Freitag, 27.06.2008

Löw vor Meisterstück

Nur Derwall schaffte es

Tenero - Nur zwei Jahre nach seiner Inthronisierung könnte sich Joachim Löw schon die europäische Krone aufsetzen, Luft nach oben bleibt für den 48 Jahre alten Bundestrainer aber auch nach dem EM-Finale.

EM 2008, Fussball, Deutschland, Löw
© DPA

Für den Badener ist sein erstes Turnier als Chef der deutschen Nationalmannschaft eine Riesen-Erfahrung, von der er später profitieren wird: Der unerbittliche Erfolgsdruck des Amtes, die vielen emotionalen Momente, die Ohnmacht als gesperrter Trainer hinter Glas, das öffentliche Interesse an sich und seiner Familie - und jetzt der Höhepunkt in Wien.

"Es ist eine schöne Erfahrung, mit der Nationalmannschaft im Finale dabei zu sein", sagte der Bundestrainer vor dem Duell gegen die Spanier.

Löw will ans Limit

Löw liebt diese Extremsituationen, nicht nur im Fußball. Er ist schon bis auf den Kilimandscharo gestiegen, am Lago Maggiore radelte er immer wieder mit dem Mountainbike in die Berge. "Natürlich spürt man die Verantwortung, den Druck, aber das ist doch schön", hat Löw in den Tagen im Tessin verraten.

"Ich bin risikofreudig und möchte immer wieder ans Limit kommen." Im Ernst-Happel-Stadion wird Löw wieder mit exakt hochgekrempelten Hemdsärmeln die Momente vor dem Anpfiff "aufsaugen", wie es einst sein Vorgänger Jürgen Klinsmann beschrieben hatte.

Gemeinsam waren sie beim Confed-Cup 2005 und bei der WM 2006 trotz begeisternden Fußballs kurz vor dem finalen Moment gescheitert. "Jetzt haben wir den Sprung über das Halbfinale geschafft. Deshalb wird es auch für mich persönlich am Sonntag ein ganz besonderer Moment", sagte Löw vor der Abreise nach Wien.

Das System Klinsmann

Der "nette Herr Löw" hat den Klinsmann'schen Kurs mit der Eliteauswahl des deutschen Fußballs konsequent fortgesetzt und noch verfeinert. Er ist auch innerlich der Mann, "der für dieses System steht", bemerkte DFB-Präsident Theo Zwanziger, der Löw am liebsten schon jetzt als Bundestrainer-Dauerlösung auch für die Zeit nach der WM 2010 installieren würde.

"Warum sollen wir mit dem Zweitbesten zufrieden sein, wenn wir das Beste erreichen können?" - dieser vor Turnierbeginn geäußerte Satz ist im Nationalteam mittlerweile tief verwurzelt.

Bei Rudi Völler, der nach dem EM-Vorrunden-Aus 2004 den Reformern Klinsmann/Löw Platz gemacht hatte, hörte sich das noch so an: "Es gibt keine Kleinen mehr im internationalen Fußball."

Der "Bergführer" stürmt den Gipfel

Löw ist ein Mann für die großen Lösungen. Er hat den Stab der Spezialisten um sich herum nochmals erweitert, 35 Zuarbeiter waren während der EM-Tage für die 23 Spieler da.

Er hat das große Schauspiel "Gipfelsturm", das auf der Zugspitze begonnen hatte, mit Überzeugung vorangetrieben und zuletzt sogar ein T-Shirt mit der Aufschrift "Bergführer" getragen.

Während der EM bekam Löw aber auch zu spüren, dass ein noch so ausgeklügeltes und wissenschaftlich unterlegtes Netz das Gespür, die schnelle Analyse und das sofortige Reagieren des Cheftrainers nicht ersetzen können.

Auf die schwachen Leistungen von Marcell Jansen etwa reagierte der Chefcoach, der an der Seitenlinie sehr emotional ist, erst mit Verzögerung. Als sich das angestammte 4-4-2-Spielsystem festgelaufen hatte, stellte er gerade rechtzeitig auf das stabilere 4-2-3-1 um.

Löw ist der Beste

Schon jetzt ist Löw mit einem Punkteschnitt von 2,37 der beste Bundestrainer, was die reinen Resultate angeht. Klinsmann liegt in der Wertung der bisher zehn für das DFB-Team verantwortlichen Trainer mit 2,00 Zählern nur auf Platz fünf.

Auch Berti Vogts (2,18) und Jupp Derwall (2,15) kommen als Zweiter und Dritter nicht an Löw heran. Derwall ist aber bisher der einzige, der gleich bei seinem ersten Turnier als Chef einen Titel gewann. Das war bei der EM 1980 in Italien. 28 Jahre später kann Löw nun in Wien dieses Trainer-Kunststück wiederholen.

TrainerSpieleSiegeRemisNiederl.Punkteschnitt
Joachim Löw2720432,37
Berti Vogts1026624122,18
Jupp Derwall674412112,15
Helmut Schön1398731212,10
Jürgen Klinsmann3420862,00
Otto Nerz704210181,94
Sepp Herberger1679427461,85
Franz Beckenbauer663420121,85
Rudi Völler532911131,85
Erich Ribbeck2410681,50


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