Die Situation beim VfB Stuttgart

Elf Wochen bis zur Wahrheit

Von Stefan Rommel
Donnerstag, 24.02.2011 | 13:35 Uhr
Sven Ulreich (l.) wurde von Stuttgarts Trainer Bruno Labbadia als Nummer eins abgesetzt
© Getty
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Benfica vor der Brust, den Abstiegskampf im Kopf. Nach dem Europa-League-Spiel beginnt beim VfB Stuttgart der Kampf ums Überleben in der Bundesliga. Das Team versucht spielerisch aus dem Tabellenkeller zu kommen und Bruno Labbadia setzt im Tor einen neuen Reiz.

Die Stuttgarter Unworte des Jahres: Qualität, Potenzial, Strohhalm. Sie deuten auf eine schlimme Saison hin, auf große Verunsicherung und Angst. Dass sie mittlerweile auch bei Werder Bremen oder dem VfL Wolfsburg regen Gebrauch finden, dürfte nur ein schwacher Trost sein.

Die sportliche Konstanz fehlt dem VfB Stuttgart auch nach 23 Spieltagen in der Liga und elf Partien in der Europa League noch. Wobei der Weg auf internationalem Terrain nach einem traditionell sehr holprigen Start in den Qualifikationsrunden gegen Bratislava und Molde bis zur Niederlage vergangener Woche in Lissabon noch verhältnismäßig eben war.

Wenn der VfB heute Abend zum Rückspiel gegen Benfica antritt (20.50 Uhr im LIVE-TICKER), beginnen für ihn die Wochen einer Saison, die eine eh schon wilde Dramaturgie der Spielzeit noch weiter auf die Spitze treiben wird.

VfB nimmt die Euro League ernst

Gegen den portugiesischen Rekordmeister geht es dabei sogar "nur" um das Erreichen des Achtelfinals in einem Wettbewerb, der immer mehr zum kleinen Beiwerk der großen Champions League wird. Den sich der Verein dank einer tollen Rückrunde in der letzten Saison aber auch redlich verdient hatte und deshalb alles daran setzen muss, eine Runde weiterzukommen.

"Wir haben die gesamte letzte Saison dafür gekämpft, dass wir Europa League spielen können. Deshalb wollen wir die Spiele auch ernst nehmen. Es bringt ja nichts, wenn wir mit der Einstellung ins Spiel gehen, es irgendwie über die Runden zu bringen", sagt deshalb auch Christian Träsch im SPOX-Interview. "Wir wollen unbedingt weiterkommen und ich denke, dass wir Benfica zu Hause auch schlagen können."

Hinter der Kür Benfica lauern dann ab Sonntag aber in der heimischen Liga jene Tücken, die nicht nur eine einzelne Saison entstellen würden, sondern weitreichende Folgen für die nahe und mittelfristige Zukunft des Vereins haben könnten.

Und dabei hält sich hartnäckig der Eindruck, dass der VfB in der wichtigsten Phase seit Jahrzehnten immer noch ein bisschen wie ein Experimentierfeld daherkommt. Trainer Bruno Labbadia hat das Spielsystem umgestellt und trägt damit der spielerischen Komponente Rechnung.

Mit Tamas Hajnal ist ein kreativer Kopf installiert, der sowohl das Tempo variieren, als auch den lange Zeit vermissten tödlichen Pass spielen kann. Im Training wurden zuletzt ganz entgegen dem Klischee eines Abstiegskandidaten Ballstafetten eingeübt und Automatismen gefestigt.

Werder mit verbaler Keule

Im Vergleich dazu holte Werder-Trainer Thomas Schaaf neulich die verbale Keule raus, schrie seine Spieler in ungewohnt schroffer Form an, lässt schon seit einigen Wochen aggressiver und körperbetonter trainieren.

Labbadia dagegen trägt seine Standarte immer noch vor sich her und setzt weiter auf einen spielerischen Stil im Abstiegskampf. Allerdings durchaus auch gepaart mit einem deutlich höheren Laufpensum und größerer Aggressivität im Zweikampf. Nur bekommt seine Mannschaft alle Komponenten zusammen in keinem Spiel über die kompletten 90 Minuten auf den Platz.

Dazu kommt eine offensichtliche Schwäche in der Spieleröffnung aus dem defensiven Mittelfeld beziehungsweise der Abwehr. Die Doppel-Sechs mit Träsch und Zdravko Kuzmanovic ist nicht ballsicher genug, um die Angriffe akkurat über die Außen oder eben Hajnal einzufädeln. Nur zu oft bleibt dann nur der Rückpass, der dann nach einem überhasteten Befreiungsschlag von Keeper Sven Ulreich in der Mehrzahl der Fälle im Seitenaus oder gleich beim Gegner landete.

Es war sicherlich nur eine Nuance, die Labbadia deshalb zum Tausch im Tor bewogen hatte. Aber der Trainer will jetzt auch auf der Torhüterposition "einen neuen Reiz setzen. Wir haben einfach zu viele Gegentore bekommen."

Es zieht sich in der Tat wie ein roter Faden durch die Saison, dass sehr oft der erste Torschuss des Gegners sofort im Stuttgarter Netz zappelte. Ulreich konnte dabei in fast allen Fällen kein grober Fehler angerechnet werden, zumal er oft nur die letzte Instanz einer ganzen Fehlerkette war. Aber er konnte die vielen Gegentore auch nicht eindämmen. Kurz: Er hielt der Mannschaft in kniffligen Phasen zu selten einen oder mehrere Punkte fest.

Entscheidung wohlüberlegt

Ob die Viererkette nun mit Marc Ziegler jene Stabilität erfährt, die sie nach zuletzt zwölf Gegentoren in vier Pflichtspielen erfahren muss, ist aber auch völlig offen.

Labbadia geht ein kalkuliertes Risiko. "Wir haben die Entscheidung wohlüberlegt getroffen und uns nach dem Spiel in Leverkusen zwei Tage Zeit gelassen", sagte er nach der Entscheidung für Ziegler. "Unsere Vorgehensweise gegenüber Sven war absolut korrekt."

Ulreich hat sich nichts Gravierendes zu Schulden kommen lassen, nur bleibt in der prekären Situation keine Zeit mehr für Einzelschicksale. Dafür sind die letzten elf Wochen bis zum Saisonende für den Klub zu wichtig. Es sollte aus Stuttgarter Sicht als durchaus positiv betrachtet werden, dass die kommenden Gegner in der Bundesliga alle aus demselben Milieu kommen.

Mit Frankfurt (A), Schalke (H), St. Pauli (A), Wolfsburg (H), Bremen (A), Kaiserslautern (H), Köln (A) stehen nur Mannschaften aus der unteren Tabellenhälfte an. Die "Wochen der Wahrheit" werden in jedem Klub mindestens einmal in einer Saison zitiert. Für den VfB Stuttgart steckt dahinter so viel Wahrheitsgehalt wie für kaum einen anderen.

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