Labbadias Probleme vor dem EL-Halbfinale

Chaos beim HSV: Der Putsch der Generäle

Von Stefan Moser
Donnerstag, 22.04.2010 | 16:15 Uhr
In der Liga ist der Hamburger SV mittlerweile auf Platz sieben abgerutscht
© Getty
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Vor dem Europa-League-Halbfinale gegen Fulham (20.50 Uhr im LIVE-TICKER, auf SAT.1 und SKY) verweigern Hamburgs Führungsspieler ihrem Trainer die Gefolgschaft. Für Bruno Labbadia keine neue Erfahrung. Schon zum zweiten Mal scheitert er auch an seinem Führungsstil.

Bruno Labbadia war merkwürdig sachlich und distanziert. Leverkusen hatte gerade das DFB-Pokal-Halbfinale gegen Mainz gewonnen, der größte Erfolg in der noch jungen Trainer-Karriere des damals 43-Jährigen. Doch während seine Spieler ausgelassen feierten, wirkte Labbadia abwesend und isoliert.

Er hatte den Kontakt zur Mannschaft verloren. Nach Bayers spektakulärem Absturz in der Liga basierte die Zweckgemeinschaft nur noch auf der Hoffnung auf den Pokalsieg. Das Endspiel freilich gewann Werder Bremen - und Leverkusen präsentierte Jupp Heynckes als neuen Trainer.

Genau ein Jahr und einen Tag später steht Labbadia wieder in einem Halbfinale. Gegen den FC Fulham geht es für den Hamburger SV um den Einzug ins Endspiel der Europa League.

Labbadia gibt sich trotzig

Und wieder wirkt Labbadia alles andere als euphorisch: "Dieses Halbfinale sollte für alle Beteiligten ein Festtag werden. Ich lasse mir die Freude darauf nicht verderben." Von Vorfreude allerdings ist nichts zu spüren. Der HSV-Trainer ist trotzig: Schon wieder hat er die Chance auf einen Titel - und schon wieder ist die Stimmung vollkommen vergiftet.

Denn erneut droht seine Mannschaft in der Liga ihre Ziele zu verfehlen, erneut muss die Aussicht auf ein Endspiel als Trostpflaster herhalten und das Team notdürftig zusammenschweißen. Und schließlich wird erneut auch über Labbadias Nachfolger spekuliert.

Steve McClaren könnte den HSV in der kommenden Saison angeblich trainieren, oder Fatih Terim, vielleicht sogar Jogi Löw. Aber Bruno Labbadia? Eher unwahrscheinlich. Viel zu groß ist mittlerweile der Autoritätsverlust des Trainers. Gerade die Führungsspieler kochen ihr eigenes Süppchen. Eine Duplizität der Ereignisse.

Zwischen kompromisslos und unsensibel

Die Parallelen zwischen der letzten Saison und dieser wurden freilich schon sehr früh gezogen. Große Teile der Fans, die nie mit der eher glatten und vermeintlich unauthentischen Art des Trainers warm wurden, sammelten penibel Indizien gegen den Trainer.

Obwohl der HSV schon seit Jahren im Frühjahr durchhängt und Bayer auch unter Heynckes wieder einbricht, sollte es vor allem seine Schuld sein. Labbadia, der große Rückrunden-Versager: Dafür wurden Beweise notiert, gesucht - und teilweise auch schlicht erfunden.

Eine Gemeinsamkeit aber zeichnet sich tatsächlich immer deutlicher ab: Ein bisweilen halsstarriger Führungsstil, mit dem er auch in Leverkusen wichtige Spieler gegen sich aufbrachte, bis die Situation damals schließlich im offenen Streit eskalierte.

Irgendwo zwischen kompromisslos und unsensibel geht Labbadia immer wieder scheinbar unnötig auf Konfrontationskurs oder tritt auch mal beherzt ins Fettnäpfchen. Vor allem im Umgang mit den Führungsspielern - auch in Hamburg.

Rost mit Rücktritt aus Mannschaftsrat

Frank Rost zum Beispiel war durchaus irritiert, als sein Trainer auf der Mitgliederversammlung im Dezember öffentlich das Karriereende des Torhüters für 2011 verkündete. "Ich kann nicht so weit vorausschauen, aber wenn der Trainer das sagt, dann ist das wohl so", reagierte Rost sarkastisch. Auch der jüngste Streit um die vermeintliche Disziplinlosigkeit des 36-Jährigen wirkt etwas befremdlich. Rosts prompter Rücktritt aus dem Mannschaftsrat ebenso.

Jerome Boateng dagegen bekam schon Ende Oktober den schwarzen Peter von Labbadia zugespielt, nachdem der 21-Jährige gegen Mönchengladbach trotz einer offensichtlichen Verletzung nicht um eine Auswechslung gebeten hatte. Hamburg verlor die Partie nicht zuletzt deshalb.

Labbadia rüffelte Boateng, Mitspieler und Fans sahen die Verantwortung dagegen beim Trainer. Das Verhältnis kühlte weiter ab, nachdem David Rozehnal in der Innenverteidigung trotz schwacher Leistungen wiederholt den Vorzug erhielt. Mittlerweile ist Boatengs Abschied beschlossene Sache.

Kopfwäsche für Ze Roberto

Ze Roberto kritisierte nach dem Spiel: "Der Trainer hätte wechseln müssen, Boateng hat ja nur mit einem Bein gespielt." Der 35-Jährige bekam eine öffentliche Kopfwäsche vom Trainer und musste reumütig zurückrudern. Im Januar wollte Labbadia Ze Roberto schließlich nicht zu Reha-Maßnahmen in die Heimat fliegen lassen.

Als der Brasilianer dann wegen familiärer Probleme seinen Urlaub verlängerte, wurde er erneut öffentlich abgekanzelt. Anfang April soll er schließlich vor Vorstand, Trainer und Mannschaft erklärt haben, er lasse sich von Labbadia nicht mehr sagen, welche Wege er zu gehen habe.

Ruud van Nistelrooy wiederum wollte sich am 28. Spieltag in Mönchengladbach Bondscoach Bert van Marwijk präsentieren. Labbadia aber wechselte ihn früh aus und kritisierte später vor laufenden Kameras: "Ruud war die fehlende Spielpraxis anzumerken, er war nicht spritzig, zeigte zu wenig Laufbereitschaft." Auch über seine Rolle als hängende Spitze ist der Niederländer eher überrascht. Sein Verhältnis zum Trainer gilt intern ebenfalls als sehr reserviert.

Öffentliche Demütigung für Troche?

Eljero Elia beklagte sich schon mehrfach: Er werde auf der falschen Position eingesetzt, der HSV habe ihm eine notwendige Knöchel-OP verweigert, und schließlich hätte ihn der Verein im Krankenstand allein gelassen. Auch er wurde sehr deutlich abgewatscht.

Piotr Trochowski passte dagegen nie in Labbadias Konzept, spielte über weite Strecken eine schwache Saison. Dass er aber auch nach bärenstarken Auftritten wieder auf die Bank musste, obwohl Elia und  Marcell Jansen verletzt fehlten, empfanden viele als öffentliche Demütigung.

Jarolim: "Ich will nichts Falsches sagen"

Als größter Fürsprecher des Trainers blieb schließlich David Jarolim. Dass der Kapitän aber gegen Mainz in der 69. Minute für den 19-jährigen Sören Bertram vom Platz musste, zeugt auch nicht unbedingt von Labbadias Gefühl für gruppendynamische Prozesse. "Ich will das nicht kommentieren, ich will nichts Falsches sagen", war Jarolims spontane Reaktion.

Mit wenigen Ausnahmen hat Labbadia also einen - mehr oder weniger offenen - Konflikt mit seinen wichtigsten Spielern.

Ähnlich wie am Schluss in Leverkusen, wo nur die Aussicht auf den Pokalsieg noch deeskalierend wirkte, lebt die Zweckgemeinschaft auch in Hamburg angeblich nur noch von der Hoffnung auf den großen Coup.

Spieler und Verantwortliche sind zwar sichtlich bemüht, Nebengeräusche auszublenden und den Traum vom Finale im eigenen Stadion in den Vordergrund zu rücken. Doch man wird das Gefühl nicht los: Das eigentliche Endspiel steigt schon gegen Fulham. Zumindest für Bruno Labbadia.

Die voraussichtlichen Aufstellungen:

Hamburger SV: Rost - Demel, Boateng, Mathijsen, Aogo - Jarolim, Zé Roberto - Trochowski, Pitroipa - Guerrero, van Nistelrooy

FC Fulham: Schwarzer - Baird, Hangeland, A. Hughes, Konchesky - S. Davies, Dan. Murphy, Etuhu, Dempsey - Gera, Zamora

Zoff beim HSV vor dem Halbfinale

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