Dienstag, 10.06.2008

EM 2008

"Leitwolf" Ballack gibt Ton an

Tenero - Antreiber, Anführer - aber kein Alleinherrscher: Michael Ballack ist die dominante Persönlichkeit in der Nationalmannschaft, aber das "Team 2008" verfügt über eine insgesamt gewachsene und intakte Hierarchie.

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© Getty

Diese Hierarchie war auch bei den letzten deutschen Triumphen 1990 (Weltmeister) und 1996 (Europameister) von großer Bedeutung. Joachim Löw hofft bei der EM auf einen ähnlichen Effekt: "Es ist von großer Wichtigkeit, dass die Mannschaft funktioniert, dass eine Grundharmonie vorhanden ist", sagte der Bundestrainer in Tenero und verwies auf eine "positive Gruppendynamik".

"Ich war nie der Typ, der die Führungsrolle verbal beansprucht. Aber ich fülle die Rolle als Kapitän gerne aus", bekannte Ballack. Im zweiten Vorrundenspiel am Donnerstag in Klagenfurt soll er die DFB-Auswahl in seinem 83. Länderspiel zum 40. Mal anführen. Damit würde der 31-Jährige mit Ehrenspielführer Uwe Seeler gleichziehen.


Nur vier Akteure waren in der 100-jährigen Länderspiel-Geschichte noch häufiger Kapitän: Lothar Matthäus (75 Mal), Karl-Heinz Rummenigge (51), Franz Beckenbauer und Oliver Kahn (beide 50). Den Torhüter hatte Ballack im August 2004 als Spielführer beim ersten Länderspiel unter Jürgen Klinsmann gegen Österreich (3:1) abgelöst.

Ballack gereift

Bei der EM erlebt man einen nochmals gereiften Ballack, der auch öffentlich immer deutlicher Position bezieht. Team-Manager Oliver Bierhoff sieht den Ex-Münchner durch den Umzug ins Ausland gereift:

"Michael hat der Wechsel zum FC Chelsea gut getan." Im Team ist er als Chef anerkannt und unumstritten: "Er ist einer, der sich unheimlich um die Mannschaft kümmert", berichtete der Bremer Turnier- Debütant Clemens Fritz: "Wir orientieren uns alle an ihm."

In Jens Lehmann (38), Torsten Frings (31), Miroslav Klose (30) und Christoph Metzelder (27) hat Ballack weitere erfahrene Akteure an seiner Seite, "die in der Lage sind, eine Mannschaft zu führen, die einen positiven Einfluss haben", wie Löw betonte.

Intakte Hierarchie notwendig

Bei der WM 1990 standen dem damaligen Kapitän Lothar Matthäus in Klaus Augenthaler oder Rudi Völler ebenfalls gestandene Akteure zur Seite. Und das von Klinsmann angeführte Europameister-Team von 1996 hatte in Matthias Sammer sogar einen weiteren heimlichen Spielführer.

Ballack findet es zwar gut, "dass das Platzhirschdenken von älteren Spielern sich verändert hat", dass auch jüngere Akteure Gehör finden und Einfluss nehmen dürfen. Aber eine intakte Hierarchie sei trotzdem notwendig:

"An meiner Seite sind sehr wichtige Spieler wie Torsten Frings und Jens Lehmann, die den Ton in der Mannschaft bestimmen. Das sind Stützen, die eine Mannschaft braucht."

Löws Gruppe regelt viele Dinge auf und außerhalb des Platzes inzwischen selbst, wie Metzelder bestätigte: "Das Trainerteam muss nicht mehr so viel in die Mannschaft hineingeben", sagte der Abwehrspieler, der Ex-Bundestrainer Klinsmann für diese Entwicklung verantwortlich macht: "Jürgen hat sehr viel Energie in diese Mannschaft gesteckt. Viel kommt aus den eigenen Reihen."

Löws Disput mit Frings

Zu dieser Einschätzung passt der kurze Disput zwischen Löw und Frings während des Spiels gegen Polen, als Trainer und Spieler beim Stand von 1:0 kurz über das taktische Verhalten stritten. "Das musste eben raus", kommentierte Frings. "Zwei Hitzköpfe" würden halt mal "zusammenrasseln", bemerkte der Bremer. "Wir waren kurz mal nicht einer Meinung", erläuterte Frings.

Hinter den aktuellen "Leitwölfen" baut sich bereits eine neue Hierarchie-Ebene um den eher stillen Per Mertesacker und Philipp Lahm auf, die in Zukunft tonangebend werden könnte. Der 24 Jahre alte Lahm ging mit einer klaren Ansage in sein drittes großes Turnier: "Man muss mehr Verantwortung übernehmen. Auch meine Meinung ist gefragt."


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