Dienstag, 10.06.2008

EM 2008

Vom Außenseiter zum Mitfavoriten

Bern - Italien weint, die EM-Konkurrenz ist gewarnt, und die Niederlande feiert das neue "Wunder von Bern". Mit einer fast perfekten Gala gegen Weltmeister Italien haben die "Oranjes" in ihrem EM-Auftaktspiel die Fachwelt verblüfft und nicht nur die holländischen Fans verzückt.

niederlande, em 2008
© Getty

Selbst der zurückhaltende Marco van Basten geriet nach dem 3:0 (2:0) im "Stade de Suisse Wankdorf" ins Schwärmen. "Alle können stolz sein nach der fantastischen Vorstellung. Die Jungs haben wunderbar gespielt", lobte der Bondscoach nach dem ersten Sieg der "Elftal" gegen die "Azzurri" seit der WM 1978.

"Vom Außenseiter zum Mitfavoriten", schrieb die Zeitung "De Volkskrant" und bezeichnete den von Ruud van Nistelrooy (26.), dem überragenden Wesley Sneijder (31.) sowie Giovanni van Bronckhorst (79.) herausgeschossenen Erfolg überschwänglich als "niederländische Ausgabe des deutschen Wunders von Bern von 1954".

Lob von Cruyff

Die "perfekt vorbereitete Mannschaft" habe sogar Ansätze vom einst propagierten "Totaalvoetbal" des Teams der 70er Jahre um Johan Cruyff gezeigt. Selbst die holländische Fußball-Legende, die van Basten wegen der Abkehr vom einst dogmatischen 4-3-3-System heftig kritisiert hatte, musste Abbitte leisten. "Ich verabscheue die Taktik. Aber das Team ist erwachsener geworden", gab Cruyff zu.

Das "Algemeen Dagblad" verglich die Vorstellung mit einem Vulkanausbruch: "So viel Leidenschaft wurde beim sensationellen 3:0 gegen Italien freigesetzt." Nach dem blamablen Achtelfinal-Aus bei der WM 2006 sei die Reputation wieder hergestellt:

"Die beschmutzte Weste ist nach der Galavorstellung gegen den Weltmeister auf einen Schlag wieder sauber. Was für ein Spiel, was für eine Auferstehung und vor allem: was für eine Qualität."

Ansturm beim Training

Mehr als 500 "Oranje"-Fans bereiteten ihrem Team beim öffentlichen Training am Tag nach dem Spiel im "Stade Olympique" einen triumphalen Empfang und bejubelten nahezu jede Aktion von Rafael van der Vaart & Co.

Der Regisseur des Hamburger SV stand noch ganz unter dem Eindruck der makellosen Partie: "Die erste Halbzeit war unglaublich, überragend. Besser geht es nicht. Wenn wir so spielen, können wir jeden schlagen."

Sein HSV-Kollege Joris Mathijsen, der wie schon in der Bundesliga Bayerns-Stürmerstar Luca Toni nicht zur Entfaltung kommen ließ, sprach von einem "Supergefühl nach dem historischen Sieg".

Wirbel um vermeintliches Abseitstor

Zuverlässig wie ein "Uhrwerk Orange", mit beeindruckender Technik und Schnelligkeit sowie großer Leidenschaft kaufte der Europameister von 1988 dem Favoriten den Schneid ab.

Ohne den verletzten Real-Stürmer Arjen Robben, der wohl auch noch im zweiten Spiel der Hammergruppe C gegen Vizeweltmeister Frankreich ausfällt, und zunächst auch ohne Robin van Persie war die "Elftal" vor 30 777 Zuschauern spätestens nach dem viel diskutierten 1:0 durch van Nistelrooy jederzeit Herr der Lage.

Der Angreifer von Real Madrid schien meterweit im Abseits, doch der Treffer war korrekt, weil Christian Panucci verletzt hinter der Torauslinie lag. "Er nimmt weiter am Spiel teil, auch wenn er hinter der Linie ist. Es war richtig, das Tor zu geben", erläuterte DFB-Schiedsrichterlehrwart Eugen Strigel die Spielern und Trainern weitgehend unbekannte Regel.

"Wenn es so ist, müssen wir das akzeptieren", gestand der nach dem Debakel stark unter Druck geratene Italien-Coach Roberto Donadoni zerknirscht. Auch Joachim Löw kannte die Regelauslegung bisher nicht. "Ich muss gestehen, ich war auch überrascht", sagte der Bundestrainer im deutschen EM-Quartier.

Van Basten stapelt tief 

Von der Niederlande zeigte sich Löw zwar beeindruckt, mochte den Nachbarn aber deshalb nicht auf den Favoritenschild heben. "Wir wussten doch vorher, dass sie eine technisch gute Mannschaft haben. Aber ich würde trotzdem nicht von einem Maßstab sprechen."

Auch van Basten trat trotz des Traumstarts auf die Euphoriebremse: "Es war nur ein Spiel, der erste Schritt. Wenn wir jetzt gegen Frankreich verlieren, haben wir ein Problem."


Diskutieren Drucken Startseite

www.performgroup.com

Copyright © 2016 SPOX. Alle Rechte vorbehalten.