Der alternative EM-Quali-Tag

Ottomanie und plumpe Bulgaren

Von Thomas Gaber
Donnerstag, 18.10.2007 | 14:04 Uhr
© Getty
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München - 44 Mal müssen wir noch schlafen, dann stehen alle 16 EM-Teilnehmer fest. Es werden wohl die üblichen Verdächtigen sein, mit Ausnahme der Three Lions on the shirt. 

Der EM-Quali-Mittwoch hatte aber weitaus mehr zu bieten als Pavlyuschenkos Doppelpack gegen England oder die schottische Geisterstunde in Georgien. Eine bunte Auswahl von Gescheiterten, Neu- und Wiedergeborenen. 

1. Toppis Teenie-Triple: Freiburgs Ex-Trainer Volker Finke hat den georgischen Fußball einst in Deutschland salonfähig gemacht. Iaschwili, Kobiaschwili, Tschikischwili etc. Dass in Georgien aber auch wili-freie Menschen leben und dazu noch richtig gut kicken können, bewies die Elf von Trainer Klaus Toppmöller beim 2:0 gegen Schottland. Toppi warf mit Torhüter Makaridze und den Stürmern Mchedlidze und Kenia gleich drei 17-Jährige ins kalte Wasser. Mchedlidze traf die Schotten mit seinem ersten Tor im ersten Länderspiel mitten ins Braveheart.

2. Heiße Stühle: Jeder Menge Nationaltrainern kokelt der Hintern. Türkeis Fatih Terim wurde von den Fans in Istanbul bereits nach einer halben Stunde nicht jugendfrei beschimpft. Dänemarks Morten Olsen dürfte der bedeutungslose 3:1-Sieg gegen Lettland kaum vor dem Rauswurf retten. John Toshak entging mit seinen Walisern beim 2:1 in San Marino nur knapp einer der größten Blamage aller Zeiten im europäischen Fußball. Irlands Steve Staunton will zwar weitermachen, darf aber vermutlich nicht. Und Englands Steve McClaren sollte sich bei einem Scheitern der Three Lions eine neue Identität zulegen.

3. Ottos alte Liebe: Immer wenn es irgendwie um eine EM geht, laufen die Griechen zur Höchstform auf. Trainer Otto Rehhagel bleibt seinen Prinzipien treu. Er setzt entweder auf Ü-30-Spieler oder Bundesligakteure - oder am besten beides. In Istanbul waren sie wieder alle dabei. Karagounis (30), Dellas (31), Basinas (31), Gekas (Leverkusen), Charisteas (Nürnberg), Kyrgiakos und Amanatidis (beide Frankfurt). Amanatidis schoss Hellas mit seinem ersten Treffer im 20. Länderspiel zur EM. Und plötzlich hat Rehhagel eine neue Ottomanie ausgelöst.

4. Tiefer Fall der Ex-EM-Teilnehmer: 2000 nahm Slowenien an den belgischen und holländischen Festspielen teil. Vier Jahre später durfte Lettland in Portugal mitmachen und brachte 80 Millionen Deutsche beim 0:0 gegen die DFB-Elf an den Rand des Nervenzusammenbruchs. Doch die rosigen Zeiten sind vorbei, Lettland trennen derzeit 13 Punkte von der erneuten Qualifikation, Slowenien 12.

5. Faröer so schlecht wie noch nie: Eine Fußball-Nation, die trotz der relativen Frische ihrer Unabhängigkeit (seit 1990 Mitglied der UEFA) nicht von jedem Verdacht freigesprochen werden kann, der Kicker-Weisheit "Es gibt keine Kleinen mehr" pudelbemützt und rotzfrech mit Nachdruck Geltung verliehen zu haben, schickt sich nun an, den Gegenbeweis anzutreten. Elf Spiele, elf Niederlagen. Drei Toren von Rogvi Jacobsen stehen 40 Buden von Henry und Inzaghi und Hinz und Kunz gegenüber. So schlecht waren sie noch nie in einer EM-Quali. Es kommt nun zum Dreikampf um den Titel "Schlechtestes Team Europas", in dem sich die Mannschaft von Jogvan Martin Olsen dank eines mehr erzielten Tores gegenüber Andorra in der Pole-Position befindet. San Marino hat wegen der bösen Erfahrungen mit der DFB-Elf die schlechtesten Karten (2:52 Tore).

6. Zwergerl-Aufstand: Ein paar Kleine haben ihr Loser-Image dennoch abgelegt. Luxemburg feierte beim 1:0 in Weißrussland den ersten Sieg seit 1995. Und Liechtenstein hat schon sieben Punkte auf dem Konto. Am Mittwoch wurde Island (3:0) in der Festung Vaduz mal so richtig glattgebügelt.

7. Festland rockt: Kein England, kein Schottland, kein Wales, kein Irland, kein Nordirland, kein Malta, kein Zypern, kein Island, kein Faröer. Mallorca und Gran Canaria haben keine eigene Nationalmannschaft. Die EM 2008 wird voraussichtlich inselfreie Zone.

8. Von hinten stechen die Bienen: Lange Zeit sah es düster aus für Spanien und Frankreich. Doch am Ende sind sie eben doch wieder dabei. Spanien hatte im entscheidenden Spiel in Dänemark (3:1) die alljährliche iberische Sternstunde, Frankreich darf sich beim schottischen Unvermögen bedanken. Auch Norwegen und Russland haben wohl den längeren Atem als die Türkei und England.

9. I werd narrisch: Der legendäre ORF-Reporter Edi Finger fiel 1978 vom Glauben ab, als Hans Krankl Österreich zum 3:2-WM-Sieg gegen Deutschland schoss. Von einer Doublette ist Rot-Weiß-Rot zwar Lichtjahre entfernt. Aber immerhin ist die Hickersberger-Elf eine beklemmende Negativserie los. Das 3:2 gegen Stielikes Elefanten von der Küste der Stoßzähne war der erste Sieg seit zehn Spielen. Immer wieder, immer wieder, immer wieder Österreich!

10. Penews Schimpftirade: Der Trainer der Bulgaren verpasste seinen Spielern nach dem 1:1 in Albanien einen deftigen Einlauf: "So plump wie wir ist eine bulgarische Nationalmannschaft noch nie aufgetreten. Ich entschuldige mich bei allen Bulgaren für die Scheiße, die meine Spieler abgeliefert haben. Jeder hat nur für sich gespielt. Es war zum Kotzen."

11. Sein oder Nichtsein: Zu guter Letzt ein Ausblick auf den 17. November. Mit Schottland vs. Italien und Norwegen vs. Türkei stehen gleich zwei ultimative Alles-oder-Nichts-Hopp-oder-Top-Ja-oder-Nein-Siegen-oder-Fliegen-Spiele an. Nebenbei entscheiden die Russen in Israel über das Schicksal von 50 Millionen Engländern.

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