen war. "Ich verbinde mit der Nummer keine bestimmte Rolle", sagte er mit dem hehren Zusatz, dass er im Mittelfeld überall spielen würde, solange er der Mannschaft helfen könnte.

Holtby einer der Erfolgsgaranten

Genau auf dieses Signal hatte Rangnick gewartet, der im Sommer einen kühnen Plan fasste: Raul als hängende Spitze hinter Klaas-Jan Huntelaar unantastbar, Holtby auf dem Flügel weniger wirkungsvoll - warum also nicht diesen zum defensiven Mittelfeldspieler umlernen?

Ein Vorhaben, das einen Experimentiergeist des Trainers, aber eben auch eine gewisse Willigkeit des Spielers voraussetzt. Ein Vorhaben, das sich trotz eines durchwachsenen Beginns und Rangnicks zwischenzeitlichem Rücktritt als erfolgreich erwies.

Der zweite Bundesliga-Platz sowie das fast sichere Weiterkommen in der Europa League wäre bei aller Offensivstärke nicht denkbar, wenn sich nicht Holtby in seiner neuen Rolle derart gesteigert hätte und er für jene Balance zwischen Angriff und Verteidigung verantwortlich zeichnete, die Schalke in den ersten Wochen abging.

"Auf der Sechser-Position muss man sowohl nach hinten als auch nach vorne arbeiten. Lewis hat auf jeden Fall die Fähigkeiten dazu. Je besser er das hinbekommt, desto mehr kommt das auch unserem Spiel zu gute. Er hat einen Schritt nach vorne gemacht", sagt Sport-Vorstand Horst Heldt im SPOX-Gespräch.

"Raul braucht nicht zu grätschen"

In der Anfangsphase der Saison spielte Holtby ähnlich unbeständig wie die gesamte Mannschaft. Er arbeitete emsig mit und betrieb einen großen Aufwand, doch was fehlte, waren Effizienz und eine klare Linie. Mal verrannte er sich in Zweikämpfe, mal versuchte er sich zu verkrampft am Spielaufbau. Immer im Bestreben, ausgerechnet jenen Mann zu entlasten, der seine Lieblingsposition besetzt und von Rangnick-Nachfolger Huub Stevens hofiert wird wie ein Adeliger.

"Ein Raul braucht nicht zu grätschen oder die Bälle aus dem eigenen Strafraum zu köpfen. Er muss sich wohl fühlen und wie Franck Ribery bei den Bayern behandelt werden", sagt Stevens.

Holtby weiß um die Wertschätzung seines Konkurrenten und zeigt keinerlei Verärgerung ob seiner Aussichtslosigkeit, in naher Zukunft als Zehner aufzulaufen. "Ich kann hier ja nichts fordern, ich spiele ja nicht bei irgendeinem Klümpkesverein", sagte er bereits vor Saisonstart.

Irritation wegen U-21-Zitat

Entsprechend überrascht vernahm die Klubspitze seine Worte, als Holtby im Kreise der deutschen U 21 vor vier Wochen erklärte, warum er, der Kapitän, im DFB-Trikot stärker war als anfangs auf Schalke: "Bei der U 21 spiele ich viel weiter vorne und offensiver. Im Verein muss ich auf der Sechs spielen und darf meine Position nicht verlassen - sonst ist Polen offen. Ich würde mich auch nicht beschweren, wenn mich der Trainer etwas weiter vorne ranlassen würde."

Doch alleine Stevens' entspannte Reaktion ist ein Indiz dafür, dass aus Holtby nicht Frust sondern eher der Leichtsinn von einst sprach: "Was Lewis gesagt hat, ist nicht schlimm. Er ist ein Spieler, der mit sehr viel Spaß sehr viel Laufarbeit verrichtet. Und er darf gerne auch nach vorne gehen, dagegen habe ich gar nichts. Ich sehe ihn eh nicht als Nummer 6, sondern als Nummer 8."

Duo mit Jones: ein Zukunfts-Modell

Beim 3:1 gegen Hoffenheim beispielsweise erbrachte Holtby als Mischwesen aus Nummer 6, Nummer 8 und Nummer 10 eine vorzügliche Leistung - und nebenbei den Beweis, dass er und Jermaine Jones das ideale Tandem für das defensive Mittelfeld sein könnten.

Zuvor hatten Rangnick wie auch Stevens nach der besten Kombination gefahndet und aus Holtby, Kyriakos Papadopoulos, Joel Matip, Peer Kluge, Marco Höger und Jones die unterschiedlichsten Pärchen gebildet.

Stabilität erreichte Schalke jedoch erst mit Holtby und Jones. Am siebten und achten Spieltag kam in der Doppel-Sechs durchgängig Papadopolus zum Einsatz, wahlweise flankiert von Holbty oder Jones. Erfolglos, wie das mühsame 2:1 in Hamburg und das blamable 1:2 gegen Kaiserslautern belegen.

Seitdem werden Holtby und Jones gleichzeitig aufgeboten - mit folgenden Ergebnissen: 5:0 in Larnaka, 1:0 in Leverkusen, 3:1 gegen Hoffenheim. Beim 2:0-Pokalsieg in Karslruhe begann Höger für den geschonten Holtby, beide Treffer fielen aber erst nach dessen Einwechslung.

Jones grätscht, Holtby gestaltet und läuft

Die Aufgabenteilung der beiden lässt sich beispielhaft aus der Hoffenheim-Partie statistisch ablesen: Jones ist der Rustikale und verzeichnete mit 22 Zweikämpfen die mit Abstand meisten aller Spieler, dafür landeten beim weniger ballsicheren Abräumer von 30 Pässen gleich 13 beim Gegner.

Holtby hingegen ging seltener in das direkte Duell (13 Zweikämpfe), demonstrierte dafür enorme Passsicherheit (28 von 34 erfolgreich) und Laufstärke. Wie in jedem Spiel (bei Ein- oder Auswechslungen auf 90 Minuten hochgerechnet), wies er diesmal mit 11,88 Kilometern den besten Wert seines Teams auf.

Was Zahlen nur ungenügend erfassen können: Holtbys gesamtes Auftreten veränderte sich zum Positiven. Von Magath wurde er im Sommer 2009 wegen seiner zappeligen Art und wegen eines unüberlegten Distanzschusses am ersten Spieltag abgestraft und später nach Bochum und Mainz verliehen.

Dort schaffte er zwar den Sprung in die Nationalmannschaft, dennoch fand Thomas Tuchel bei aller Wertschätzung ebenfalls Anlass zu einer grundsätzlichen Kritik: "Lewis fehlt die Busfahrermentalität", sagte der FSV-Trainer und erklärte: "Je hektischer und lauter es wird, desto ruhiger wird der Busfahrer. Lewis ist in der Fähigkeit, Entscheidungen zu treffen, noch zu hektisch."

Auch nächste Saison als Sechser?

Holtby legte diese Hektik zuletzt ab und erinnerte daran, warum Rangnick in ihm die Qualitäten eines Sechsers vermutet und in ihm den idealen Kandidaten ausgemacht hatte, um sich seiner Vorstellung von fußballerischer Perfektion anzunähern.

Rangnicks Vision für Holtby lässt sich auf seiner Vorliebe für Xavi und Andres Iniesta zurückführen. Die kleinen, gleichzeitig technisch beschlagenen und im Zweikampf cleveren Mittelfeldspieler des FC Barcelona, die je nach Spielsituation und Gegner mühelos als Sechser die Räume verengen und Bälle erobern, als Achter den Angriff einleiten oder als Zehner den Abschluss suchen.

Ob Holtby jemals die internationale Klasse erreicht, mag keiner zu beurteilen, zumindest aber lässt er in Ansätzen ähnliche Fähigkeiten erkennen. Ihm bleibt ohnehin nichts übrig als sich auf die defensivere Position zu spezialisieren. Einerseits werden sich im Dezember oder Januar Schalke und Raul zu Verhandlungen treffen und - sollte die Zuversicht des Klubs berechtigt sein - auf eine Verlängerung des Vertrags über 2012 hinaus einigen.

Andererseits fehlt es Holtby mit seinen 21 Jahren schlichtweg an Standing. Oder wie es Christoph Metzelder gegenüber SPOX formuliert: "Erst wenn Lewis seinen Weg macht, wird er irgendwann Ansprüche auf die Position erheben können, die er am liebsten spielt."

Schalke zukünftiger Spielmacher? Holtby im Steckbrief

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