Tops & Flops der Europameisterschaft

SID
Freitag, 27.06.2008 | 12:07 Uhr
EM 2008, Fussball, Spanien, Xavi
© DPA
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München - Am Sonntag endet die 13. Europameisterschaft mit dem Finale Deutschland gegen Spanien. Zeit um ein erstes Fazit dieser Endrunde zu ziehen.

TOPS:

ROT-GELBE RENAISSANCE: Mit der Kurzpass-Spezialität "tiqui taca" zeigten die Spanier endlich wieder internationale Spitzenklasse. Die Mannschaft aus dem Land des großartigen FC Barcelona und Real Madrid glänzte vor allem durch die "Fantastischen Vier": Xavi, Marcos Senna, Andres Iniesta und David Villa.

RUSSISCHE RAKETEN: Andrej Arschawin, Roman Anatoljewitsch Pawljutschenko und die anderen Milchbubis der Sbornaja spielten zeitweise einen atemberaubenden Fußball und bewiesen, dass der UEFA-Cup-Sieg von Zenit St. Petersburg keine Eintagsfliege war. Russland - auch im Fußball ein längst erwachtes Riesenreich mit enormen finanziellen Möglichkeiten. Der niederländische Trainer-Import Guus Hiddink gab den Ballzauberern aus dem Land des Eishockey-Weltmeisters den letzten Kick, auch wenn's nicht fürs Finale reichte. "Die Zukunft gehört uns", prophezeite nicht nur das Blatt "Sport-Express".

FAIRPLAY: Hart, aber auch herzlich ging es auf dem Rasen zu. Kaum Rudelbildungen und Revanchefouls, nur drei rote, aber keine gelb-rote Karte nach Vorrunde, Viertelfinale und Halbfinale. "Es wurde schnell und fair gespielt", sagte der deutsche Schiedsrichter Herbert Fandel.

NUMMER EINS: Als Wackelkandidat war Jens Lehmann angereist. Der deutsche Torwart hielt nicht immer, was er selbst trotz mangelnder Spielpraxis beim FC Arsenal versprach. Aber der mit 38 Jahren zweitälteste EM-Teilnehmer (hinter Österreichs Ivica Vastic) steht im Endspiel. Nach dem Turnier soll er für Robert Enke und Rene Adler Platz machen. Für seine Altersteilzeit hat Lehmann den VfB Stuttgart auserwählt.

SPÄTZÜNDER: Dreimal war für die Türkei die Uhr eigentlich abgelaufen - aber dreimal schlug die Mannschaft vom Bosporus in der Nachspielzeit zu: beim 2:1 gegen die Schweiz, beim fulminanten 3:2 gegen Tschechien und in der Verlängerung beim Sieg im Elfmeterschießen gegen Kroatien. Auch im Halbfinale gegen Deutschland bewies das Team von Fatih Terim einen langen Atem mehr, auch wenn das 2:2 in der 86. Minute nichts mehr nutzte. Am Ende verloren die Türken selbst durch Lahms Last-Minute-Tor.

HOCHGESCHWINDIGKEITS-FUSSBALL: Noch nie war bei einem internationalen Turnier so viel Tempo im Spiel. Die Profis laufen und laufen und laufen - oft an die 10 Kilometer in 90 Minuten. Eine "unglaubliche Mischung aus Dynamik und hohem technischen Standard" sah auch Andy Roxburgh (Schottland), der oberste Technik-Chef der UEFA. Fernsehaufzeichnungen aus den 70er- und 80er-Jahren sehen dagegen aus wie Zeitlupe. Ob im Jahr 2050 der 100-Meter-Weltrekord auf dem Rasen gebrochen wird?

PUBLIC VIEWING: EM ist nicht WM - aber alle Achtung: Deutschland feierte und fieberte fast wie 2006. Super Einschaltquoten im Fernsehen, über eine Million verkaufte DFB-Trikots und Schwarz-Rot-Gold allerorten. Große Unternehmen wie Daimler strichen die Schichten während des Halbfinal-Schlagers Deutschland - Türkei. Und auf der Berliner Fanmeile versammelte sich ein halbe Million Menschen beim deutschen Erfolg gegen die Türken.

FLOPS:

LUCA LADEHEMNMUNG: Weltmeister und Bundesliga-Torschützenkönig Toni reiste mit der Empfehlung von 39 Pflichtspieltoren in der vergangenen Saison für den FC Bayern München an - und mit leeren Händen wieder ab. Kein Treffer gelang dem Italiener, seit 536 Minuten ist er im Nationalteam torlos. Nach dem Elfmeter-Aus im Viertelfinale gegen Spanien fühlte Toni "eine große Bitterkeit". Süß schmeckt nur der Erfolg.

EIN CRISTIANO IST NOCH KEIN RONALDO: Der portugiesische Superstar trägt den Namen des früheren brasilianischen Weltmeisters und Weltfußballers, doch die europäische Bühne konnte er nicht nutzen. "Er war der EM-Star, der keiner wurde", schrieben die Zeitungen nach seinem Abgang mit nur einem Turniertor. "Ich spüre eine große Desillusion", sagte der Champions-League-Sieger von Manchester United nach dem Aus gegen Deutschland. Als das Turnier noch gespielt wurde, räkelte sich Cristiano Ronaldo zusammen mit Freundin Nereida Gallardo bereits auf einer Yacht vor Sardinien.

O JE, ORANJE: Die Niederlande waren die Europameister der Vorrunde. Rafael van der Vaart und Co. spielten Italien und Frankreich schwindelig, ihre Fans sorgten in und um die Stadien für ein Farbenmeer. Doch am Ende war Orange die Farbe des Untergangs: Aus gegen die noch fintenreicheren Russen.

ALLES SCHLECHTE KOMMT VON OBEN: Die EM begann verregnet, ehe die Sonne zur zweiten Halbzeit rauskam. "Wir werden einen Regentanz in unser tägliches Programm aufnehmen, damit es besser wird", sagte Turnierdirektor Christian Mutschler zum Wetter in der Vorrunde. Dabei stand Petrus bei der WM 2006 in Deutschland noch Pate. Schauerlich ging's gar bei Schweiz - Türkei in Basel zu: Nach den heftigen Regenfällen musste der Rasen nach dem Spiel komplett ausgetauscht werden.

GROSSZÜGIGE GASTGEBER: "Flop Schwiiz" und "Adios Austria". Die Eidgenossen und die Österreicher brachten kein zweites Cordoba und auch keine anderen Wunder zustande. Sie glänzten als EM-Ausrichter, doch der Heimbonus half ihnen nicht weiter. Die bitteren Tränen des verletzten Kapitäns Alexander Frei symbolisierten die Ohnmacht und Trauer der Schweizer, die nun auf Ottmar Hitzfeld setzen. Der frühere Bundesliga-Profi Andreas Herzog adelt möglicherweise die Österreicher auf dem Weg nach Südafrika 2010.

GRIECHISCHER ANTIKFUSSBALL: Otto Rehhagel, fast 70, und seine nicht mehr taufrische Mannschaft sahen beim Ausflug in den modernen Fußball ganz alt aus. Ohne einen Punkt packten sie die Koffer. "Wir haben nicht gesagt, dass wir ganz Europa schwindlig spielen werden", rechtfertigte sich der deutsche Trainer, der damit wenigstens das letzte Wort hatte.

VON WEGEN TOR-ERO: 25 Millionen, 30 - wer bietet mehr? Der Marktwert von Mario Gomez, Deutschlands "Fußballer des Jahres 2007" und zweitbester Erstliga-Torjäger hinter Luca Toni, sollte bei der EM weiter in die Höhe schnellen. Doch der Deutsch-Spanier vom VfB Stuttgart wurde auf die Hörner genommen: von den Gegenspielern und den Kritikern. Schwerfällig und gehemmt stolperte er über den Platz und aus der deutschen Mannschaft. Schlagzeilen machte er nur durch das Interesse des FC Bayern.

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