EM 2008

Poldi-Poker als geheime Kommandosache

SID
Mittwoch, 04.06.2008 | 17:05 Uhr
em 2008, deutschland, podolski, löw
© Getty
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Ascona - Joachim Löw macht den Poker um Taktik und Aufstellung gegen Polen zur geheimen Kommandosache - kein Geheimnis wird im deutschen Lager allein um die Bedeutung eines Auftaktsieges bei der Europameisterschaft gemacht.

"Ein guter Start entfacht eine Euphorie, auf der nicht nur wir Spieler, sondern auch unsere Fans reiten", erklärte Torhüter Jens Lehmann vier Tage vor dem Turnierstart in Erinnerung an das WM-Sommermärchen 2006.

Auch DFB- Präsident Theo Zwanziger verdeutlichte, dass die "Bergtour 2008" bis zum Gipfel führen soll: "Die Menschen in Deutschland erwarten ein gutes Turnier und ein Team mit Charakter, das die Menschen in den Bann ziehen kann", sagte der Verbandschef, der die Mannschaft um Kapitän Michael Ballack im Teamhotel in Ascona auf das große Ziel eingeschworen hat: "Packen wir es an!"

Auch wenn der Delegationsleiter der Nationalmannschaft bei der ersten live übertragenen Pressekonferenz aus dem DFB-Medienzentrum in Tenero eine Mindestvorgabe an Löw vermied, wäre ein dritter Vorrunden-K.o. nach 2000 und 2004 wohl inakzeptabel.

Zwanziger vollen Lobes

"Ich habe nicht die Aufgabe, dem Bundestrainer Vorgaben zu machen. Löw ist ein großartiger Trainer. Ich weiß, dass er den Titel will. Das ist seine eigene Vorgabe", sagte Zwanziger.

Die sportliche Leitung steht dennoch in der Pflicht, nachdem der Verband mit einem bis zu 20 Millionen Euro hohen Etat für den erhofften "Spitzenerfolg" in Vorleistung gegangen ist.

"Jeder weiß, was er dem anderen schuldig ist und jeder weiß von dem anderen, welche Verantwortung er zu tragen hat", bemerkte Zwanziger.

Bewertung erst am Turnierende

"Natürlich bin ich mir der Verantwortung bewusst", betonte Löw, der allerdings angesichts der "Leistungsdichte" bei einer EM zurückhaltend mit Minimalzielen umgeht: "Man kann erst am Ende bewerten, was die Mannschaft gebracht hat."

Den Titelambitionen, die nicht nur er, sondern auch Spieler und Funktionäre immer wieder formuliert haben und die schon bei der Kader-Nominierung auf Deutschlands höchstem Berg symbolisiert worden waren, müssen nun Taten folgen. "Man muss hart arbeiten, mit großen Sprüchen geht das nicht", sagte Zwanziger, der ein "gnadenloses Turnier" erwartet.

"Sehr konzentriert und detailliert" werde beim WM-Dritten gearbeitet, versicherte Teammanager Oliver Bierhoff. Nach dem "intervallmäßigen Training" werden die Spieler für fünf Minuten zu "Eisbädern in einen großen Bottich" gesteckt.

Vorsicht vor Spionen

Die Arbeit findet aber fast ausschließlich hinter verschlossenen Türen statt. Ein öffentliches Training wird es während des Turniers nicht geben, und auch die mehr als 150 Journalisten mussten erneut nach dem Aufwärmen die kleine Stahlrohr-Tribüne am Übungsplatz verlassen.

Kein Medium und erst recht kein "Spion" sollen Polen-Coach Leo Beenhakker berichten können, welche Trumpfkarten Löw aus dem Ärmel schütteln will.

Erst einmal zaubert das seltene Glück, dass kurz vor dem Turnierstart alle 23 Akteure gesund und belastbar sind, Löw "ein Lächeln" aufs Gesicht, wie Bierhoff strahlend vermeldete.

"Wie stellen wir auf?"

Bei Aufstellungsfragen setzt die sportliche Leitung dagegen ein Pokerface auf: "Schwere Entscheidungen" stünden an, betonte Bierhoff ernst, hinter den Mauern des Hotels "Giardino" wird intensiv gegrübelt. "Es beginnt das Kopfzerbrechen: Wie stellen wir auf?", sagte der Manager.

Zur Schlüsselfigur ist Lukas Podolski geworden, auf den am Morgen ein Ständchen anlässlich seines 23. Geburtstages angestimmt wurde. Die Rolle des Münchners wird streng vertraulich behandelt - von seiner Verwendung hängt die gesamte Offensivbesetzung ab.

Podolski ist sowohl als Angriffspartner von Miroslav Klose als auch als verkappter Linksaußen im Mittelfeld eine Option für Löw. Die letztere Variante habe in der Nationalelf schon "ganz gut geklappt", sagte Podolski in einem "Welt"-Interview: "Aber eigentlich bin ich ein Stürmer."

Die Sorgen der Deutschen

Von "Poldis" Verwendung hängt ab, ob Bastian Schweinsteiger links oder rechts im Mittelfeld agiert und ob für Mario Gomez (Sturm) oder Clemens Fritz (rechtes Mittelfeld) ein Platz in der Startelf bleibt. "Es sind schwere Entscheidungen zu treffen", so Bierhoff.

Die Wackel-Abwehr um Jens Lehmann und Christoph Metzelder wird dagegen im Turnier zu alter Stabilität zurückfinden - das glaubt zumindest Deutschlands Nummer 1. "Wir Deutschen machen uns doch gerne Sorgen", konterte Lehmann Befürchtungen in dieser Richtung.

Immerhin ist mit der Defensiv-Abteilung beim Video-Studium der Testspiele eine intensive Fehler-Analyse durchgeführt worden, wie Lehmann verriet. "Die Trainer haben nochmal angesprochen, wie wir uns zu verhalten haben."

Dass der Torwart seine Zukunft mit dem Wechsel zum VfB Stuttgart rechtzeitig vor dem Turnierstart geklärt hat, wurde freudig registriert, wie Bierhoff bestätigte: "Wir sind froh, dass er die Diskussionen zur Seite geschoben hat."

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